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Ein König auf der Flucht zum Hintersee

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Verleger Thomas Endl, Lektor Klaus Reichold und Autorin Christiane Böhm (v.l.) ließen die dramatischen Ereignisse rund um die Flucht der Königlichen Familie im November 1918 lebendig werden. (Foto: Merker)

Berchtesgaden – Im Rehmuseum stellte Herausgeberin Christiane Böhm ihr Buch »Eben noch unter Kronleuchtern ... Die Revolution 1918/1919 aus Sicht der bayerischen Königstöchter« in einer bemerkenswerten Lesung vor. König Ludwig III. flüchtete vor den linken Protesten auch an den Hintersee.


Einen besseren Veranstaltungsort als das Rehmuseum war für diese Buchvorstellung nicht denkbar. Denn nach der Flucht der königlichen Familie aus München und dem Tod Ludwigs III., des letzten Königs von Bayern, machte dessen Sohn Kronprinz Rupprecht 1922 Schloss Berchtesgaden zu seinem ständigen Wohnsitz. Der heutige Chef des Hauses Wittelsbach, Herzog Franz von Bayern, nutzt das Schloss als Sommerresidenz. Das Rehmuseum zeigt die Sammlung von Herzog Albrecht von Bayern, der die Umsturznacht vom 7./8. November 1918 als 13-jähriger Enkel Ludwigs III. und Erbprinz – also als designierter Thronfolger – miterlebt hat.

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Seine Tante Wiltrud hat zeitlebens Tagebuch geführt. Über 100 000 Seiten hat sie bis zu ihrem Tod 1975 beschrieben. Auch die dramatischen Geschehnisse der Revolutionsnacht vom 7. auf den 8. November 1918 hat sie schriftlich sehr detailliert festgehalten. Autorin Christiane Böhm hat sich in die Tagebuchaufzeichnungen vertieft und daraus das gerade veröffentlichte Buch zusammengefügt. Die Autorin war Regisseurin beim Bayerischen Fernsehen und recherchiert am liebsten im geheimen Hausarchiv der Wittelsbacher. Schon ihre vorherigen Bücher haben sich mit dem Leben der Wittelsbacher auseinander gesetzt. Schlossverwalter Guido Burkhardt hatte ihr Buch »Wie lebten Prinzen und Prinzessinnen in Wirklichkeit – Oder: Erbsen ohne Ende« mit großem Vergnügen gelesen und gerne das Rehmuseum als Veranstaltungsort für die Vorstellung der Neuerscheinung zur Verfügung gestellt.

Verleger Thomas Endl vom Verlag Edition Luftschiffer begrüßte die Gäste und stellte die Autorin vor, die für das Kinderfernsehen des Bayerischen Fernsehens gearbeitet sowie den Shop der Hypo-Kunsthalle aufgebaut hat und sich nun mit dem Bayerischen Königshaus literarisch beschäftigt. Durch den Leseabend leitete der Lektor und Landeshistoriker Klaus Reichold gekonnt und unterhaltsam. Er erzählte die Rahmengeschichte, während Christiane Böhm die einzelnen Passagen der Aufzeichnungen der Königstochter vorlas.

Dramatische Ereignisse

Für die Wittelsbacher waren es dramatische Ereignisse, die sie am Abend des 7. Novembers 1918 überrollten. Der linke Mob skandierte »Nieder mit den Wittelsbachern« und der Protestzug befand sich direkt unter den Fenstern der Münchner Residenz, in der die königliche Familie zu der Zeit residierte, da das Palais Wittelsbach renoviert wurde. Als der Entschluss gefasst wurde, zu fliehen, traf das alle unvorbereitet. Prinzessin Wiltrud hat die Ereignisse minutiös in ihrem Tagebuch festgehalten. Die lesen sich wie ein spannender Roman. Außer einer Kiste Zigarren hatte Ludwig III. bei der Flucht nichts bei sich, da seine Kammerdiener keine Befehle bekommen hatten, zu packen. Seine Frau Marie-Theres war schwer krank und litt an schlimmen Schmerzen. Sie hatte ein Darmgeschwür, an dem sie drei Monate später sterben sollte. Da sie die Königin war, hatte sich kein Operateur getraut zu operieren. »Wenn sie eine Bauersfrau gewesen wäre, dann hätte sie es überlebt«, wird eine Zofe zitiert.

Die Königliche Familie muss von der Residenz zum Marstall auf der anderen Seite des Hofgartens eilen, um zu den Garagen zu kommen. Eine Flucht mit der Kutsche wäre zu auffällig. Doch alle Autos sind aufgebockt und die Reifen fehlen. Ein loyaler Chauffeur bekommt drei Wagen fit, die goldene Krone auf den Kühlern wird mit den Handschuhen einer der Prinzessinnen versteckt und das aufgemalte königliche Wappen verschmiert. So flüchten drei Wagen nach Schloss Wildenwart bei Prien. Allerdings landen zwei der Wagen im Straßengraben. Eben noch unter Kronleuchtern, stellt Prinzessin Wiltrud fest und nun müssen sie sich durch Bayern durchschlagen. Die königliche Familie wird getrennt und die Verkettung unglücklicher Ereignisse nimmt ihren Lauf.

Flucht zum Hintersee

Klaus Reichold und Christiane Böhm schaffen es, mit der Beschreibung der dramatischen Stunden das Publikum zu fesseln. Zumal sich die restliche Flucht in Berchtesgaden abspielt. Prinzessin Wiltrud begibt sich zum Hintersee, wo sie ihre Eltern vermutet, die dort aber nur eine Nacht im Jagdhaus verbracht hatten und weiter zu einem Freund, dem Grafen Moy flüchteten, der das Wasserschloss Anif besaß. Dort wird König Ludwig III. die Beamten und die Armee von ihrem Eid entbinden. Offiziell zurücktreten wird er nicht und schließlich, von der Verfolgung befreit, da er nur noch auf Erlass von Kurt Eisner als Privatmann in Bayern angesehen wird, besucht die königliche Familie erleichtert St. Bartholomä. Nach 738 Jahren findet in Bayern die Regentschaft der Wittelsbacher ihr Ende.

Begleitet von passenden Fotos begeisterte die szenische Lesung der Autorin und ihres Lektors. Nicht zuletzt lag das an den literarischen Beschreibungen von Prinzessin Wiltrud. Autorin Christiane Böhm plant schon das nächste Buch über diese außergewöhnlichen Tagebücher der Wittelsbacher Prinzessin, die schrieb: »Unser Leben ist wie ein spannender Roman; alles spitz sich jetzt auf Stunden zusammen.«

»Eben noch unter Kronleuchtern... Die Revolution 1918/1919 aus Sicht der bayerischen Königstöchter« ist im Verlag Edition Luftschiffer erschienen, hat 180 Seiten mit 40 historischen Aufnahmen und kostet 18 Euro. Christoph Merker