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Ein junges Klavierquartett stellt sich in Traunstein vor

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Das Notos Quartett mit (von links) Sindri Lederer, Antonia Köster, Andrea Burger und Philip Graham beim Konzert in der Traunsteiner Klosterkirche. (Foto: Kaiser)

Den zweiten Abend der Traunsteiner Sommerkonzerte 2015 gestaltete das Notos Quartett, das seinen Sitz in Frankfurt am Main hat. Sindi Lederer (Violine), Andrea Burger (Viola), Philip Graham (Violoncello), der sich als »Einspringer« sehr aufmerksam und problemlos ins Ensemble einfügte, und Antonia Köster am Steinway D-Flügel eroberten mit drei Klavierquartetten, von denen jedes einen ganz eigenen Charakter hat, das Traunsteiner Publikum bei seinem ersten Auftritt im Nu.


Antonín Dvorák (1841 bis 1904) schrieb sein Klavierquartett D Dur op. 23 im Jahr 1875 in nur 18 Tagen, in einer Zeit, als er sich von Wagners Einfluss gelöst und der Kammermusik von Brahms angenähert hatte. Dieser Einfluss war im extrem langen Kopfsatz (Allegro moderato) in seiner lebendigen, kräftigen Farbigkeit mit pathetischen Höhepunkten deutlich zu hören. Das Andantino, ein erfindungsreicher Variationensatz, gefiel durch eine ausgewogene Lautstärkenmischung zwischen den Streichern und dem Klavier und war von nobler Feinfühligkeit geprägt. Im 3. Satz, dem Finale, gingen ein flirrend-unruhiges Scherzando und ein vorwärtsgepeitschtes Allegro agitato ineinander über. Mit diesem Trick unterwarf sich Dvorák denn doch der traditionellen Viersätzigkeit.

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Die reiche musikalische Hinterlassenschaft von Bohuslav Martinu (1890 bis 1959) wird immer noch unterschätzt und mit dem Schlagwort »Neoklassizismus« so nebenbei abgetan. In einem bekannten Kammermusikführer sind seine Kammermusikwerke lapidar aufgelistet – ohne das Klavierquartett. Als sich Martinu in Paris aufhielt, um seine Kompositionsstudien bei Albert Roussel abzurunden, wurde 1940 in seiner böhmischen Heimat von den Nationalsozialisten seine Musik verboten – er floh in die USA. Erst 1942 hatte er die nötige Kraft wiedergefunden, sein Klavierquartett Nr. 1 zu vollenden.

Subtile Balance zwischen kühler Eleganz und brachial-motorischem Drive in sehr freier, offener Tonalität prägt die Ecksätze; das innige Adagio fließt in ruhiger Schönheit. Der gewaltige und zerklüftete letzte Satz baut sich in einer Folge von sechs Tempocharakteristika auf, Stimmen schieben sich gegen- und übereinander, werden dann ganz harmonisch zurückgenommen und entspannt. Dieses anspruchsvolle und auf Anhieb nicht leicht durchhörbare Werk wurde vom Publikum aufmerksam angenommen und mit reichem Beifall bedacht.

Mit einer Choraleinleitung begann das Quartett für Klavier, Violine, Viola und Violoncello Es-Dur op. 47 (1842) von Robert Schumann (1810 bis 1856). Beim folgenden lebhaft durchgearbeiteten Teil dämmerte es dem Berichterstatter: eigentlich macht Martinu 100 Jahre später nichts anderes, aber eben mit seiner Art und Begabung, sich auszudrücken und musikalische Entwicklungen zu setzen. Auch der quirlige Beginn von Schumanns Scherzo erinnerte daran. Sehr agogisch und in seiner Sanglichkeit bis zum letzten ausgekostet, formten Notos den langsamen 3. Satz, und die Pianistin wusste genau, wann und wie weit sie hervortreten durfte. Pure Spielfreude für das Quartett und der reine Genuss für die Zuhörer war das finale Vivace, in dem plötzlich eine Imitations-Rakete explodierte, die sich in ein großes Fugato auswuchs.

Sindri Lederer sprach einen artigen Dank für die begeisterten Zuhörer aus und beschenkte sie mit dem edlen und vornehmen »Andante cantabile« aus Ludwig van Beethovens Quartett op. 16.

Der Bayerische Rundfunk hat das Konzert aufgezeichnet und wird es am 10. September um 20.30 Uhr auf BR Klassik senden. Engelbert Kaiser

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