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Ein bewegendes Stück Geschichtsunterricht

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Claudia Carus zieht als »Anne Frank« Jugendliche wie Erwachsene gleichermaßen in Bann. (Foto: Christina Canaval)

Ein junges Mädchen mit scheuen, aber hellwachen Augen mit schwarzer Baskenmütze, grauem Mantel, dunkelblauer Strickweste und grauem Strickschal hat eine lederne Schultasche und ein Geschenkpäckchen unter den Arm geklemmt. Freudig packt sie ein kleines Buch aus, ein Geburtstagsgeschenk ihres Vaters, das später zum weltbewegenden, unzählige Menschen berührenden »Tagebuch der Anne Frank« werden sollte. »Ich nehme an, dass später weder ich noch jemand anders Interesse haben wird an den Herzensergüssen eines dreizehnjährigen Schulmädels«, schrieb sie damals. Die junge Passauer Regisseurin Anna Stiepani hat dieses Tagebuch für das Salzburger Landestheater in den Kammerspielen als packendes Monodram in Szene gesetzt.


Der Innsbrucker Bühnenbildner und Bildhauer Karl-Heinz Steck schuf dafür ein eindrucksvolles Bühnenbild in Form eines spärlich möblierten Raums mit schwarzen Wänden. Hier bewegt sich Anne wie in einem Käfig und notiert dabei unentwegt ihre Beobachtungen und Gedanken. Das Tagebuch wird ihr zu klein; sie schreibt mit weißer Kreide an die Wände, auf den Boden, in die Luft, überall hin. Ihr Schreiben ist ein Aufschrei und Selbst-Vergewisserung in einem.

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Die jüdische Familie Frank war in die Niederlande geflohen und verbarg sich ab 6. Juli 1942 in einem Hinterhaus in Amsterdam, dort, wo Annes Vater Otto Frank zuvor die niederländische Niederlassung der Firma Opekta geleitet hatte. Anfang August 1944 wurde das Versteck entdeckt und die ganze Familie ins KZ Bergen-Belsen deportiert. Nur Annes Vater überlebte.

Die historische Anne ließ sich bei ihren schriftlichen Selbstgesprächen von einem beliebten Fortsetzungsroman inspirieren, dessen Heldin Joop auch Tagebuch schrieb und darin ihren Freundinnen von ihren Sorgen und Liebesbeziehungen erzählte. Niemand sollte je ihre Zeilen lesen. Im März 1944 änderte Anne ihren Plan, als sie im Radio hörte, dass der Bildungsminister der niederländischen Exilregierung nach dem Krieg die Unterdrückung durch die deutschen Besatzer öffentlich dokumentieren lassen will.

Sie überarbeitete ihre Aufzeichnungen und adressierte alle Einträge an dieselbe Freundin, eine fiktive »Kitty«. Diese Fassung diente als Grundlage für das Theaterstück, einschließlich der Passagen, die Annes Kritik an ihrer Mutter und Gedanken zu ihrer erwachenden Sexualität enthalten. Diese hatte Otto Frank, der das Tagebuch nach Annes Tod mit nur 15 Jahren herausgab, entfernt, doch sie tauchten später wieder auf.

Überzeugend schlüpft die aus Berlin stammende, ähnlich wie Anne unglaublich vielseitige Endzwanzigerin Claudia Carus trotz des Altersunterschiedes in die Rolle des anfangs oft rotzfrechen, unbeschwerten und temperamentvollen Mädchens, das sich in nur zwei Jahren zu einer vorzeitig erwachsen gewordenen, nachdenklichen jungen Frau wandelte. Die Verkörperung dieser reifen, ernsten Anne wirkte dabei noch natürlicher als die Darstellung der kindlichen Anne.

Mit diversen Stilmitteln wie dem Wechsel zwischen direktem Sprechen und der Einspielung der Stimme per Lautsprecher zur ausdrucksstarken Pantomime von Carus bringt Stiepani Spannung in das Stück. Durch ihre wunderbar klare Aussprache der treffsicheren, sprachgewandten Äußerungen der Tagebuchschreiberin zieht Carus ebenso in Bann wie durch ihre starke Gestik, Mimik und Körpersprache sowie den authentischen Ausdruck von Annes Gefühlen. Stereotyp unterbrachen »Luftangriffe« die Schreiberin und symbolisierten die unheimliche, latente Bedrohung.

Das Ringen um Normalität, das stufenweise immer gespenstischer werdende Szenario, das Schwanken der Eingeschlossenen, zu denen auch eine Familie mit dem 16-jährigen Sohn Peter und ein Zahnarzt dazu stoßen, zwischen Kuschelecke und Hassliebe, ihre Diskriminierung als Frau durch den Zahnarzt … unzählige Themen bringt Anne zu Papier.

Ihr Gefühl des Nicht-Verstanden-Werdens von Mutter und Schwester, ihr schlechtes Gewissen gegenüber ihren jüdischen Freundinnen draußen, ihre erste Liebe, die dem anfangs von ihr verachteten Peter gilt und an die sie sich wie an einen Strohhalm klammert: Claudia Carus bewegt mit diesem lebendigen Stück Geschichtsunterricht Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen.

Öffentliche Aufführungen gibt es nochmal am 15. Januar sowie am 17. und 18. Februar jeweils ab 19.30 Uhr. Veronika Mergenthal

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