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Durch die Kunst sich selbst gefunden

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Museumsleiterin Friederike Reinbold und Kurt Rittig junior freuten sich über eine gelungene Ausstellung. Fotos: Anzeiger/Merker
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Die Sonne Italiens und seine Farben beeindruckten den Maler Rittig sehr. Deshalb schuf er diese italienische Straßenszene.

Berchtesgaden – Der Maler Kurt Rittig hatte alles verloren. Kein einziges seiner Werke überlebte den Krieg. In Bischofswiesen gelang ihm ein Neuanfang. Malend fand er sich selber und drückte das beeindruckend in seinen Werken aus. Eine Ausstellung zu seinem 100. Geburtstag im Museum Schloss Adelsheim zeigt noch bis 31. Oktober einen Überblick über das konzentrierte Schaffen des mit 49 Jahren viel zu früh verstorbenen Künstlers.


»Es waren ihm nur wenige Jahre kreativen Arbeitens vergönnt«, umriss Museumsleiterin Friederike Reinbold jene tragische Grundbedingung, die dem Werk Kurt Rittigs eigen ist. Denn mit erst 49 Jahren wurde er mitten aus dem Schaffen herausgerissen. »Trotzdem«, so Reinbold weiter, »hat er ein großartiges Werk hinterlassen.« Sie dankte seinem Sohn Kurt Rittig, der die Ausstellung initiiert hatte und der »eine ganz ähnliche Kreativität wie sein Vater hat, eben nur mit den heutigen Mitteln, dem Rundfunk und dem Film.«

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Der Vorsitzende des Vereins, Dr. Hermann Amann, fasste die Stimmung des Abends zusammen und sagte: »Wie würde sich der Künstler nach der Drangsal des Zweiten Weltkriegs freuen, heute, bei der Ausstellungseröffnung seiner Werke, seinen Sohn, seine Enkel und Urenkel zu erleben.« Amann wies auf das Porträt hin, das Kurt Rittig von seinem damals 16-jährigen Sohn gemalt hatte, und da besonders auf die nervöse rechte Hand, die die Ungeduld des jungen Mannes und seinen Drang zur Tat ausdrückt. Taten, auf die heute Kurt Rittig, ehemaliger Fernsehdirektor und Produzent, durchaus stolz zurückblicken darf.

»Aus der kurzen Lebens- und noch kürzeren Schaffensphase hat das Schicksal es für richtig gefunden, noch ein Jahrzehnt Krieg, Gefangenschaft und Heimatverlust herauszuschneiden«, stellte Kurt Rittig bei den einführenden Worten über das Leben und das Werk seines Vaters fest. Er erinnerte daran, dass sein Vater zu einer Generation gehörte, die verletzt und betrogen versuchte, nun in ihrem Leben und in der Kunst die Wahrheit zu suchen. »Verlässliche Maße gab es nicht mehr.«

Die Suche begann für Kurt Rittig in Bischofswiesen und schließlich kam er bei seinen letzten Bildern ganz bei sich an. »Er fand große und spürbare menschliche Zuwendung und künstlerische Anerkennung von kompetenter Seite.« Denn Oskar Kokoschka hatte den Künstler sehr unterstützt und gefördert. Rittig zitierte aus einer Rechnung von 1948, die er in den Unterlagen seines Vaters gefunden hatte und aus der hervorgeht, dass sein Vater ein Bild für 15 Mark und einen »wirklich noch nicht sehr gebrauchten Herrenanzug« verkauft hatte.

Kriegserlebnisse von der Seele malen

Bürgermeister Franz Rasp griff das Thema der verlorenen Jahre auf, meinte, dass sein Großvater gleich alt war wie der Künstler, er aber nicht die Möglichkeit hatte, sich die Kriegserlebnisse von der Seele malen zu können. Denn genau das hatte Rittig getan, wie in der Gedenkausstellung zu sehen ist. »Darum ist es nicht immer leichte Kost. Aber da hat sich einer gefunden, ist wieder ins Gleichgewicht gekommen.« Das drückt die stilistische Entwicklung der Bilder aus. »Wir sollten uns an dem erfreuen und dankbar sein, was Kurt Rittig geschaffen hat.« Das Suchen, das Entwickeln und die Veränderung sind in der Ausstellung gut für den Betrachter nachzuvollziehen. Am Anfang stehen zwei Bilder. Eines zeigt seine Frau Gretl, wie sie erschöpft an einem Tisch sitzt, die nackte Glühbirne erhellt den kargen Raum. Sinnbild für eine Familie, die alles verloren hat, die nicht weiß, was die Zukunft bringen wird. Auf dem anderen ist ein Clown gemalt, der inmitten von Trümmern sitzt und seine bunte Maske abgenommen hat. Selbst ihm ist das Lachen vergangen. Das ist sozusagen der Ausgangspunkt für die Suche des Künstlers Rittig. Die neue Heimat in Bischofswiesen bot viele Motive. Da ist einerseits die Landschaft, sind andererseits die Menschen, die er mit eindrucksvollen Porträts festhielt. Und dann kommen die ersten Reisen nach Italien.

Hell und klar und lichtdurchflutet

Lichtdurchflutet sind diese italienischen Bilder, hell und klar, und die Farben fangen an zu vibrieren. Sicher unter dem Einfluss von Kokoschka steigert er die Bewegung der Farbe und jene Bilder der letzten Schaffensphase entstehen. Es ist müßig, darüber zu spekulieren, wie die Entwicklung weitergegangen wäre. Der Weg in die Abstraktion wäre allerdings denkbar. Doch Rittig war nicht nur Maler, sondern er hat auch Bühnenbilder geschaffen, Buchumschläge gestaltet und illustriert. Malend hat Kurt Rittig sich gefunden und den kargen Raum der Anfänge gefüllt, die Trümmer beiseite geräumt und das Licht hineingelassen. Aus der Hoffnung erwuchs in seinem Leben und in seiner Kunst neue Sicherheit. Diesen Weg des Malers anhand seiner Bilder zu verfolgen, ist für den Besucher der Gedenkausstellung sehr bereichernd.

Die Ausstellung »Begegnung mit Kurt Rittig« ist im Museum Schloss Adelsheim noch bis 31. Oktober von Dienstag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr zu besichtigen. Christoph Merker