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Durchdringung von Dichtung, Malerei und Architektur

Er war der einflussreichste Architekt des 20. Jahrhunderts: Le Corbusier (1887-1965), eigentlich ein Pseudonym, unter dem er berühmt wurde. Überall auf der Welt, von Brasilien über Indien bis Nordafrika und natürlich Europa, stehen seine Gebäude, hat er Stadtplanungen realisiert. Doch Le Corbusier machte sich auch als Architekturtheoretiker einen Namen, entwickelte eine neue Farbenlehre und ist als Möbeldesigner bekannt. Nur ein einziger Bereich bildet noch immer die schwarze Stelle in seiner Biographie: Le Corbusier als Grafiker, Maler, Zeichner, Bildhauer – und Dichter.

Deshalb präsentiert die Pinakothek der Moderne in München nun in ihrer Architekturabteilung erstmals in Deutschland »Le Corbusier. Le poème de l'angle droit«, eine Mischung aus Bildern und Texten in schöner Architektenhandschrift. »Das Gedicht vom rechten Winkel« lässt sich durchaus als geistiges Vermächtnis des genialen Entwerfers sehen, als Konzentrat seines intellektuellen Kosmos. In den Jahren 1947 bis 1953 schuf er eine Folge von Lithographien, welche erst die neuere Forschung als »Selbstbildnis« interpretiert. Es besteht aus einem langen, in 19 Strophen gegliederten Text, die als Faksimile in der Ausstellung hängen, aber auch in deutscher Übersetzung der freien Verse nachvollziehbar sind. Korrespondierende Zeichnungen ergänzen, ja erklären die Gedichtpassagen, in denen es um Begriffe wie »Milieu«, »Geist«, »Fleisch« oder »Verschmelzung«, aber auch um Umwelt und den berühmten rechten Winkel geht, mit welchem der Mensch sich seine eigene Ordnung schafft. Bild und Text ergänzen, ja erklären sich gegenseitig und öffnen den Blick auf das architektonische Werk.

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Nach Le Corbusiers Meinung basiert die Baukunst auf Poesie, ist »ein Haus ein Gedicht aus vier Wänden«, sollen Malerei, Skulptur und Architektur eine Einheit bilden. Er, der selbst konsequent morgens malte und nachmittags an architektonischen Entwürfen arbeitete, nahm als weiteres Element noch die Natur in seine Gedankenwelt auf. So inspirierte ihn angeblich eine Krebs-Schale zum Dach der Kapelle von Ronchamps, nannte er einen Wolkenkratzer wie die Tanne »Sapin vert«, ja sammelte lebenslang Fundstücke aus der Natur.

Nach Le Corbusiers Willen sind die zentralen Bildwerke auf einer Wand in Form eines mehrgliedrigen Kreuzes angeordnet, wie sie sich in orthodoxen Kirchen befinden. Dadurch, dass der Architekt, der mit seinem aus pantheistischen Ideen geprägten Weltbild heute durchaus etwas esoterisch erscheint, dieses zentrale Werke zur »Ikonostase« erhob, zog er es in einen religiösen Bereich. Bei der Betrachtung dieser und weiterer Arbeiten fühlt man sich erinnert an Bilder von Künstlern wie Arp, Miro, aber auch Picasso, denn wie diese verschränkte Le Corbusier organische und figurative mit abstrakten Formen zu originellen Bildwerken in kraftvoller Farbigkeit, die den Vergleich zu anderen Künstlern nicht scheuen müssen. (Bis 2. 9.) Barbara Reitter