Ein leidenschaftliches Leben für den Rettungsdienst: Wachleiter & Urgestein Rudi Lorenz geht in den Ruhestand

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Foto: Repro BRK Archiv

Bad Reichenhall – Es gibt wohl nur noch wenige Häuser im Landkreis, die der heute 63-jährige Rudi Lorenz bei tausenden von Notfällen und Krankentransporten während der vergangenen 45 Jahre im Rettungsdienst und Krankentransport nicht von innen gesehen hat – nun geht der Leiter der Reichenhaller Rettungswache in den Ruhestand – eine auf den ersten Blick stets gut gelaunte und bescheidene, im tieferen Gespräch aber vor allem auch sehr tiefgründige, disziplinierte und reflektierte Persönlichkeit, die immer wieder bei besonders schwierigen Einsatzlagen durch außergewöhnliche mentale Stärke aufgefallen ist und sehr auf seine persönliche Leistung und das damit verbundene Wohl seiner Patienten fokussiert war.


Vielen ist er überregional nur als der Held der Stunde beim Reichenhaller Amoklauf am 1. November 1999 bekannt; Lorenz war aber auch bei fast jeder Art von anderen Großeinsätzen gefordert, darunter der Reichenhaller Eishallen-Einsturz, mehrere Flugzeugabstürze, Busunglücke und Gas-Explosionen – nur ein Zugunglück wie in Bad Aibling blieb ihm in seiner Laufbahn erspart. Als Rettungsassistent hat er seinen Beruf gelebt, konnte tausenden Menschen bei internistischen Notfällen und Unfällen helfen und dabei auch viele Leben retten.

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Rudi Lorenz. Foto: Leitner/BRK BGL

Bescheidenes Vorbild

Was er erzählt ist ungewöhnlich, da viele Kollegen den anspruchsvollen und belastenden Beruf des Notfallsanitäters mit der Zeit wechseln und nicht über Jahrzehnte durchhalten. „Für mich war der Job bereits während der regelmäßigen Praktika als Ehrenamtlicher mit 17 Jahren in Bad Reichenhall genau das Richtige! Es war mir klar, dass das eine interessante und herausfordernde Lebensaufgabe wird und dass ich genau das bis zur Rente machen will!“ Genauso bewusst wie seine Entscheidung für die Arbeit ist nun auch sein Entschluss zum vorzeitigen Ruhestand; lange geplant und wohl überlegt gründet sie auf einem hohen Anspruch an sich selbst und seine Leistungsfähigkeit als Sanitäter: „Jeder Patient verdient 100 Prozent; ich höre jetzt auf und nicht erst, wenn ich vielleicht in drei Jahren plötzlich überrascht merke, dass ich der Sache nicht mehr gewachsen bin. Ich will nicht irgendwann zu mir selbst sagen: Was tust Du hier eigentlich noch? Dafür ist der Beruf zu wichtig, dass man sich gehen lassen und keine Disziplin mehr haben kann!“, erklärt Lorenz, der die finanziellen Abstriche in Kauf nimmt und dabei aus eigener beruflicher Erfahrung mit unzähligen Patienten betont, dass Geld im Leben ganz sicher nicht alles ist.

Um ihn als Menschen besser zu verstehen, muss man sich Zeit nehmen und ihm zuhören, wenn er seine Geschichte erzählt – nicht von sich aus, sondern nur auf Nachfrage, denn man merkt schnell, dass er selbst nicht so gerne im Rampenlicht steht. Er ist ganz sicher kein Angeber, aber dennoch berechtigt stolz auf seine Arbeit. Wenn er von 45 Jahren Rettungsdienst erzählt, dann spürt man die Leidenschaft und Begeisterung, mit der er seinen Beruf bis zur Rente gelebt hat und bekommt den Eindruck, dass man einem echten Vorbild gegenübersitzt; man muss aufschreiben, was er in tausenden Begegnungen in oft extremen Situationen mit dem kompletten Spektrum der Gesellschaft alles erlebt und gelernt hat, was ihn geprägt hat und was er heute alles weiß.

