Diskussionen um Wiederaufbau der Kunsteisbahn nach der Regenflut

Diskussionen um Wiederaufbau der Kunsteisbahn nach der Regenflut
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Der verwüstete obere Bereich der Kunsteisbahn am Königssee. Ob die Bahn wieder aufgebaut wird, weiß derzeit noch niemand. (Foto: Wechslinger)

Schönau am Königssee – Die Regenflut mit dem Abgang von großen Muren Mitte Juli hat die Kunsteisbahn am Königssee arg in Mitleidenschaft gezogen. Die Diskussionen um einen Wiederaufbau sind bereits im Gange, Befürworter und Skeptiker melden sich zu Wort. Der »Berchtesgadener Anzeiger« bat Hannes Schneider und Max Burghartswieser, die Vorsitzenden von WSV Königssee und RC Berchtesgaden, um eine Einschätzung.


Herr Schneider, Herr Burghartswieser, das Berchtesgadener Land brachte immer wieder große Talente in allen drei Bahnsportarten an die Weltspitze. Jetzt gibt es wohl auf Jahre keinen Sport mehr auf der Kunsteisbahn. Wie hält man da den Nachwuchs bei der Stange und generiert neue Nachwuchskräfte?

Max Burghartswieser: Für den Rodelclub Berchtesgaden, einen der erfolgreichsten Wintersportvereine weltweit, wird es nun natürlich sowohl finanziell als auch organisatorisch wesentlich aufwendiger, den Sportbetrieb für den Nachwuchs aufrecht zu erhalten. Die Kunsteisbahn am Königssee war und ist die wichtigste Basis für die Ausbildung und den Aufbau neuer Nachwuchssportler und die Grundlage für den sportlichen Erfolg der Region. Die anderen Kunsteisbahnen in Deutschland und auch in Österreich haben sportlich fair reagiert und unserem Stützpunkt viel Unterstützung in Form von Trainingszeiten zugesagt. Dafür sind wir natürlich sehr dankbar, auch wenn diese auf den näher gelegenen Bahnen in Österreich bezahlt werden müssen. Um das Positive zu sehen: unsere jungen Sportler haben so die Chance, auf Bahnen zu fahren, die sie sonst erst viel später kennenlernen würden.

So können wir unseren Nachwuchs aufgrund der unterschiedlichen Bahn-Charakteristiken vielseitiger ausbilden. Für den Verein sehen wir die Chance, enger zusammenzurücken und gemeinsam alles für die Zukunft Notwendige zu tun, um gestärkt aus der Situation herauszukommen.

Hannes Schneider: Mit den bereits aktiven Sportlern wird der Trainingsbetrieb auf anderen Bahnen durchgeführt. Es müssen natürlich alle sehr viel mehr Zeit mitbringen und es werden große finanzielle Kosten für den Verein anfallen. Schwieriger wird es, Nachwuchskräfte zu generieren, weil der Anlaufpunkt fehlt und ein Schnupperrodeln gar nicht mehr durchgeführt werden kann.

Glauben Sie an eine Wiederherstellung der Bahn?

Schneider: Glauben weniger, aber hoffen darf man ja. Der Wiederaufbau wäre natürlich sehr schön und wünschenswert, liegt aber nicht in unseren Händen.

Burghartswieser: Natürlich bestehen Hoffnung und Zuversicht, dass die Bahn wiederhergestellt wird. Sie ist ja nicht nur unsere Betätigungsstätte und die unseres Sport-Nachwuchses, sondern nicht zuletzt ein wichtiger Wirtschaftsfaktor und touristischer Anziehungspunkt im Talkessel. Alles, was wir bisher gehört haben, ist ja eher spekulativ. Daran möchten wir uns nicht beteiligen. Erst wenn alle Gutachten erstellt wurden, ist eine fundierte Einschätzung möglich und auch erst dann können wir die weiteren Schritte für uns planen. Ich persönlich würde mich sehr freuen, wenn die Kunsteisbahn schnellstmöglich wieder in Betrieb genommen werden könnte. Selbst habe ich dort viele sportliche Höhepunkte erlebt, meine komplette Jugend habe ich dort verbracht und mithilfe des Sports viel fürs Leben gelernt.

Nach ersten Schätzungen kostet die Wiederherstellung der Bahn knapp 54 Millionen Euro. Oft sind die Kosten im Nachhinein größer. Wie denken Sie darüber?

Burghartswieser: Sicherlich muss das Ganze bezüglich der Akzeptanz auch wirtschaftlich und gesellschaftlich hinterfragt werden. Das wird ein sehr spannender Prozess, der wahrscheinlich einige Zeit, die wir eigentlich nicht haben, in Anspruch nehmen wird. Auf der anderen Seite wurden in den vergangenen Jahren weltweit auch einige Bahnen komplett neu gebaut. Das fachliche Know-how in den Bahnbaukommissionen der Welt-Fachverbände kommt ja wesentlich aus dem hiesigen Stützpunkt. So sind die Kosten für den kompletten Neubau sowie auch die Sanierung beziehungsweise Wiederherstellung einer Bahn vermutlich recht gut abschätzbar. Der für alle Anlieger ohnehin notwendige Aufwand für die Absicherung gegen neue Erdrutsche ist hier wahrscheinlich wesentlich schwieriger kalkulierbar.

Schneider: Wenn es auch für nicht so sportbegeisternde Bürger eine Unsumme ist, darf man die Werbewirksamkeit (Fernsehübertragungen), die Erfolge unserer heimischen Sportler, die Übernachtungseinnahmen, die Schaffung von Arbeitsplätzen und vieles anderes mehr nicht vergessen.

Machen Sie sich Gedanken, was passiert, wenn die Bahn nicht mehr hergerichtet wird, weil die Gelder für den Wiederaufbau fehlen?

Burghartswieser: Wie schon gesagt, ist derzeit alles offen. Wenn die Fakten auf dem Tisch liegen, werden wir unsere Entscheidungen und Handlungen danach ausrichten. Wir sind uns der Verantwortung für diesen traditionellen und sportlich sehr erfolgreichen Verein bewusst und werden alles Notwendige dafür tun, dass wir weiterhin eine sportliche Rolle spielen.

Schneider: Sollte die Bahn nicht mehr aufgebaut werden, wird es natürlich sehr schwer, Rodel-, Bob- und Skeletonnachwuchs zum Sport zu bringen und weiter so große Erfolge zu haben.

Würden sich bei einem Abbau der Bahn der Rodelclub Berchtesgaden und die Rennrodelabteilung im WSV Königssee auflösen oder ginge man vielleicht sogar zurück zum Naturbahnrodeln?

Burghartswieser: Darüber haben wir uns bisher keine Gedanken gemacht. Wie vorhin bereits geschildert, sind wir uns unserer Verantwortung bewusst und werden im Sinne des Vereins handeln, sobald die Fakten auf dem Tisch liegen.

Schneider: Die Rennrodelabteilung würde sich sicher nicht auflösen. Aber eine Abteilung ohne Veranstaltungen und unter sehr schwierigen sportlichen Voraussetzungen ist sicher eine große Herausforderung. Naturbahnrodeln könnten wir nur schwer durchführen, da uns voraussichtlich eine richtige Trainingsstrecke fehlen würde und auch keine Fachleute zur Verfügung stehen.

Christian Wechslinger