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Dramatische Zuspitzungen

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Der Pianist Alexej Gorlatch betont vor allem das Dramatische bei Chopin. (Foto: Frei)

Sein Gastspiel im Chiemgau war ziemlich mutig. Immerhin ist William Youn, mit Nils Mönkemeyer Co-Leiter der »InselKonzerte«, ein Experte für Frédéric Chopin. Wenn Youn die Klaviermusik von Chopin interpretiert, entfaltet er einen perlenden und zugleich vielfach verdüsterten Lyrismus. In seiner Sicht wird vollends deutlich, wie sehr Chopin im wahrsten Sinn ein Klangpoet ist.


Bei Alexej Gorlatch ist das ganz anders. Der 32-jährige Pianist, wie Youn ein Schüler von Karl-Heinz Kämmerling, betont vor allem das Dramatische bei Chopin. Mit diesem Profil hat der gebürtige Ukrainer im Bibliothekssaal des Augustiner Chorherrenstifts auf der Herreninsel kräftig gewürzte Zuspitzungen aus der »Études«-Auswahl op. 10 herausgestellt. Das hat fraglos einen besonderen Reiz, denn: Gorlatch vermeidet ein weichgespültes, kitschiges Klimperspiel.

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Damit positioniert sich der Gewinner beim ARD-Musikwettbewerb 2011 in München in der Chopin-Deutung ganz anders als die Mehrheit seiner Altersgenossen. Hierin ähnelt Gorlatch grundsätzlich Youn, nur finden sie gänzlich andere Lösungen. Besonders gut funktionierte Gorlatchs Ansatz in der »Polonaise Héroique« As-Dur op. 53. Doch schon in den sechs »Études« aus op. 10 machte sich stellenweise eine gewisse Vordergründigkeit breit.

Im vollgriffigen, sehr direkten Spiel blieb das Schattenhafte und Geheimnisvolle etwas verborgen. Dafür aber entfaltete sich ein packender Sog. Auch in den »Nocturnes« Es-Dur Nr. 2 aus op. 9 und c-Moll Nr. 1 aus op. 48 interessierte sich Gorlatch nicht so sehr für die klangliche Sinnlichkeit. Stattdessen verblüffte er mit einer individuellen, freien Ausgestaltung der Tempi.

Durch diese ungewöhnliche Agogik entwickelte sich in den sonst gern verträumt gespielten »Nachtstücken« ein subtiler Puls: stets im Fluss, mal nervöser oder innehaltend. In Bruchteilen von Sekunden konnte sich die Stimmung unterschwellig ändern. Damit räumte Gorlatch mit dem Klischee auf, wonach die romantischen »Nachtstücke« harmlose Träumereien seien. Man muss nur E.T.A. Hoffmann lesen, um zu begreifen, dass es eben nicht so ist.

Zuvor hat Gorlatch sein Klavier-Rezital auf Herrenchiemsee mit Ludwig van Beethoven gestartet. Von dem diesjährigen Jubilar spielte er die sogenannte »Sturm«-Sonate Nr. 17 in d-Moll op. 31 Nr. 2. Der Beiname verweist auf das gleichnamige Theaterstück von William Shakespeare. Anton Schindler, der erste Beethoven-Biograf, hatte ihn in die Welt gesetzt. Man muss kein Freund der Beethoven-Sicht Schindlers sein.

Allerdings ist das »Schindler-Bashing« so alt wie die Beethoven-Forschung selber. Der bedeutende Musikpublizist Martin Geck sieht es ganz entspannt und nüchtern. Der Verweis auf die Literatur habe seinerzeit generell der Musik zusätzlich geholfen, sich aus ihrer Rolle der reinen Gebrauchs- und Repräsentationskunst gänzlich zu befreien. Für diesen Schritt stehen gerade der späte Mozart und Beethoven.

Das atmosphärisch dichte und in der Semantik überaus heterogene Spiel von Gorlatch machte hörbar, dass an Schindlers »Sturm«-Anekdote durchaus etwas dran ist. Jedenfalls arbeitete Gorlatch mit abrupten Wechseln im Ausdruck und Charakter. Das verweist auf die offene, freie Perspektive, mit der Shakespeares »Sturm« das Theater revolutioniert hatte. In Gorlatchs Spiel wurde auch deutlich, wie sehr das instrumentale Rezitativ im Kopfsatz etwas Bedeutsames ausdrücken möchte: ohne Worte. Ein packender Beethoven!

Marco Frei