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Ein auskomponierter Abschied

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Nils Mönkemeyer (von links), William Youn und Daniel Müller-Schott haben für das letzte »InselKonzert« ein kluges Programm gewählt. (Foto: Frei)

Seine Worte berührten. »Für uns Musiker ist es unser Leben, auf der Bühne vor Publikum zu spielen. Wir sind allen dankbar, die uns dabei unterstützt haben, dass wir in diesem schwierigen Jahr die ‚InselKonzerte‘ durchführen konnten. Die Konzerte haben uns noch einmal den Sinn von allem klar aufgezeigt. Jetzt beginnt wieder die stille Zeit der inneren Einkehr.« Das sagte Nils Mönkemeyer, der mit William Youn die »InselKonzerte« auf Herrenchiemsee leitet.

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Es war das letzte Konzert der Reihe vor dem neuerlichen »Lockdown«. Sieben Stunden später traten die strengeren Corona-Maßnahmen in Kraft. Sie treffen die Kunst und Kultur erneut mit voller Wucht. Auch Konzertsäle und Theater müssen wieder schließen, vorerst bis Ende November. Für die »InselKonzerte« endet damit das Jahr. Für ihr gemeinsames Final-Konzert mit dem Cellisten Daniel Müller-Schott im Bibliothekssaal des Alten Schlosses haben Mönkemeyer (Bratsche) und Youn (Klavier) ein kluges Programm gewählt.

Mit dem »Gassenhauer«-Klaviertrio op. 11 von Beethoven, den »Fantasiestücken« op. 73 von Robert Schumann sowie dem Trio op. 114 von Johannes Brahms standen Werken an, die ursprünglich Klarinette vorschreiben. Die beiden Trios gab es in alternativen Fassungen mit Bratsche, die »Fantasiestücke« für Cello und Klavier. Noch dazu eint ein vielfach poetisches, auch märchenhaft oder fragil schwebendes Kolorit die Stücke.

Diese Klanglichkeiten passen vortrefflich in unsichere Zeiten und den drei Musikern gelangen veritable Hör-Wunder. Sie bilden kein festes Ensemble und doch wirkte ihr Spiel absolut stimmig und homogen. Bestechend die perfekte Balance in Dynamik, Artikulation und Phrasierung: Das war eine Partnerschaft in echtem Geist der Kammermusik. Bereits zu Beginn öffnete das »Gassenhauer«-Trio von Beethoven die Ohren, samt differenziertem Vibrato.

Der Beiname des Werks geht auf die Final-Variationen zurück, nämlich: die Melodie »Pria ch’io l’impegno« aus der Oper »Der Korsar aus Liebe« von Joseph Weigl. Sie war damals ein Ohrwurm. Ob dramatische Durchdringung, lyrisches Innehalten oder frecher Humor: Eine Ereignisdichte wurde da erreicht, wie man sie im Live-Konzert nur selten erlebt. Atmosphärisch dicht ging es mit den »Fantasiestücken« von Schumann weiter, wobei Müller-Schott und Youn die Nähe zu Schumanns »Märchenbildern« op. 113 herausstellten.

Der eigentliche Höhepunkt war jedoch das Brahms-Trio op. 114 von 1891. In der überaus nuancenreichen Interpretation von Mönkemeyer, Youn und Müller-Schott wurde deutlich, wie sehr das Werk ein auskomponierter Abschied ist. Die romantische Geste ist zwar präsent, aber: In allen vier Sätzen dünnt sich das musikalische Geschehen zusehends aus. Diese Reduktion von Material und Ausdruck verweist bereits auf die Avantgarde. Wie schon bei Beethoven und Schumann glänzte Youn auch hier als hellhöriger Kammer-Pianist.

Noch dazu offenbarte sich auch diesmal, wie sehr sich der Bratschenklang von Mönkemeyer im Corona-Jahr gewandelt hat. Er ist gelassener geworden, auch entspannter, aber keineswegs routinierter. Die unbedingte Lust am Risiko lodert weiter, jedoch flexibler. Im Frühjahr geht es mit den »InselKonzerten« weiter. Diese Reihe hat im Corona-Jahr Übergroßes geleistet. Das verdient eine besondere Auszeichnung! Marco Frei