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Dreizehn Köche um sie stehn …

»Tiefer Wald. Im Hintergrunde der Ilsenstein, von dichtem Tannengehölz umgeben …« So heißt es bei Adelheid Wette, die Engelbert Humperdinck im ausgehenden 19. Jahrhundert das Libretto für seine Oper »Hänsel und Gretel« lieferte. So steht es auch im aktuellen Textbuch der verschlankten, ziemlich »anderen« Version des spätromantisch-wagnerisch vertonten Märchens der Brüder Grimm von den sich im Wald verlaufenden armen Geschwistern, die eine böse Hexe in ihrer Lebkuchenhütte dorthin verfrachten, wo der von ihr angefütterte Hänsel hätte braten sollen.

Tara Erraught und Hanna Elisabeth-Müller holen sich mit dem Staatsopernkinderchor und seinem Leiter Stellario Fagone den verdienten Premieren-Applaus. (Foto: Hans Gärtner)

Weder Wald noch Ilsenstein noch Tannengehölz, schon gar kein alter Ziegelbackofen der lüsternen Knusperhexe sind in der Deutung von Regisseur Richard Jones zu sehen. Alles, aber auch alles ist bei ihm anders als gewohnt. Die Uralt-Inszenierung Herbert Lists, 47 Jahre lang, immer wieder mal runderneuert, um Weihnachten an der Bayerischen Staatsoper gezeigt – mit Engelschar, Knusperhäuschen und tiefem, tiefem Tann, hat ausgedient.

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Wer die Neufassung am Münchner Nationaltheater erlebt, muss sich von allem Überkommenen verabschieden. Er wird, wenn er ehrlich ist, ganz neu beglückt. Jones' Konzept passt prima auf die vor 15 Jahren erstellte orchestral-kritische Erneuerung der Oper durch Hans-Josef Irmen. Ihr schloss sich der aus Brünn herbeigerufene famose Tomàs Hanus voll und ganz an, der, nach seiner bravourösen »Rusalka« am Haus, nun auch sein Herzblut an die entrümpelte, tiefenpsychologisch deutbare, Kinderängste ebenso schürende wie letztlich abbauende Neo-Version verschwendet.

Blut – das ist es, was das Auge nicht müde werden darf, zu akzeptieren. Es trieft auf Esstellern und klebt an den Protagonisten. Im Bild mit dem berühmt frommen »Abendsegen« – einem Wald-gleich ausstaffierten Saal eines verwunschenen Schlosses mit Geweih-Kronleuchter und hochgehörntem Dienerpersonal (Ausstattung: John Macfarlane) – schmieren sich die von ihren herzlosen Eltern (Janina Baechle, Alejandro Marco-Buhrmeister) verstoßenen Kinder mit Erdbeer-Rot voll. Oder ist es Hagebutte? »Abends, will ich schlafen gehn, / vierzehn Engel um mich stehn« singen sie. Doch es stehen dreizehn dicke, fette Köche in weißer Haube um sie herum, bedienen sie mit noblem Essen.

Ein Glück, dass es Tara Erraught und Hanna-Elisabeth Müller gibt, die das couragierte, sich neckende, aufgezogene Titelpaar so überzeugend spielen wie sie glitzerklar und anrührend singen. Auch Yulia Sobolik, das Sandmännchen mit Skelett vor der Brust und Golda Schultz als Traummännchen passen in die skurrile Jugendfrische dieser Kinder, Kindsköpfe und Psycho-Fans bannende Inszenierung. Weniger Klamauk wäre in der mit Monster-Kühlkasten und -Backrohr bestellten Hexen-Küche mehr gewesen. Bis die Kuchenkinder lebendig werden und die von Rainer Trost herrlich feist und fies gegebene hurtige Hexe ausgezaubert hat und von allen verspeist ist, wird zu viel gesotten, gerührt, gemixt. Vor lauter Aktionismus geht Wesentliches flöten. Unglaubwürdig wird besondere die Rolle der ihren gewaltsam drangsalierten Bruder völlig aus den Augen verlierenden geschäftigen Gretel.

Was soll's – München hat einen neu von Benjamin Davis einstudierten »Hänsel«, eine neue »Gretel«. Sie und der präsente, stimmige Kinderchor Stellario Fagones im Schlussbild sind, mit einem Extra-Hallo für Hanus am Pult des blendenden Staatsorchesters, lauthals zu loben und sollten genauso lang auf dem Staatsopern-Spielplan bleiben dürfen wie die endgültig in den Feuerofen verfrachtete Alt-Münchner Märchen-Kiste. Hans Gärtner