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Foto: Repro BRK Archiv

Lehrjahre unter dem legendären Ahnefeld in Ulm

Bereits ab 1974 fährt Lorenz mit damals 17 Jahren ehrenamtlich im Rettungsdienst des Roten Kreuzes in Bad Reichenhall mit, wobei für ihn seit der Jugendzeit klar ist, dass er den für ihn erfüllenden Job auch beruflich machen will. Damals gibt es neben den Ehrenamtlichen und Zivildienstleistenden nur fünf hauptamtliche Sanitäter in Bad Reichenhall, weshalb es ihn dann aufgrund der hier mangelnden Perspektive zufällig mit 21 Jahren nach Ulm verschlägt, wo ein befreundeter Reichenhaller Ehrenamtlicher beruflich im Rettungsdienst angefangen hatte, da dort sein Onkel auf dem SAR-Hubschrauber eingesetzt ist; Lorenz tut es ihm gleich, fängt dort im Februar 1981 zunächst als Transportsanitäter auf dem Krankenwagen an der Hauptwache an, darf dann aber nach einem Eignungstest in Stuttgart bereits nach zwei Monaten an der Landessanitätsschule Pfalzgrafenweiler die damals schon anspruchsvolle Modul-Ausbildung zum Rettungssanitäter beginnen.

Baden Württemberg und speziell Ulm als Uni-Stadt mit dem heute legendären Pionier der Notfallmedizin, Friedrich Wilhelm Ahnefeld, ist Bayern zu dieser Zeit im Rettungswesen weit voraus. Nach acht Wochen Theorie mit wöchentlichen Zwischenprüfungen, die man für die weitere Ausbildung bestehen muss, folgen vier Wochen lehrreiches und intensives Klinik-Praktikum, wobei Lorenz beim Anästhesisten Ahnefeld mit im OP steht und sehr praxisnah an der Seite des Meisters die Grundzüge der damals bundesweit fortschrittlichsten Notfallmedizin lernen darf.

Nach weiteren zwei Wochen Schule absolviert er die Abschlussprüfung des ersten Teils (Rettungssanitäter 1). Mit dieser Ausbildung ist er dann eineinhalb Jahre nur noch in der Notfallrettung eingesetzt, wodurch er den Beruf praktisch bei vielen Einsätzen so richtig lernt. Rettungsdienst in dieser auch aus heutiger Sicht fortschrittlichen Form gibt es damals eigentlich nur in den beiden Uni-Städten Ulm und Tübingen, die sich ein insgeheimes fachliches Duell im Auf- und Ausbau der modernen deutschen Notfallmedizin liefern und gegenseitig anspornen. Pflicht sind in Ulm auch regelmäßige Fahrertrainings, die vor allem den jungen Berufseinsteigern mit wenig Fahrpraxis helfen, den großen Rettungswagen auf Einsatzfahrten besser einzuschätzen.

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Foto: Repro BRK Archiv

Für Lorenz folgt dann mit demselben Zeitrahmen wie bereits im ersten Modul die Ausbildung und Prüfung zum Rettungssanitäter 2: „Eine top Ausbildung, die es damals im Bayern noch gar nicht gab und die ich nicht missen will!“ Durch eine Vereinbarung zwischen der Bundeswehr und dem Deutschen Roten Kreuz bekommt er auch die Gelegenheit, im Wechsel mit fünf weiteren Kollegen ein Jahr lang regelmäßig als Sanitäter auf dem in Ulm stationierten SAR-Hubschrauber Dienst zu machen, wo er mit einem sehr hohen Anteil am Trauma-Patienten viel Erfahrungen sammelt. Eine intensive, lehrreiche und auch fordernde Zeit – jeden Dienstag um 16 Uhr ist Pflicht-Fortbildung mit verschiedenen Experten bei Ahnefeld in der Uni-Ulm – nur wer krank ist oder Urlaub hat, darf fehlen. Gleich zu Beginn seiner Zeit in Ulm erlebt er einen Busunfall mit vielen Toten und Verletzten – der erste Großeinsatz für den jungen Sanitäter.

