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»Ein Hut ist ein Hut ... ist ein Hut?«

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Historische Gewänder neben zwei Videofilmen, die zeigen, wie moderne Kleidung produziert und konsumiert wird. (Foto: Giesen)

Eine reizvolle, kleine Ausstellung, die anhand von Exponaten Vergangenheit und Gegenwart in einen Dialog treten lässt, ist im Erdgeschoß des Traunsteiner Stadtmuseums eröffnet worden. Zusammengestellt von der Leiterin der Städtischen Galerie, Judith Bader, wird eine kleine Auswahl an historischen Exponaten aus der Sammlung des Stadtmuseums Traunstein moderner Kunst wie Bildern, Objekten, Videos und Installationen von zeitgenössischen Künstlern gegenübergestellt.


Da sind zum Beispiel eine aufwändig gearbeitete Frauentracht um 1880 aus dem Berchtesgadener Land und eine Beamtenuniform aus dem 19. Jahrhundert, daneben zwei Videofilme: Die Münchner Künstlerin Nausikaa Hacker stellt hier zwei junge Frauen von heute auf verschiedenen Kontinenten gegenüber. In einem Film wird das Schicksal der Textilarbeiterinnen beim Einsturz ihres Fabrikgebäudes in Bangladesch gezeigt, im anderen, von Shaheen Dill-Riaz gedrehten Film erzählt eine deutsch sprechende, junge Frau stolz von ihrer neuesten Schnäppchenjagd und packt Unmengen von Kleidungsstücken aus. Deutlich wird der fundamentale Wertewandel von Kleidung: Wo in früheren Zeiten viele Leute nur ein gutes, vom Schneider gearbeitetes Kleidungsstück oft bis zu ihrem Tod besaßen, sind es heute billige Wegwerfartikel aus Massenproduktion, die das Herz erfreuen. Vor den verheerenden Umständen der Produktion schließen die meisten Verbraucher die Augen.

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Hüte als Ausdruck gesellschaftlicher Stellung

Der Titel der Ausstellung »Ein Hut ist ein Hut … ist ein Hut?« bezieht sich die wunderschön verzierte, historische Haube und den Klappzylinder (Chapeau-claque), die nicht nur einfache Kopfbedeckungen waren, sondern auch die gesellschaftliche Stellung seines Trägers zum Ausdruck brachten. Gegenübergestellt wird die Videoarbeit »Verwicklung« der Deutschsyrerin Adidal Abou-Chamat, die spielerisch aufzeigt, wie die Art des getragenen Kopftuchs die Assoziationen dazu verändern kann – von spießiger Hausfrau, konservativer Dame bis zur Terroristin.

Eine wunderschöne, kleine Puppe aus dem Jahr 1928 mit fein gearbeiteter Kleidung, die die Schriftstellerin Isabella Nadolny dem Heimathaus Traunstein schenkte, sitzt neben einer mit dem Bleistift gezeichneten Puppenversion der Künstlerin Claudia Weber. Ihre Puppe ist gefangen in einem engen Raster an Konstruktionslinien. Die Künstlerin thematisiert damit die Normierungen und die unmerkliche, gesellschaftliche Manipulation, die auch durch simples Spielzeug das Bewusstsein der Kinder früh prägen.

Aus dem militärischen Bereich des 19. Jahrhunderts stammt die kunstvoll gearbeitete Standarte des Königreichs Bayern mit weißblauer Raute und dem bayerischen Löwen. Die Fahne demonstrierte Macht und war sichtbares Zeichen einer von denselben Idealen geleiteten Gemeinschaft. In der Ausstellung hängen daneben zwei im letzten Jahr entstandene Fahnen aus der Aktion des Kunstvereins Traunstein unter dem Motto »Was ich mir auf meine Fahne schreibe«.

