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Ein großes und bleibendes Finale

5.0
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Es ist kein Geheimnis, dass 2013 ein schwieriges Jahr für die Herrenchiemsee-Festspiele war. Weil sich der Hauptsponsor zunächst komplett zurückziehen wollte, war das Festival heftig ins Trudeln geraten. Der Staat sprang ein, man teilte sich die Kosten. Doch dann musste Festival-Leiter Enoch zu Guttenberg operiert werden und alle seine Dirigate in diesem Jahr abblasen. Zwar wurde hochkarätiger Ersatz zusammengetrommelt, die letzten Hitzewochen aber waren für alle keine Freude.


Beim großen Abschluss-Konzert glich der Spiegelsaal des Ludwig-Schlosses auf der Herreninsel einem Ofen. Einige Musiker der KlangVerwaltung und Sänger der Chorgemeinschaft Neubeuern standen kurz vorm Kollaps, weshalb nach der Pause im zweiten und dritten Teil von Georg Friedrich Händels »Messias« einige Stücke gestrichen werden mussten – um das Werk zu straffen. Zu Gehör kam eine Orchestrierung des Werks von Wolfgang Amadeus Mozart, statt Guttenberg dirigierte Andrew Parrott.

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Bei den Herrenchiemsee-Festspielen war der Engländer schon häufiger zu Gast, er zählt zu den verdienten Kennern der Alten Musik und der historischen Aufführungspraxis. Beim Herrenchiemsee-Finale war zu erleben, wie sehr er sich mit den Musikern und Sängern wohlfühlte. Obwohl die Ensembles ganz auf Guttenberg eingestellt sind, ließen sie sich auf Parrott ein. Eine Offenheit und Flexibilität wurde gelebt, die große Freude bereitete. Einmal mehr zeigte sich, wie wertvoll die Chorgemeinschaft Neubeuern und das Orchester der KlangVerwaltung sind.

Höchst agil und stilsicher wurde musiziert und gesungen, zumal Parrott im nahezu vibratolosen Klang die gestisch-tänzerischen Potenziale der Musik schärfte. So wandelten sich Chöre wie »Ehre sei Gott in der Höhe!« oder »Er litt unsere Qual und trug unsre Schmerzen« zu tief und direkt empfundenen Botschaften des Menschseins – frisch und lebendig, unmittelbar mitreißend. Die Aussagen wurden originär verlebendigt, in jedem einzelnen Takt und bis ins kleinste Detail. Vielfach glänzten auch die Solisten, was allen voran für Daniel Johannsen (Tenor) und Jochen Kupfer (Bass) galt.

Mit seinem hellen, klar-luziden Tenor ließ Johannsen Arien wie »Alle Tale macht hoch und erhaben« zu glaubwürdigen Offenbarungen werden. Dagegen punktete Kupfer mit einem sonoren Bass und einer plastischen Wortgestaltung, die die Dramatik im »Warum entbrennen die Heiden« fast schon theatralisch wirken ließ. Händels Oratorium als Musiktheater, ähnlich wie die Passionen Bachs: So kann man diese Werke durchaus hören, das wurde in diesen zwingenden Interpretationen deutlich. Hier setzten auch Susanne Ellen Kirchesch (Sopran I), Olivia Vermeulen (Sopran II) und Theresa Holzhauser (Alt) an.

Mit ihren unterschiedlichen Timbres waren sie sehr klug ausgewählt, wobei Holzhausers Stimme etwas wenig trug. Dafür aber nahm ihr schöner, dunkler Alt ein, was auch für den tieferen Mezzosopran von Vermeulen galt: Mit ihren Wortgestaltungen konnten beide überzeugen. Zwar füllte wiederum Kricheschs Stimme den Spiegelsaal aus, nicht immer aber wirkte der Text durchdrungen und authentisch. Der eigentliche Stimmensieger war indes die Chorgemeinschaft Neubeuern: Auf dieses Ensemble darf die Region stolz sein. Marco Frei