Ein Duo-Konzert der Extra-Klasse

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Carolin Widmann und William Youn begeisterten auf Herrenchiemsee mit ihrem Sonaten-Programm der absoluten Extra-Klasse. (Foto: Frei)

Ihr lautes »Endlich!« war nicht zu überhören. Noch auf dem Weg vom Schiffsanleger zum Augustiner Chorherrenstift auf der Herreninsel hat das eine treue Besucherin der »InselKonzerte« ausgerufen.

Damit traf sie den Nerv aller Klassik-Freunde. Für acht Monate war die Kultur im harten Dauer-Lockdown. Noch beim letzten »InselKonzert« Ende Oktober hatten die Veranstalter Nils Mönkemeyer und William Youn von einer drohenden »langen, stillen Zeit« gesprochen.

Und jetzt die Wiederöffnungen in der Kunst, aber: Während in Fußball-Stadien in Bayern bis zu 14 000 Besucher zugelassen werden sollen, bleiben es bei Freiluft-Kultur schlappe 250 Personen. Eine Sondergenehmigung gibt es bislang nur für »Klassik am Odeons-platz« in München. Auch beim jetzigen ersten »InselKonzert« nach dem Lockdown waren die Regeln dieselben wie vorher.

Das Programm wurde zweimal aufgeführt, mit jeweils 50 Konzertgästen. An der Bayerischen Staatsoper in München durften hingegen bei der ersten Live-Premiere deutlich mehr Gäste Platz nehmen als vor dem Lockdown. Für kleine Veranstalter wie die »InselKonzerte« bleiben die Regeln fatal. Ein Konzert rechnet sich so nicht. Was vollends wegzubrechen droht, offenbarte das »InselKonzert« am Sonntag.

Ursprünglich sollte die Geigerin Arabella Steinbacher spielen, was allerdings wegen der kurzfristigen Öffnungen nicht möglich war. Stattdessen gastierte Carolin Widmann, und das war ein Gewinn. Mit Youn am Klavier gelang der Violinistin ein Sonaten-Programm der absoluten Extra-Klasse. Wie ihr komponierender und Klarinette spielender Bruder Jörg Widmann zählt die gebürtige Münchnerin zu den großen Klassik-Stimmen.

Sie ist nicht nur eine innovative Interpretin für zeitgenössische Musik, sondern gerade auch eine hellhörige, stilsichere Gestalterin des Erbes. Im Bibliothekssaal war eine Musikerin zu erleben, die sich nicht selbst zelebriert. Vielmehr vertieft sie sich kenntnisreich in die jeweilige Ästhetik und Geisteshaltung. Schon in der Violinsonate e-Moll KV 304 von 1778 von Mozart kultivierte Widmann ein höchst differenziertes Vibrato.

Hier regierte weder der dauerhafte, romantisierende Wackelfinger, noch bediente sie das Klischee eines strengen Non-Vibrato-Klangs. Widmann lebte genau das, was Mozarts Vater Leopold stets einforderte, nämlich: einen differenzierten, gezielten Einsatz dieses Mittels. Mit Youn hatte Widmann einen echten Mozart-Experten an ihrer Seite. Das zeigt allein seine hochgelobte Gesamtaufnahme aller Mozart-Klaviersonaten.

In der zwischen 1913/14 und 1921 komponierten Violinsonate von Leoš Janácek profitierte Widmann hingegen von ihren profunden Kenntnissen der Moderne. Manche Kontraste in der Dynamik im ersten und letzten Satz waren in ihrer Wirkung überaus kühn. Dieser Janácek war eben kein Spätromantiker wie so oft dargestellt, sondern ein Kind der Moderne. Eine Großtat wurde schließlich auch die Violinsonate Nr. 1 op. 105 von Robert Schumann.

Hier haben Widmann und Youn das »Lebhaft« des Finalsatzes so genommen wie von Schumann gedacht. Das Tempo wurde nicht hysterisch angeheizt. Umso vielfältiger kamen die Farben und der Ausdruck zur Geltung – samt feinster Phrasierung.

Bei den »InselKonzerten« geht es am 11. Juli weiter: mit Youn und dem Cellisten Julian Steckel. Hoffentlich werden dann mehr als die jeweils 50 Gäste zugelassen. Auch mit Mindestabständen zwischen den Sitzen wäre dies problemlos möglich.

Marco Frei