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»Du kannst nur Mensch sein durch den anderen«

Inzell. Mit einem leidenschaftlichen Bericht über die Kultur der afrikanischen Völker, erklärt am ghanaischen Stamm der Ashanti, eröffnete Wilhelm Otte eine Ausstellung im Chiemgau-Stift. Mit Beispielen entkräftete er Vorurteile und gab Antworten auf die Überschrift der Ausstellung »Was können wir von Afrika lernen?«. Sie ist noch bis 4. Oktober täglich von 9 bis 17 Uhr zu sehen.

Der Sitz der Königinmutter ist eines der Exponate der Ausstellung »Was können wir von Afrika lernen?«, die noch bis 4. Oktober im Chiemgau-Stift Inzell zu sehen ist. (Foto: Bauregger)

Der 81-Jährige erinnerte an eine Frage, die er als eines von zehn Kindern auf dem elterlichen Bauernhof in Westfalen von seinem Vater immer wieder hörte: »Weißt du alles (über den Menschen, den Vorgang oder die Sache), um urteilen zu können?« Dieses Hinterfragen war die Grundlage, um die Kultur der Afrikaner als Missionar im Kongo, als Buschpilot oder beim Aufbau eines Instituts für Katechese und ländliche Entwicklung in Ghana verstehen und achten zu lernen.

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Erfolgreiche Entwicklungshilfe sei nur möglich, wenn man die Kultur der Einheimischen kompromisslos achtet und Unterstützung anbietet. Dies hätten aber weder die Kolonialmächte, noch Missionare, noch die Initiatoren der meisten Entwicklungshilfeprogramme beachtet. Die Ashanti sind mit 6 Millionen Menschen die größte Gruppe der 75 dort lebenden Völker. Für sie ist die Mutter des Königs die höchste Autorität im Hintergrund, während der König die Exekutive ausübt. Die Königinmutter hat einen eigenen Stuhl, der in der Ausstellung zu sehen ist. Das höchste »Heiligtum« ist ein »Goldener Stuhl« aus 75 Kilogramm Reingold, in dessen Korpus nach dem Glauben der Ashanti, alle Seelen des Volkes beheimatet sind.

Im Gegensatz zu den westlichen Schrift-Kulturen pflegen die Ashanti eine Wort-Kultur, in der die Wertvorstellungen in 300 Symbolen ausgedrückt werden. Einige sind auf den Exponaten dargestellt. Alle Lebensbereiche gehören zusammen und sind immer auf den Menschen bezogen. Die Wertvorstellungen werden ständig an Veränderungen angepasst.

Dabei meinen die Afrikaner, dass die Schrift das Wissen aus dem Kopf aufs Papier transportiert. Anhand von Bildern wird gezeigt, welche Möglichkeiten sich eröffnen, wenn das Erlebte spontan ausgedrückt werden kann, zusammengefasst in den Aussagen der Ashanti: »Wenn ich spreche, lebe ich, wenn ich singe, feiere ich, und wenn ich tanze, bete ich an«.

Botschaften werden im Kente-Gewand über die Farben symbolisiert. So steht Gold für Gott, Leben für König, Rot für die Gemeinschaft, Blau für das Firmament, Weiß für die Unschuld und Heiligkeit, und Schwarz für die Ahnen. Untrennbar gehören die Ahnen und das ungeborene Leben zur Kultur. Diese Einheit ist in einer Figurengruppe dargestellt, aus einem Stück Holz geschnitzt.

Otte ermunterte die Besucher der Ausstellung, sich mehr von herzgesteuerter Emotionalität und Hinwendung zum Menschen leiten zu lassen, der Mittelpunkt allen Handelns ist. Denn: »Du kannst nur Mensch sein durch den anderen.« Auch das ganzheitliche Denken, das den Menschen und die Zusammenhänge der Welt berücksichtigt, könne vieles verändern. Eine Brücke zwischen Christentum und afrikanischer Kultur könne dadurch geschlagen werden, dass man als Christ handelt, aber sich nie der Aufgabe für die ganze Gemeinschaft entzieht.

Flankiert wird die Ausstellung durch einen Gottesdienst am Donnerstag um 17 Uhr mit Pfarrer Pierre Makanga aus Übersee. Am Dienstag, 1. Oktober um 19 Uhr wird der Film »Die afrikanische Frau« gezeigt. wb