weather-image
22°

Ein »Heimatabend« der etwas anderen Art

0.0
0.0
Bildtext einblenden
Wenn der Mief vom Lande weht …: Rudi Heid, Johannes Wild und Andi Scheubert rümpfen die Nase bei ihrem »Heimatabend« in Siegsdorf. (Foto: Kewitsch)

Wikipedia definiert »Heimat« mit dem knappen Hinweis auf eine Beziehung zwischen Mensch und Raum. Hier ist der Mensch hineingeboren, hier finden seine frühesten Sozialisationserlebnisse, die später dann Identität, Charakter, Mentalität, Einstellung und Weltauffassung prägen, statt. Soweit, so definiert.


In (turbulenten) Zeiten wie diesen ist der Begriff »Heimat« aktueller denn je und so verwundert es nicht, wenn belesene Deutsch-Lehrer sich des Themas annehmen und aufarbeiten. Wer jedoch meint, Heimat sei ein neuzeitlicher Aspekt, ein auf »Flüchtlingsthematik« zu reduzierender Sachverhalt, der irrt. Die Protagonisten des »Heimatabends« im Café Weinmüller in Siegsdorf nahmen in zwei bunten Sätzen Bezug auf Literatur, die bis ins Jahr 1500 (Beschreibung des Bayerlandes, Johannes Thurmair, genannt Aventinus) zurückreichte.

Anzeige

Ein »Heimatabend« also war geboten – vielsagend und doch irgendwie unklar. Das Quartett war auf einer sehr minimalistischen Bühne versammelt. Die Requisiten wurden ad hoc dem mitgeführten Köfferchen entnommen. Rudi Heid (AKG, aus Traunstein) sehr textsicher und ausdrucksstark, Andreas Scheubert (CHG, aus Salzburg) eloquent und stilsicher, Richy Steiger (CHG, aus Siegsdorf) bekanntermaßen seriös und hochkonzentriert sowie Johannes Wild (aus Eichstätt) dessen Mimik, gepaart mit schauspielerischem Talent, eine Quelle der Freude war.

Die vier Freunde probten eine Woche (nicht mehr) und fusionierten die Idee zum Thema »Flüchtlingskrise« sehr schnell mit einer persönlichen und vor allem auch zeitlosen Auseinandersetzung rund um den Aspekt »Heimat und Fremde«. Wo bin ich her, wo gehör' ich hin?

Gesang und Literatur griffen nahtlos ineinander. Eigene Interpretationen des Begriffs Heimat vermengten sich scheinbar willkürlich, aber dennoch passend mit historischen Beiträgen. So wurden all jene enttäuscht, die sich einen durchgehenden Handlungsstrang oder gar eine komplexe Geschichte erwartet hatten. Nein, vielmehr war dieser Heimatabend ein scheinbar wirres Puzzlespiel, viele bunte Bausteine, die wiederum auch persönliche Freiräume für eigene Auslegungen boten. Wo bist du »daheim«, ab wann ist der Fremde fremd, wenn er doch schon Fremde kennt? Warum ist Salzburg toll, aber innen drin ganz mystisch anders? Warum lebt man in Pirmasens?

Der erste Teil präsentierte sich vergnüglicher. Zum Auftakt hörten die Besucher ein gesungenes Heimatlied, welches stets unterbrochen wurde, gab es doch diverse Begrifflichkeiten einzustreuen (ja, in Schweinfurt ist es auch schön). Auch die Zugfahrt von Bad Endorf nach München und der derb-bairische »Dialog« entlockte dem Publikum im voll besetzten Café so manchen Lacher.

Teil zwei hingegen tendierte mehr ins Nachdenkliche, Hintergründige. Hier wurden Werke von Konstantin Wecker zitiert (»Meine Freundin wollte heute Abend ausgehen«), aber auch Karl Valentin erhielt mit seinem »Die Fremden« Gehör. Jeder präsentierte »seine« Autobahnausfahrt, so er denn eine hat. Lieder und Texte aus fünf Jahrhunderten boten insgesamt die ganze Bandbreite des Heimatbegriffs, wobei durchaus die kritischen und satirischen Autoren Vorrang erhielten.

Für die Textauswahl zeichnete Richy Steiger, für die musikalischen Arrangements Andreas Scheubert verantwortlich. Die Regie erfolgte ohne jede Hierarchie im Team, das Quartett selbst agierte fehlerfrei und textsicher, in Anbetracht der ultrakurzen Proben-Zeit ein umso beachtenswerter Umstand. Vergnüglichkeit, Kurzweil allemal, aber vor allem auch eine gehörige Portion »denk mal darüber nach« wurden geboten und so war der »Heimatabend« ein wahrhaft unterhaltsamer. Das Stück wird im Rahmen der Kulturtage von Bergen und Siegsdorf im Oktober 2016 nochmals aufgeführt. Udo Kewitsch