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Helmut Ulrich hat sich am Dobelbach in Feichten bei Waging eine Werkstatt eingerichtet – Hier baut er wertvolle Streichinstrumente

Ein blinder Geigenbauer meistert sein Schicksal

Waging am See – Seit seinem 21. Lebensjahr ist Helmut Ulrich blind. Jetzt ist er 49, lebt in Waging und verdient seinen Lebensunterhalt damit, Geigen und andere Streichinstrumente zu bauen. Bis zu 1000 Arbeitsstunden investiert er in den Bau eines einzigen Instrumentes, dessen Preis dann in die Zehntausende gehen kann. Das ist ein Vielfaches dessen, was eine Geige »von der Stange« kosten würde. Es gibt Liebhaber, die solche Instrumente kaufen und von dem einzigartigen Klang der Ulrichgeigen fasziniert sind.

Wertvolle Streichinstrumente baut der blinde Geigenbauer Helmut Ulrich in seiner Werkstatt an der Dobelstraße in Feichten bei Waging. Bis zu 1000 Stunden Arbeitszeit wendet er auf, bis ein solches Instrument fertig ist.

Bronzefiguren bei Heinrich Kirchner gegossen

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Helmut Ulrich war ein lebensfroher (das ist er heute noch) und abenteuerlustiger junger Mann. Mit neun lernte er das Geigespielen und schon bald entdeckte der gebürtige Münchner seine Liebe zur Natur. Unter anderem arbeitete Ulrich nach der Schulzeit in der Gießerei des Künstlers Heinrich Kirchner in Ascholding zwischen Wolfratshausen und Geretsried. Kirchner, der sein Atelier seit 1970 in Pavolding in der Gemeinde Seeon-Seebruck hatte, wurde durch seine monumentalen, stark vereinfachten Menschen- und Tierplastiken aus Bronze bekannt.

Von der Landeshauptstadt aus zog es Ulrich immer wieder in die Berge in den Pinzgau. »In den Bergen gefiel es mir besser«, erzählte Ulrich dieser Tage in seiner neuen Werkstatt am Dobelbach bei Waging. Und besonders angetan hatte es ihm das Habachtal im Nationalpark Hohe Tauern. Als er dort die Chance sah, Arbeit zu finden, griff er zu: Mit zwei anderen Männern suchte er in einem alten Bergwerk nach Smaragden. Fast 100 Jahre zuvor hatten in der Mine noch 40 Arbeiter geschuftet, um die begehrten Edelsteine zu fördern.

Schicksalsschlag traf ihn im Smaragdbergwerk

In dem Bergwerk geschah auch das Unglück, welches das Leben des damals 21-Jährigen grundlegend verändert hat. Bei einer Sprengung ging etwas schief und der junge Mann verlor sein Augenlicht. Auf die Frage, ob er die Hoffnung habe, wieder einmal sehen zu können, wenn die Medizintechnik Fortschritte macht, lacht Helmut Ulrich: »Vielleicht in 200 Jahren, derzeit sind Glasaugen endgültig.«

Sieben Wochen lag Ulrich im Krankenhaus, ehe er die Welt als Blinder betrat und sein Leben neu ordnen musste. »Ich hatte Freunde, die mir geholfen und mich unterstützt haben«. Er begann damit, Trommeln aus Birnbaum- und Birkenholz zu bauen.

Besserer Klang dank wertvollem Tropenholz

Dann lernte er einen Holzhändler kennen, der ihm eine Trommel aus dem Kongo mitbrachte. Die war aus steinhartem Wengeholz gefertigt und hatte einen einzigartigen Klang. Die Wenge ist ein Baum, der im tropischen Regenwald in Kamerun, im Kongo und in benachbarten Ländern wächst. Ulrich suchte und fand einen Importeur, der das »heilige Holz des Kongo« im Sortiment hatte.