Flugzeugabsturz mit elf Toten und 30 Verletzten in Trudering

Ab 1985 wechselt Rudi Lorenz dann zum Münchener Roten Kreuz, da er die Großstadtrettung kennenlernen will – acht bis zehn Einsätze in acht Stunden sind die Regel, wobei er auch sehr ausgefallene Einsätze erlebt – ein Bewusstloser ganz oben in einem Baukran oder ein Gabelstaplerfahrer, der rückwärts über eine Rampe zweieinhalb tief Meter gestürzt ist, zunächst noch ansprechbar ist, aber dann bei der Rettung verstirbt. Zunächst kenn er sich als Fahrer des Rettungswagens im unübersichtlichen Straßennetz der Millionenstadt überhaupt noch nicht aus und elektronische Navis sind noch lange Zukunftsmusik, doch nach zwei Jahren mit mannigfaltigen Einsätzen hat er sehr gute Ortskenntnisse gesammelt. Der ausschlaggebende Tipp seines erfahrenden Kollegen: „Schau Dir immer die großen Straßen an, dann weißt Du jederzeit, wo Du bist!“

Eingesetzt ist Lorenz an der Hauptwache in der Seitzstraße und an der Wache in Trudering, die direkt für den damaligen Flughafen in Riem zuständig ist; regelmäßig ist der junge Rettungssanitäter dort bei der Versorgung und Übernahme akut internistisch erkrankter Passagiere aus aller Welt gefordert, lernt dabei den Piloten und damaligen Ministerpräsidenten Franz-Josef Strauß kennen, erlebt aber auch dramatische Flugunfälle, die ihn prägen: Der Überschlag eines nicht voll besetzten Lear-Jets, der im Nebel die Landebahn verfehlt, fordert einen Toten und zwei schwer Verletzte; am 11. August 1987 ist Lorenz dann der erste Sanitäter an der Einsatzstelle, als in Trudering ein Berufspilot bei der Verlängerung seiner Lizenz mit einem Prüfer und seiner Sekretärin in einer Piper PA-31T Cheyenne II abstürzt und elf Menschen sterben.

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Foto: Repro BRK Archiv

Beim Landeanflug griff der Prüfer überraschend ein und zog ohne Ankündigung in einer völlig unpassenden Situation in rund 60 Metern über Grund den Leistungshebel des rechten Triebwerks auf Leerlauf zurück. Der Pilot sollte zeigen, dass er die Maschine auch bei Ausfall eines Triebwerkes landen kann. Ein Standardverfahren zwar, doch wegen des Drehmoments des linken Triebwerks – und des überraschend fehlenden ausgleichenden Drehmoments der rechten Turbine – drehte die Maschine um die Längsachse nach rechts und unten und nahm Fahrt auf. Dank der Fahrt konnte der Pilot die Maschine knapp über der Straße noch abfangen, allerdings erst einen Meter über dem Boden. Sie rutschte mit am Boden kratzenden Propellern über eine Straßenkreuzung der Wasserburger Landstraße, enthauptete dabei mit der Flügelnase eine Radfahrerin und streifte einen Linienbus. Dessen Fahrer verlor die Kontrolle und fuhr in ein McDonald’s-Restaurant.

Auch die Maschine prallte gegen das Gebäude. Dabei riss eine Tragfläche, das Kerosin entzündete sich und setzte Gebäude, Flugzeug und Teile des Busses in Brand. Die drei Insassen des Flugzeugs waren sofort tot. Am Boden starben drei weitere Menschen. In den folgenden Wochen starben drei der insgesamt 30 Verletzten. Das Restaurant wurde zerstört und an gleicher Stelle wiederaufgebaut.

