»Do stengan fremde Leit vor da Tür«

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Wirt Ferdl (Franz-Josef Fuchs), Anderl (Michael Gallinger), Moni (Gabi Trattler), Toni (Willi Schwenkmeier) und (von hinten) Seppi (Christoph Stoiber). (Foto: Ortner)

Die Vorweihnachtszeit ist voll von Krippenspielen und Herbergssuchen. Meist mit dem »Happy End« der Geburt des Jesukindes und dem Frohlocken der Engel. Doch schon Ludwig Thoma hat in seiner »Heiligen Nacht« vehement dagegengehalten und die mühsame und entwürdigende Herbergssuche in den Mittelpunkt gestellt.


Gespickt war diese mit Sozialkritik, die leider erschreckend zeitlos ist und auch in der Gegenwart kaum an Aktualität eingebüßt hat. In Anlehnung an diese Haltung haben Autor Willi Schwenkmeier und Regisseur Franz-Josef Fuchs eine zeitgenössische Herbergssuche inszeniert. In einem bayerischen Wirtshaus. Im Mittelpunkt stehen nicht die Suchenden, sondern die, um deren Hilfe gebeten wird.

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Ferdl, der Wirt (Franz-Josef Fuchs) ist ein ausgemachter Grantscherm, der sich einer bisweilen recht drastischen Ausdrucksweise bedient und dessen Hilfsbereitschaft da aufhört, wo sie dem eigenen Geldbeutel nicht mehr nützt. Toni (Willi Schwenkmeier) ist wie der Wirt auch schon ein etwas älteres, nicht arg gut aufgelegtes Semester, das daheim wohl nicht recht viel zu melden hat, und seinen Frust lautstark in den Stammtischdiskussionen kundtut. Der Anderl (Michael Gallinger) ist ein gutes Stück jünger und leidet hin und wieder schon etwas unter seinen grantigen Kartenkumpanen.

Heute eint sie vor allem eins: die Flucht aus den heimischen vier Wänden vor der weihnachtlichen Geschäftigkeit ihrer besseren Hälften, und die Lust, als Ausgleich dafür eine zünftige Schafkopfrunde zu spielen. Allerdings glänzt der vierte Mann im Bunde, der Seppi (Christoph Stoiber), noch durch Abwesenheit, was das Trio lästernd kommentiert. Zu weich sei er und stünde zu sehr unter der Fuchtel seiner Ehefrau. Und dann ist da noch die Moni (Gabi Trattler), die Bedienung, die den ganzen Laden zusammenhält. Resolut, aber umsichtig und mit einer guten Beobachtungsgabe gesegnet, hat sie nicht nur den Stammtisch gut im Griff, sondern informiert in ihren Kommentaren und Monologen auch das Publikum – über die Protagonisten und auch das Geschehen vor der Haustür. Sie ist diejenige, die ahnt, dass heute Nacht etwas Ungewöhnliches geschehen könnte…

Endlich ist die Kartlerrunde komplett. Eigentlich ist ausgemacht, dass am Heiligen Abend ausnahmsweise nicht politisiert wird. Aber da eine »Schafkopfrunde an einem bayerischen Stammtisch der einzige Platz ist, wo man Dinge sagen darf, die man sonst niemals sagen würde«, kommt es, wie es kommen muss, und spätestens nach einem Stich wird politisiert und es prallen Welten aufeinander. Ferdls und Tonis Parolen und festgefahrene Ansichten dröhnen durch den Saal und dulden keinen Widerspruch, als seien sie die alleinige Wahrheit.

Sie sind von der radikalen, uneinsichtigen Art, wie sie uns leider mittlerweile auch im realen Leben täglich begegnen. Neid, Missgunst, Misstrauen, Hass auf und Angst vor dem Unbekannten und Neuen. Anderl, der Ruhige und Besonnenere, trägt seine Meinung nicht so offen vor sich her und denkt erst nach, bevor er Kontra gibt. Sollten aber er und der gutmütige Seppi mal recht haben mit ihren Gegenargumenten, greift der übliche Automatismus und alles ist Lüge und Fake News. Die Lage droht zu eskalieren, als Moni aufgeregt berichtet, dass zwei Menschen vor der Tür stehen auf der Suche nach einer Unterkunft.

Bis auf den Wirt rennen alle nacheinander hinaus, »um sich das anzusehen«. Es sind eine junge Frau, hochschwanger, und ein junger Mann, die sich auf der Flucht getroffen haben und zusammengeblieben sind. Der Wirt will nichts damit zu tun haben, die zwei haben unter seinem Dach nichts verloren. Die Ansage in unfassbar drastischen und kaltherzigen Worten findet auch noch Tonis Zustimmung. Seppi, der den beiden helfen will, wird verbal niedergemacht, bis dem Anderl so richtig der Kragen platzt und er den beiden boshaften Alten ordentlich die Meinung sagt. Erreichen tut er damit leider genau gar nichts. Der einzige, der beherzt handelt, ist Seppi. Der nimmt die beiden kurzerhand mit nach Hause, um ihnen zu helfen.

An diesem Stammtisch finden sich die verschiedensten Charaktere wieder: Hetzer, Mitläufer und kurzentschlossene Helfer. Die Kartler haben dem Publikum einen Spiegel vorgehalten, in dem sich jeder irgendwo wiedererkennt. Mal ein bissl schärfer, mal ein bissl schwächer. Vielleicht auch mit leiser Freude, einem kleinen Schaudern oder einem trotzigen »ist ja auch so«. Die Herbergssuche ist ein zeitloses Werk, das keinen kalt lässt. Gleich, aus welchem Blickwinkel man sie betrachtet. Und so ist es auch an diesem Abend. Keiner geht nach der Premiere unberührt nach Hause, vielen ist es ein Bedürfnis, noch darüber zu reden und in kleinen Grüppchen zu diskutieren. Und immer wieder kreist auch die Frage: »Was würde ich tun, wenn sie vor meiner Tür stünden?«

Weitere Vorstellungen finden am morgigen Sonntag und am vierten Adventssonntag, 23. Dezember, jeweils um 18 Uhr im Studio 16 an der Bahnhofstraße in Traunstein statt. Maria Ortner