Helmut Morawetz´ Fahne mit der Aufschrift »Wenn die Fahnen flattern, ist der Verstand in der Trompete« ist ein ironischer Kommentar auf die unreflektierte Übernahme von Ideologien und das kritiklose Mitlaufen in eine kollektive Marschrichtung. Daneben ist Herbert Stahls stilisierte Europafahne zu sehen, die das aktuelle Thema der Grenzen mit anspricht und »Responsibility for peace, nature and dreams« fordert. Beide Künstler verwenden zwar die Fahne, deuten ihre Funktion aber um, indem sie auf die Problematik einer Vereinnahmung durch den ideologisch-militärischen Kontext hinweisen.

Dinge neu sehen und erfahren

Die Ausstellung fordert den Besucher heraus, Dinge, Verhältnisse und Strukturen neu zu sehen und zu erfahren. Alte Exponate können hinterfragt werden und die aktuelle Kunst kann mit dem Wissen um historische Hintergründe und Zusammenhänge neu gesehen werden.

Eine Klöppelarbeit aus dem 19. Jahrhundert kann Cosima Strähhubers filigrane Scherenschnittarbeit »Weltenspitze« ergänzen, und die Gegenüberstellung einer Stickarbeit aus der Biedermeierzeit und der ebenso floralen Blumenmuster von Stefanie Unruh lohnt es, sich ganz genau zu betrachten. Krass ist der Gegensatz der heimeligen Puppenstube um die Jahrhundertwende und der Installationen einer modernen Wohnwelt von Korbinian Jaud. Schließlich hängen über einem alten Spinnrad aus der »guten alten Zeit« zwei ganz unterschiedliche abstrakte Arbeiten von Ute Vaug-Ogawa aus eingefärbten Hanfsträngen.

Empfohlen sei die Lektüre der kleinen, ausliegenden Broschüre, die spielerisch verschiedene Fragestellungen an die historischen und zeitgenössischen Ausstellungsstücke aufwirft. Dem Layout des Heftchens liegt das Memory-Spiel zu Grunde. Während es beim Spiel aber jeweils nur ein identisches Paar gibt, sind in der Ausstellung die Kombinationsmöglichkeiten und Fragestellungen höchst vielfältig. »Die Ausstellung möchte den Besucher auffordern, sich spielerisch und subjektiv auf eigene Strategien des Assoziierens, des Ersetzens, Ergänzens und Kommentierens einzulassen und dabei zu entdecken, dass der titelgebende Hut wesentlich mehr sein kann als ein funktionales Kleidungsstück, nämlich soziale Identität, Zugehörigkeit zu einem bestimmten gesellschaftlichen Stand, weltanschauliches und religiöses Statement oder Distinktions- und Abgrenzungsmerkmal«, erklärte Judith Bader in ihrer kurzen Einführung bei der Vernissage.

Erlebbare Zeugnisse der Kulturgeschichte

Oberbürgermeister Christian Kegel stellte fest, dass Museen wie das Heimathaus Traunstein mit Stadt- und Spielzeugmuseum unverzichtbar seien, wenn es um das gemeinsame kulturelle Erbe gehe. Sie seien alles andere als »museal«. Ihre Aufgabe bestehe eben nicht mehr nur im Sammeln, Bewahren und Präsentieren der Kunstwerke. Heute sei es auch ihre Aufgabe, die Zeugnisse der Kulturgeschichte im Licht der Gegenwart lebendig und Kunst erfahrbar zu machen.

Der Leiter des Stadt- und Spielzeugmuseums, Dr. Jürgen Eminger, freute sich, dass »wieder einmal frischer Wind durch die historischen Gemäuer des Museums weht« und dankte besonders Judith Bader, die nicht nur die Idee zur Ausstellung hatte, sondern auch das Konzept mit großem Engagement in die Tat umgesetzt hat.

Die Ausstellung läuft im Rahmen des bayernweiten Kulturfestivals GEWEBE. Sie ist bis Sonntag, 12. Juni, zu den Öffnungszeiten des Spielzeug- und Stadtmuseums Traunstein zu sehen, montags bis samstags von 10 bis 15 Uhr, am Sonntag von 10 bis 16 Uhr. Christiane Giesen