Eine seiner Geigen war defekt und Ulrich beschloss, das betreffende Teil auszuwechseln und dafür Wengeholz zu verwenden. Der Klang des Instrumentes wurde dadurch besser. Ulrich spielte zu jener Zeit in verschiedenen Musikgruppen in München mit und verdiente sich damit Geld. Nach dem Experiment mit dem Tropenholz an seiner Geige kam eins zum anderen und schließlich beschloss der blinde Musiker, selbst Streichinstrumente aus Tropenholz zu bauen.

Dazu muss man wissen, dass Streichinstrumente seit mehr als 300 Jahren traditionell aus Fichte und Ahorn gebaut werden. Er versuchte es dennoch mit afrikanischem Holz, das deutlich schwerer ist, weshalb man die einzelnen Teile des Instruments dünner machen muss. Weil das Holz so hart ist, findet man in Ulrichs Werkstatt viele Werkzeuge, die man für den Geigenbau üblicherweise nicht verwendet, sondern es eher in der Werkstatt eines Metallbauers vermuten würde.

Ein Jahr Arbeit für ein einziges Streichinstrument

In München gibt es noch etwa 30 Geigenbauer. Zu einigen hatte Ulrich Kontakt und sie alle wunderten sich, dass er aus so hartem Material ein Musikinstrument fertigen kann. Allerdings dauerte es bis zu einem Jahr, bevor er ein solches Instrument fertiggestellt hatte. »Heute geht es schneller«, lacht Ulrich. »Ich kann davon leben; ich bin sparsam.«

Kunden findet er zum Beispiel auf der Mondomusica, der Musikinstrumentenmesse in Cremona in Italien. Aber auch in den USA werden seine Instrumente gespielt. Einmal im Jahr fliegt er nach Nordamerika und zeigt seine Unikate auf einer Fachmesse, die in jährlich wechselnden Orten stattfindet; in Inidianapolis, in Cleveland und nächstes Jahr in Baltimoore.

Geige, Kontrabass, Cello und Viola d'amore

Helmut Ulrich baut nicht nur Geigen, sondern auch Celli, Kontrabässe und ein weniger bekanntes historisches Streichinstrument, die Viola d'amore, die sieben Saiten hat. Vor einigen Monaten hat er, der als Geigenbauer in der Handwerksliste eingetragen ist, seinen Wohnsitz von München-Neuhausen nach Feichten bei Waging verlegt. Auf eine Anzeige im Traunsteiner Tagblatt hin bekam er mehrere Angebote. Derzeit wohnt er im Haus von Martin Göstl; noch in diesem Jahr will er aber seine neue Wohnung oberhalb seiner Werkstatt am Ende der Dobelstraße beziehen.

»Hier habe ich vor, einige Zeit zu bleiben. Es gefällt mir hier. Ich koche gerne und fühle mich wohl.« Wie er das alles schafft, alleine und ohne zu sehen? »Unter jedem Dach ein Ach. Jeder hat seine Sorgen. Man kann sich auch ins Unwohlsein hineinsteigern. Ich will nicht in der Opferrolle verharren. Jeder muss seinen Weg gehen.« Aus diesen Worten klingen Stärke und ungebrochener Optimismus.

Holz aus vier Kontinenten in einer Geige verbaut

Und als sich der Gast verabschiedet und zum Gehen wendet, da hält ihn der blinde Geigenbauer zurück und zeigt ihm stolz sein neuestes Stück und erklärt, woraus die Geige besteht: Die Decke ist aus Teakholz aus Burma, Zarge, Hals und Boden sind aus kongolesischer Wenge; das Griffbrett aus Hartholz aus Brasilien. »Und im Inneren der Zarge habe ich auch Deutsches Holz verarbeitet. Das Holz dieser Geige kommt also aus vier Kontinenten«, erklärt Ulrich und verabschiedet den Besucher mit einem herzlichen »Auf Wiedersehen«. Klaus Oberkandler