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Drei Posaunen und eine Orgel

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Matthias Roth begleitete an der Orgel das Posaunen-Ensemble »Oltremontano« mit Wim Becu (von links), Fabien Moulaert und Robert Schlegl. (Foto: Janoschka)

Das Ensemble »Oltremontano« hat das Publikum in der evangelischen Stadtkirche Bad Reichenhall in die Zeit der Renaissance und des Frühbarocks entführt. Die drei Posaunisten, Wim Becu als Leiter, Fabien Moulaert und Robert Schlegl, nahmen die Zuhörer gemeinsam mit Kirchenmusikdirektor Matthias Roth an der Orgel nicht nur auf eine Zeitreise mit, sondern auch auf eine Reise in die musikalischen Zentren der Länder, die in der Musikgeschichte der damaligen Zeit wichtig waren – vom franco-flämischen Kulturraum nach Italien, Spanien und zurück nach Deutschland. Wieder zu Hause angekommen, ersetzten sie die Posaunen durch drei Alphörner und überraschten die Besucher mit wunderbaren alpenländischen Klängen.


Das Ensembles »Oltremontano« umfasst, wie Robert Schlegl erklärte, die Instrumentalisten und Komponisten der franco-flämischen Vokal- und Instrumentalpolyfonie, die in dem von Wim Becu 1993 als Plattform für historische Blechblasinstrumente gegründeten Ensemble zu Wort kommen. Wim Becu ist auch Dozent an der Akademie für alte Musik in Bremen und an der Hochschule für Musik und Tanz in Köln.

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Die Kompositionsweise der Renaissance vorgestellt

Mit »Malheur me bat« des franco-flämischen Komponisten Jacob Obrecht, der in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts bis zu seinem Tod 1505 wirkte und bereits damals zu den großen Meistern zählte, erfüllten die drei Posaunisten vom Eingangsbereich der Kirche aus den Raum mit den Klängen Alter Musik und stellten musikalisch das Lebensgefühl und die Kompositionsweise der Renaissance vor, die durch sich verschränkende, melismatische Melodielinien gekennzeichnet ist.

Matthias Roth spielte an der großen Orgel auf der Empore »Tandernack« aus der Basler Tabulatur – eine spezifische Orgelnotation – mit vielen Verzierungen. »Male bouche« von einem anonymen Komponisten spielten die Posaunisten auf der rechten Seite im Altarraum, bevor sie, begleitet von Matthias Roth an der Truhenorgel, die links positioniert war, mit dieser in der »Toccata Athalanta« des Italieners Aurelio Bonelli (ca. 1569-1620) in einen Dialog traten.

So deuteten die Instrumentalisten an, wie Mitte des 16. Jahrhunderts komponiert wurde: Durch die räumliche Trennung der Musiker war damals in San Marco in Venedig die venezianische Mehrchörigkeit entstanden, in deren Stil Bonellis Toccata komponiert ist. Heinrich Schütz (1585-1672) habe diese Technik in Deutschland auf das höchste ästhetische Niveau gehoben, informierte Robert Schlegl, der auch die Familie der Posaunen in ihren verschiedenen Registern – die gemeine oder Sopran-Posaune, Alt-, Tenor- und Bassposaune – vorstellte.

Virtuose und delikate Interpretationen

»Canzona detta la Lanciona« von Girolamo Frescobaldi (1583-1643), zeigte wieder das ganze Klangspektrum der drei Posaunen und der Orgel. Der spanische Komponist Cristobal de Morales (1500-1553) schrieb mit der Motette »Domine Deus« ein Werk, das Wim Becu auf der Bassposaune mit Orgelbegleitung virtuos und delikat interpretierte. In »Canzon 22 a due tenori« von Bartolomeo Selma y Salaverde (1595-1638), traten Wim Becu und Robert Schlegl mit ihren Tenorposaunen in Dialog. Typisch für dieses Werk waren die verschiedenen Anblastechniken von gestoßen bei schnellen Passagen bis legato bei getragener Phrasierung.

Nach dem Aufenthalt in Spanien lud »Ich bin die Auferstehung« aus »Kleine geistliche Konzerte« von Heinrich Schütz (1585-1672) mit drei Posaunen und Orgel zur Meditation ein. Aber auch Tänzerisches kennzeichnet die Renaissance, so die Sätze »Pavane Dolorosa, Courant, Courant Dolorosa, Allemande« aus der Tanzsuite von Samuel Scheidt (1587-1654).

Johann Jakob Frobergers (1616-1667) »Toccata in d« für Orgel solo und »Bone Jesu, verbum Patris« aus »Kleine geistliche Konzerte« von Heinrich Schütz für alle vier Mitwirkenden beendeten die Reise durch das Europa der Renaissance. Die beeindruckende Zugabe mit den drei Alphörnern war der überraschende Schlusspunkt, nach dem die begeisterten Zuschauer Beifall spendeten – für ein sowohl musikwissenschaftlich interessantes Konzert als auch für eine wohltuende Meditationsstunde für den Geist. Brigitte Janoschka

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