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»Ein Kind in Traunstein« – Geschichte in Sprache und Bild

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Seit den Oberbayerischen Kultur- und Jugendkulturtagen im vergangenen Juli empfängt die Figurengruppe »Ein Kind in Traunstein« von Tatjana Utz am Traunsteiner Bahnhof die Besucher. Die lebensgroßen Figuren sind entstanden, nachdem sich sechs Traunsteiner Bürgerinnen und Bürger mit der Künstlerin getroffen und über ihre Kindheitserinnerungen in Traunstein gesprochen hatten.


Thema war das normale Alltagsleben in Schule, Familie und Freizeit. Dabei erzählten Menschen aus verschiedenen Altersgruppen – jeweils etwa um 10 Jahre versetzt – über ihre ganz individuellen Erfahrungen aus der Kindheit. Die Personen, deren Namen nichts zur Sache tun, die aber sicherlich vielen Traunsteinern bekannt sind, erzählten aus den 30er und 40er Jahren, aus den 50er und 60er Jahren, und weiter bis zu einer Jugendlichen, die vom Anfang des neuen Jahrtausends berichtete. In den tontechnischen Mitschnitten entstand ein sehr lebendiges Bild persönlicher Geschichte, die aufgezeichnet eine »oral history« , wie die Geschichtswissenschaft diese Methode nennt, entstehen ließ. Oral history bedeutet, den normalen Menschen eine Stimme zu geben und so die Geschichte als Sozial- und Lokalgeschichte lebendig zu machen.

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Die oft mehrere Stunden dauernden Aufzeichnungen gliederte Tatjana Utz und filterte daraus verschiedene Versionen, die nun als Audio-Quelle im Internet als Langversionen, in der Broschüre »Ein Kind in Traunstein« als kurze Textfassung und direkt zur abgebildeten Person mit Hilfe ausleihbarer Handys im Stadtmuseum abgerufen werden können.

Denn neu ist, dass Tatjanas Utz´ Traunsteiner Figuren in ihrer Originalfassung auf Weichfaserplatten gemalt nun im Traunsteiner Stadt- und Spielzeugmuseum im Heimathaus zu sehen sind. Diese Figuren waren die Vorlagen für die Alu-Figuren am Traunsteiner Bahnhof, die natürlich auch gegen Wind und Wetter sowie gegen Vandalismus weitgehend geschützt angefertigt werden mussten.

Bei der gut besuchten Vernissage im Stadt- und Spielzeugmuseum freuten sich Oberbürgermeister Manfred Kösterke und der Leiter des Museums, Dr. Jürgen Eminger, dieses besondere Ausstellungsprojekt nun im geschützten Ambiente des Museums in neuer Umgebung einer noch breiteren Öffentlichkeit nahebringen zu können.

Judith Bader, die Leiterin der Städtischen Galerie Traunstein, die nach wiederholten Begegnungen und Ausstellungen mit der Münchner Künstlerin Tatjana Utz die Idee zu diesem Ausstellungsprojekt hatte, erklärte den konzeptionellen Ansatz dieser »interaktiven Figureninstallation«. Die sprachliche und visuelle Ebene stehen gleichberechtigt nebeneinander. Trotz der möglichst naturgetreuen Wiedergabe der Porträtierten auf der Grundlage von Fotografien, die während der Erinnerungsinterviews entstanden sind, war es nicht die Absicht – handwerklich virtuos, aber künstlerisch uninteressant – ein Foto zu kopieren: Die expressive Kunst von Tatjana Utz war vielmehr die Interpre-tation der Wirklichkeit, wobei der emotionalen Aussagekraft von Form und Farbei eine entscheidende Bedeutung zukommt. Wie die Erinnerungen der Porträtierten auch individuelle Deutungen sind, sind die Darstellungen der Künstlerin eine Interpretation menschlicher Existenz.

Tatjana Utz, 1975 in Starnberg geboren, schloss ihr Studium italienischer und englischer Philologie, Germanistik und Kunstgeschichte sowie Kunstpädagogik 2006 an der Akademie der Bildenden Künste in München ab. Sie erhielt zahlreiche Stipendien und Preise. In der Städtischen Galerie Traunstein waren ihre Bilder unter anderem 2009 in der Ausstellung »Über Grenzen« zu sehen, in der sie sich mit der deutschen und polnischen Geschichte auseinandersetzte.

Bei der Figureninstallation am Bahnhof in Traunstein stehen nun der zeitliche Wandel innerhalb der jüngeren Geschichte und die für Traunstein wichtigen Ereignisse sowie ein Querschnitt der Bevölkerung im Vordergrund. Im Stadtmuseum aber liegt der Focus vielmehr auf den hier ausgestellten Exponaten. Denn auch die hier gesammelten Objekte, wie Spielzeug vieler Art oder alte Handwerkzeuge sind keine toten Objekte oder Dekoration, sondern können Geschichten von Menschen aus ihrer Zeit erzählen.

Die Standorte der – von weitem völlig echt wirkenden – Figuren von Tatjana Utz wurden im Museum nach assoziativen inhaltlichen Anknüpfungspunkten ausgewählt. Der Mann, der davon erzählt, dass in seiner Kindheit fast alles noch zu reparieren war, kam neben die Schusterwerkstatt und die Damen, die in ihrer Kindheit mit Monopoly, Playmobil und Lego spielten, stehen neben der großen Spielzeugvitrine mit historischen Puppen und Puppenhäusern.

So werden indirekt die sich im Laufe der Zeit ändernden, pädagogischen und gesellschaftlichen Werte, Schön-heitsideale und Rollenbilder thematisiert. Denn das Spielen mit Blechspielzeug ist zweifellos etwas ganz anderes als mit einem von den Erwachsenen stibitzten Motorradhelm auf dem Tretbulldog die Welt zu erkunden, wie es der dort aufgestellte junge Mann berichtet. Und das Glück über eine geschenkte Leberwurstsemmel als Belohnung für die Hilfe des Kindes beim Wiederaufbau eines im Krieg zerstörten Gebäudes ruft die Figur in Erinnerung, die bei Küche und Zieglerwirtschaft im ersten Stock platziert ist.

Die Figuren im Stadt- und Spielzeugmuseum sind auf unbestimmte Zeit hier zu sehen und könnten so manchen Traunsteiner dazu anregen, wieder einmal das Museum zu besuchen und ganz neue, lohnende Eindrücke zu gewinnen. Dabei haben sie die Chance, sich mit vielen Spielarten der nahen Geschichte auseinanderzusetzen und gleichzeitig die eigene Lebensgeschichte zu erinnern, zu vergleichen und den eigenen Standpunkt in der Ge-genwart zu reflektieren. Christiane Giesen