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Ein Kunst-Stück gegen das Vergessen

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Verhängnisvolles Zusammentreffen im Männerwohnheim: Sitzend Maximilian Berger als Lobkowitz, dahinter li. Patrick Brenner als Hitler und re. Andreas Schwankl als Schlomo Herzl. (Foto: Benekam)

Die Kunst darf alles! Auch – und vielleicht vor allem – durch groteskes Übertreiben verzweifelt verborgener Wahrheiten, aus der Versenkung des unbewusst Bewussten, ins grelle Licht der Erkenntnis rücken.


Wie tickt der Mensch? Wie lernt er am nachhaltigsten aus folgenschweren Fehlern? Wegschauen und negieren, ignorieren oder Verleugnen, Schönreden und sich durch kunstvoll-kreatives Verdrehen der Tatsachen aus der Affäre ziehen: So ist er in seinem psychosozialen Handeln hochdifferenziert. Kunst schafft Emotion und das bleibt eher haften als Moralpredigten, mag sich George Tabori, Jude, Regisseur, Autor und großartiger Schauspieler gedacht haben, als er für die Aufarbeitung seiner eigenen Vergangenheit (und die seiner Leidensgenossen) die Kunst wählte: Er verarbeitete den immer noch hoch brisanten Stoff 1987 in einem Bühnenstück über Hitler – »Mein Kampf«, führte Regie und übernahm selbst eine Rolle.

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Dem Hass setzt er Liebe und Toleranz entgegen, entwaffnet so die Macht des Bösen. Das Ensemble des Chiemgautheaters feierte mit diesem Stück in einer Zeit, in der ein gesellschaftliches Erwachen und Handeln mehr als wünschenswert wäre, in seiner neuen Spielstätte, der »Theaterstrickerei« in Grabenstätt, Premiere. Unter der Regie von Maximilian Berger brachte das nur vierköpfige Ensemble Taboris Groteske in erfreulich schlüssiger und schnörkelloser Inszenierung auf die Bühne.

Noch vor Ausbruch des ersten Weltkrieges fällt der blutjunge Adolf Hitler (Patrick Brenner) mit einer großen Mappe unterm Arm und einer ebenso großen Klappe in einem Männerasyl in Wien ein. Sein Ziel, an der Kunstakademie zu studieren, ist ebenso desolat verfehlt wie es seinen menschlichen Manieren an Feinschliff mangelt. In der neuen Bleibe trifft er auf die beiden Juden Schlomo Herzl (Andreas Schwankl) und den leicht neurotischen arbeitslosen Koscher-Koch Lobkowitz (Maximilian Berger).

Klein-Hitler muss lernen sich anzupassen, muss sich von dem gewitzten Bibelverkäufer und Buchautor Herzel Manieren beibringen lassen und erleidet nach seiner verpatzten Aufnahmeprüfung an der Kunstakademie eine tiefe Persönlichkeitskrise. Während Lobkowitz den wutschäumenden Gefühlsausbrüchen des trotzigen, in seinem Verhalten kleinkindhaften Hitler immer wieder mit verständnislosem Kopfschütteln begegnet, nimmt sich der großherzige Herzl des nun desillusionierten Hitzkopfes an.

Lobkowitz verschwindet genervt von der Bildfläche: »Wie du diesen Bauernjungen bemutterst, grenzt an Masochismus«, stellt er fest. Herzl begegnet dem verdrehten Jungen mit liebevoller, fast aufopferungsvoller Hingabe. Lobkowtiz’ Warnung »Die Liebe, Schlomo, ist lebensgefährlich«, schießt er in den Wind. Statt dessen päppelt er den offenbar lebensunfähigen verwöhnten Muttersohn auf, verwandelt ihn nach kunstvoller Schnurrbartstutzung und einer streng gescheitelten Frisur rein äußerlich in den Hitler, wie man ihn später kennen lernte. Hitler züchtet seinen Größenwahn, redet und tobt sich immer wieder in bis zur völligen Erschöpfung mündende Rage. Seine Tobsuchtsanfälle enden in Schrei- und Heulkrämpfen und zeigen seine lächerlich psychotischen Unzulänglichkeiten, aber auch seine Verbissenheit, mit der er seine Ziele umsetzt. Herzls Ratschlag, er solle in die Politik gehen, verfolgt er mit manischer Euphorie.

Als Herzls jugendliche Geliebte Gretchen (Janina Dötterl) dem jungen Mann begegnet, betrachtet sie ihn mit Argusaugen und versucht den Freak aus der Reserve zu locken – vergeblich. Auch als der Tod in Gestalt eines attraktiven Vollweibes (Janina Dötterl) Hitler als »Würgeengel zum Tod für andere« küren will, weil er als Leiche nur »mittelmäßig«, als Täter aber ein Naturtalent sei, bleibt er in seinem Verhalten zunächst eher linkisch. Dass gerade die Liebe eines Juden Hitler letztlich zum Massenmörder machte, zeigt mit frappierender Deutlichkeit das absurde Paradoxon um seine Figur.

Wie die groteske Farce im geschichtlichen Lauf endete, wissen wir. Wie Tabori diese bitterböse Verbindung von Liebe und Hass, Macht und Toleranz als Theaterautor hat enden lassen, kann und sollte man sich selbst in der kleinen, aber sehr schmucken Theater-Strickerei ansehen. Das Ensemble des Chiemgau-Theaters jedenfalls – und soviel sei verraten – hat das Stück zu einer Charakterstudie gemacht und schaffte mit symbolhaften Metaphern das genau dosierte Quantum an Sarkasmus, um die gewollte Botschaft zu vermitteln.

Alle Figuren sind authentisch in akribischer Körperarbeit bezüglich Gestik, Mimik herausgearbeitet. Eine schauspielerische Glanzleistung aller Darsteller, die in Sachen Professionalität ihresgleichen sucht und die nur so trieft vor Leidenschaft und Herzblut. »Es wird die Zeit kommen, in der das Schuhplattln wieder dem Donnern der Stiefeln weicht«, heißt es zum Schluss. Kunst darf nicht nur alles, Kunst hat auch die Aufgabe und Verpflichtung Stellung zu beziehen. Genau das tut das Ensemble mit dieser grandiosen Leistung. Großer Respekt und Riesenapplaus für die Macher der Theaterstickerei.

Weitere Vorstellungen gibt es am heutigen Mittwoch, am morgigen Donnerstag, am Freitag und Samstag sowie am 22. und 23. Dezember jeweils um 20 Uhr. Kirsten Benekam