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»Weißbier im Blut«: Szenische Lesung mit Sigi Zimmerschied im NUTS

Ein Kommissar auf Abwegen

Er ist schon ein Unikum, dieser Kommissar Kreuzeder von der Mordkommission Passau. Einstmals der beste Ermittler weit und breit, hat er seit längerem seinen Lebensmittelpunkt in ein Wirtshaus verlagert, wo er sich mit Schweinsbraten, Weißbier und Schnaps vollstopft und zunehmend verwahrlost. Denn die wahren Schuldigen, so seine ganz persönliche Erkenntnis nach 20 Dienstjahren, kriegt man eh nicht zu fassen. Also was soll’s?

Eine Rolle, die ihm auf den leib geschrieben ist: Sigi Zimmerschied als Passauer Kriminalkommissar Kreuzeder bei einer szenischen Lesung in der Traunsteiner Kulturfabrik NUTS. (Foto: M. Heel)

Entsprechend widerwillig wird er aktiv, als sich auf dem Hof des hoch verschuldeten Holzner-Bauern ein mysteriöser Todesfall ereignet: Ein Sparkassenangestellter ist von einem Mähdrescher zerstückelt worden. Kreuzeder verhaftet den Bauern, ohne jedoch von dessen Schuld zu überzeugt zu sein. Erst ein zweiter Anschlag per Mähdrescher, dieses Mal ist das Opfer ein Vertreter für Devotionalien, bringt ihn auf die Spur des Mörders. Doch statt den Übeltäter zu verhaften, macht er mit ihm einen Ausflug und schaltet eine Psychologin ein.

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Erfunden hat die Figur des Kreuzeder – einen Vornamen gibt’s nicht – der 1951 in Heidelberg geborene Autor und Regisseur Jörg Graser, und zwar als Protagonist eines Drehbuchs, das mit Sigi Zimmerschied in der Hauptrolle verfilmt werden sollte. Das Projekt zerschlug sich damals jedoch unter anderem deswegen, weil ein Kind eine recht unrühmliche Rolle in der mordsmäßigen Geschichte spielt, wie mir Zimmerschied nach seinem Auftritt im NUTS erklärte.

Stattdessen wurden zunächst diverse Hörspielfassungen produziert, bevor Graser den Stoff in einen (recht erfolgreichen) Roman umarbeitete. Mit dem Ergebnis, dass nun endlich ein Münchner Produzententeam eine Verfilmung vorbereitet.

Kurzum, Jörg Graser hat dem Sigi Zimmerschied die Rolle des kauzigen Kommissars Kreuzeder auf den Leib geschrieben, und der Kabarettist füllte diese Rolle bei seinem Auftritt in der gut besuchten Traunsteiner Kulturfabrik NUTS mit vollstem Einsatz aus. Mit seiner gewaltigen Bühnenpräsenz tauchte er vom ersten Satz an einfühlsam, sprachmächtig und mit hintergründigem Humor in das turbulente Geschehen ein und verlieh neben Kreuzeder auch den anderen Figuren des Romans so dialekt- wie mimiksicher, authentischen Ausdruck.

So schlüpfte Zimmerschied mühelos in die Figur einer übereifrigen, aber krass inkompetenten Psychologin, die Kreuzeders Dienstfähigkeit überprüfen soll. Höchst überzeugend auch, wie er die Stimme (und Stimmung) einer frustrierten und vom Wirt auch sexuell ausgebeuteten Bedienung wiedergab. Was übrigens, um wieder auf die Story zurückzukommen, letztendlich zum Tod des Wirts führt und Kreuzeder veranlasst, im angrenzenden tschechischen Rotlichtmilieu zu ermitteln. Mit einem Ergebnis, das sich kein »Tatort« leisten dürfte und das die Zuhörer dennoch zufriedenstellte, wie man dem heftigen Applaus entnehmen konnte.

»Weißbier im Blut« ist als Taschenbuch (Aufbau Verlag, Berlin) erhältlich. Wolfgang Schweiger