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Die zeitlose Botschaft des »Rorate – Tauet Himmel den Gerechten«

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Die Hirtenkinder studieren für das Kind in der Krippe ein Ständchen ein. (Fotos: Emsemble Tobias Reiser)

Über die Jahrtausende sehnten sich die Menschen nach Erlösung von Leid, Krieg, Angst, Terror, Unterdrückung, Heimatlosigkeit. »Rorate – Tauet Himmel den Gerechten« beginnt ein bekanntes Adventslied. Wie brandaktuell die Weihnachtsgeschichte ist, ließ das »Tobi Reiser Adventsingen« in einer gelungenen Mischung aus Schauspiel, altem Liedgut und Musik spüren, ohne das direkt zu thematisieren. Das Premierenpublikum in der großen Universitätsaula war begeistert. Für alle Aufführungen vom 8. bis 13. Dezember gibt es noch Restkarten.


Das Publikum sprach teilweise noch am Abend nach der Aufführung das Lob via Internet aus. »So schön war es schon lange nicht mehr«, schrieb ein Gast, »endlich wieder Perchten und Lesungen«. Gemeint war der Auftritt der »Rabenstoana Perchten« mit ihrem traditionellen Sommer-Winter-Spiel und der Vortrag von kraftvoll-hintergründigen, etwas anderen Advents-Texten des Salzburger Autors Walter Müller durch Schauspieler Peter Pikl.

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Josef Radauer lässt in seinem 2009 uraufgeführten Stück die Hirtenkinder auf dem Heimweg von der Rorate-Frühmesse allerlei Begegnungen mit den Figuren des weihnachtlichen Geschehens, aber auch mit Frauenträgerinnen und mythischen-mystischen Elementen erleben. Ergänzend erfährt der Besucher im Programmheft aus einer Einführung von Korbinian Birnbacher, Erzabt von Sankt Peter, dass der Tau in der Frühe in trockenen orientalischen Ländern wie ein kleines Wunder betrachtet wird, daher der sehnsuchtsvolle Ruf »Rorate caeli« in einem Gebet im Buch Jesaja.

Bezaubernd ist der Dialog zwischen den köstlich-naiv fragenden Kindern und dem älteren Hirten (Alfred Kröll), der sie humorvoll, liebevoll und väterlich auf dem wundersamen Weg begleitet. Was der alte Hirte erzählt, wird auf der Bühne Wirklichkeit, wie die Verkündigung: Maria wird von einem explosionsartigen Lichtstrahl getroffen. Madeleine Schwaighofer verkörpert in der Ave-Maria-Kantate von Wilhelm Keller mit weichem, geschmeidigem Gesang authentisch Marias rückhaltlose Offenheit für das Göttliche, im Wechsel mit dem Salzburger Dreigesang, Ernst Meixner (Josef) und Querflöte. Ein starker Moment war auch die Begegnung von Maria und ihrer Base Elisabeth (Walburga Roth), die danach fast philosophische Worte über die Verspottung des Andersartigen in der Gesellschaft, der zu frühen Mutterschaft Mariens und der allzu späten bei ihr selber, fand. Die Ebenen im Stück verschmelzen plötzlich: Die Hirtenkinder trösten Elisabeth, die bangt, ob sie in ihrem greisen Alter die Geburt ihres eigenen Kindes überhaupt noch erlebt.

Die anschließende Lesung des Müller-Textes »Wo geht er hi?« durch Pikl geht unter die Haut: Verse wie »Lass ma’s ins Land, ins Dorf, ins Haus? Oder jog’n ma’s erst morg’n bei der Tür wieder aus?« lassen unwillkürlich an den Umgang mit den ankommenden Flüchtlingen denken. Andere Texte thematisieren das Warten oder das Aufschieben auf später, das den melancholischen Nachtwächter (Kröll) davon abhält, sofort mit den orientalischen Hirtenkindern mitzugehen.

Die orientalischen Hirten sind eine weitere reizvolle Facette in dem Stück; sie stammen aus der quasi lebendig gewordenen Kirchenkrippe und treffen am Ende die Gebirgs-Hirten. Eine interessante Variante bei der Herbergssuche ist die nur von den Pongauer Bläsern angedeutete Abweisung bei den ersten beiden Wirten. Die trefflich gelungene Hirtenmusik der Kinder bezieht orientalische Klänge ebenso ein wie ein Wiegenlied und einen temperamentvollen Schleuniger. Das Ensemble Tobi Reiser mit seiner farbenreichen Besetzung untermalt eindrucksvoll mit dem »Perchtentanz« von Tobi Reiser das Sommer-Winter-Spiel der Perchten. Die Walchschmid Sänger, Andreas Gassner an der Orgel und Siegwulf Turek mit seinen mystisch-lichtdurchfluteten, an die Wand projizierten Zeichnungen, sie alle tragen zu dem ergreifenden Gesamtkunstwerk bei.

Ein Herz für Bedürftige zeigten die Besucher der Generalprobe: Ihre Spenden für die »Salzburger Wärmestube« wurden gleich nach der Premiere dem Vorsitzenden Johannes Orsini-Rosenberg, übergeben. Der Verein versorgt junge alleinerziehende Mütter, kontaktsuchende Menschen, junge Arbeitslose oder Obdachlose am Donnerstag, Samstag und Sonntag kostenlos mit drei Mahlzeiten.

Für die weiteren Aufführungen von »Rorate« sind Restkarten im Kartenbüro Polzer unter Telefon 0043/662/89690 oder an der Abend- beziehungsweise Tageskasse erhältlich. Gespielt wird am Dienstag um 15 Uhr, am Freitag, 11. Dezember, um 19 Uhr, am Samstag, 12. Dezember um 15 und 19 Uhr sowie am Sonntag, 13. Dezember, um 15 Uhr. Veronika Mergenthal