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Ein fulminantes, wahres »Quatuor brillant«

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Das Quatuor Danel im Kunstraum Klosterkirche (v. l.): Marc Danel, Gilles Millet, Vlad Bogdanas und Yovan Markovitch. (Foto: Kaiser)

Mit seinen 1781 geschriebenen sechs Streichquartetten op. 33 hatte Joseph Haydn nach eigener Aussage »auf eine gantz neue Besondere Art« einen »Prototyp Streichquartett« vorgelegt, der viele Komponisten anregte, Streichquartette zu schreiben. Es dauerte sechs Jahre (wenn man von dem Einzelgänger op. 42 aus dem Jahr 1785 absieht), bis Haydn wieder eine Sechserkette von Quartetten schrieb. Die Quartette op. 50 Hob.III: 44-49 aus dem Jahr 1787 sind sicher eine Reaktion auf die sechs Streichquartette, die W. A. Mozart zwischen 1782 und 1785 komponiert und Haydn gewidmet hat – ein »imaginärer Dialog«, der die Gattung Streichquartett gefördert, ja vorangetrieben hat.


Das Es-Dur-Quartett op. 50 Nr. 3 gehört zu den Raritäten im Konzertsaal. Das belgische Quatuor Danel (Marc Danel und Gilles Millet, Violinen, Vlad Bogdanas, Viola, und Yovan Markowitch, Violoncello) machte beim Konzert VI der diesjährigen Traunsteiner Sommerkonzerte eine phantasievolle Kostbarkeit daraus. Das Allegro con brio präsentierte Haydns tiefgründigen musikantischen Humor. Das Andante o più tosto Allegretto (»...oder eher Allegretto«), ein Variationensatz, beginnt mit einem Cellosolo (hier könnte der cellospielende Widmungsträger König Friedrich Wilhelm II von Preußen eine Rolle gespielt haben), Unterhaltungen der übrigen Streicher folgen – eine feinsinnige Diskussion mit hörenswerten und beglückenden musikalischen Entwicklungen. Temperamentvoll, mit einem kleinen volksmusikalischen Trio erklang das Menuet, und besonders das expressive Finale räumte gründlich mit dem Klischee vom behäbigen »Papa Haydn« auf.

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Wie sehr die Vier vom Quatuor Danel die Musik unter Spannung setzen, das unterstrich ihre ausgiebige Körpersprache, bei der interessanterweise auch die Beine »mitreden« durften. Dieses ganzheitliche Engagement drückte sich besonders im zweiten Werk des Abends aus, dem Streichquartett Nr. 15 a-Moll von Mieczyslaw Weinberg aus dem Jahr 1979. Ähnlich wie Haydn und Mozart »wetteiferten« auch Weinberg und Schostakowitsch (gestorben 1975) in der Abfolge und auch der Anzahl ihrer Streichquartette; bei letzterer »gewann« Weinberg »17 zu 15«. Die Kammermusik war für beide Komponisten ein Betätigungsfeld, in dem sie in der stalinistischen Ära am wenigsten kontrolliert und reglementiert werden konnten, in dem sie mit neuen Klängen und Formen experimentierten.

Weinbergs Streichquartett Nr. 15 gehört zu einer Trias mit Nr. 13 in einem Satz und Nr. 14 in fünf Sätzen. Die Nr. 15 besteht aus neun kurzen, mit Metronomangaben versehenen Sätzen, die sich als dreigliedriger Zyklus mit je drei Sätzen in der Abfolge langsam und introvertiert, rasch und zupackend, wieder verhalten und meditativ gliedern.

In angenehmen, ruhigen Dissonanzen bewegten sich con sordino der 1. und 2. Satz, etwas bewegter kam der dritte. Ungedämpft, aggressiv und mit vollem Risiko begann der 4. Satz, steigerte sich im folgenden zu hektischer Intensität, die bei Primarius Marc Danel einen Saitenriss provozierte. Nachdem er im Künstlerzimmer eine neue Saite aufgezogen hatte, stieg das Quartett bruchlos wieder in die brutalen Tonwiederholungen ein.

Nach einem rasenden Pizzikatoanfall des Cellisten beruhigte sich das Geschehen in den letzten drei Teilen, wieder traten – con sordino – meditative Elemente in den Vordergrund und mit einem zarten Quartsext-Akkord in klarem Dur endete Weinbergs Quartett. Es war frappierend, mit welcher Sicherheit und präzisen Abstimmung diese Sachverständigen im Œuvre Weinbergs dieses emotional packende, in seiner offenen Form analytisch aber schwierige Werk meisterten! Sie hatten 2004 Mieczyslaw Weinberg mit seinem 8. Streichquartett ja schon in den Sommerkonzerten vorgestellt.

Die Klarheit der Aussage, die das Quatuor Danel pflegt, bewährte sich auch in Ludwig van Beethovens Streichquartett B-Dur op. 130. Im umfänglichen 1. Satz formulierten die Musiker hingebungsvoll jeden Ton der Adagio-Hinführungen zu edlem Klang und widmeten sich zupackend den Allegro-Antworten; das kurze Presto, eigentlich ein rechtes »Scherzo«, wurde dem Primarius zu einem furiosen Vorzeigestück. Spielerisch wunderbar durchgeformt und tänzerisch aufgelegt, mit unaufdringlichem Humor wirkte der 3. Satz eleganter als der etwas unbeholfen-spröde »Deutsche Tanz« (alla danza tedesca). Ganz dicht und unsagbar schön, »molto espressivo« kam der lyrische Gesang der Cavatina – mehr miteinander Musizieren geht nicht!

Nach diesen fünf Sätzen spielte das Quatuor Danel in Abänderung des gedruckten Programms das ursprüngliche Finale, die Große Fuge B-Dur – das wirkte wie eine Huldigung an das enthusiasmierte Traunsteiner Publikum. Mit Vehemenz gaben die Künstler ihren Instrumenten die Sporen zu einem Hasardritt durch eine Komposition, die ohne Rücksicht auf etwaige Hörgewohnheiten das Publikum auch heute noch herausfordert, durch die immer wieder variierten Bestandteile der Fugenthemen, betrachteten das Material dann im Piano wie in einer Nahaufnahme und komprimierten es dann noch einmal gnadenlos.

Der Beifall im Kunstraum Klosterkirche war grenzenlos; ihn beantwortete das Quatuor Danel mit dem 3. Satz aus dem 5. Streichquartett von Mieczyslaw Weinberg – kurz und heftig.

PS: BR Klassik sendet das Konzert am 10. September um 18.05 im Rahmen der »Festspielzeit« Engelbert Kaiser