Fachlich organisierte Krisenintervention für Einsatzkräfte wie heute gibt es damals noch nicht – trotzdem sind auch derart außergewöhnliche Einsätze für Rudi Lorenz gut zu bewältigen: „München war eine Zeit, die ich nicht missen will. Trotz der Großstadt ging es sehr persönlich zu, der Zusammenhalt auch mit den Kollegen der anderen Organisationen war einmalig und sehr freundschaftlich; wir haben nach Einsätzen wie dem Flugzeugunglück ganz normal weitergearbeitet – das war eine andere Zeit und wir waren vielleicht auch härter als heute.“

Über die Leitstelle Traunstein zurück nach Bad Reichenhall

Im Juni 1988 fängt Rudi Lorenz dann als Notruf-Disponent in der damaligen BRK-Rettungsleitstelle Traunstein an, da er seine heutige Frau schon kennt und wieder näher in Richtung Heimat will. Über den Referenten in der Landesgeschäftsstelle des Roten Kreuzes spricht er zunächst für eine Stelle in der Leitstelle Rosenheim vor, wobei sich für ihn überraschend ein freier Posten in Traunstein ergibt. Zusammen mit dem heute noch in der Leitstelle tätigen Thomas Roland absolviert er den Leitstellen-Lehrgang und arbeitet dort bis März 1991.

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Foto: Repro BRK Archiv

Wieder der Zufall will es, dass er auf einem Fest des Teisendorfer Roten Kreuzes den damaligen Kreisgeschäftsführer Edi Schmid trifft, den er durch seine vielen ehrenamtlichen Rettungsdienst-Schichten im Urlaub während der Heimat-Besuche in Bad Reichenhall gut kennt und der ihm eine Stelle zu Hause anbietet. Am 1. April 1991 fängt Rudi Lorenz dann an der Rettungswache Bad Reichenhall an, wobei die ersten Monate für ihn nach den Erfahrungen in München zunächst gewöhnungsbedürftig sind, da zu dieser Zeit das Einsatzaufkommen in der Kurstadt eher noch überschaubar ist.

Er erlebt dann wie sich die Notfallmedizin und die Ausstattung der Fahrzeuge über die Jahre hinweg auch in Bayern immer mehr verbessern – sehr oft wie in Reichenhall nur mit sehr viel Eigeninitiative der dortigen Sanitäter und Notärzte, die beispielsweise tragbare Handfunkgeräte für den Landrettungsdienst über die Bergwacht organisieren oder das so genannte Rendevous-System mit einem separaten Notarzt-Einsatzfahrzeug (NEF) einführen, das Lorenz schon aus seiner Ulm-Zeit kennt. Im Berchtesgadener Land gibt es zunächst nur in Berchtesgaden ein NEF, wobei der Notarzt selbst fährt – Freilassing und Bad Reichenhall bekommen dann zur Jahrtausendwende eigene NEF, die zunächst nur ehrenamtlich tagsüber und am Wochenende mit einem Sanitäter als Fahrer besetzt sind und mit Spenden-Initiativen für die Mehrkosten bei der Beschaffung überhaupt erst möglich wurden.

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Foto: Repro BRK Archiv

Ärzte, Unterstützer und vor allem auch BRK-Kreisgeschäftsführer Tobias Kurz sind den Ideen und Initiativen von Lorenz und seinen Mitstreitern gegenüber meist recht aufgeschlossen, weshalb sich über die Jahre auch viel tut: Während seiner ehrenamtlichen Zeit war nur einer der beiden Reichenhaller Rettungswagen (der so genannte Herz-Lungen-Wagen) mit einem sehr schweren EKG ausgestattet, das die Sanitäter vorher bei entsprechenden Einsätzen im Krankenhaus holen mussten. Heute sind EKG-Defi-Einheit und Beatmungsgerät Standard und nicht mehr wegzudenken.

Hoher Anspruch an sich selbst

„Man lernt nie aus!“ ist sein Motto bis zur Rente, weshalb er jede Möglichkeit zur Aus- und Fortbildung nutzt und aktiv mitgestaltet. Das Team rund um Rudi Lorenz organisiert sich in den 1990er und 2.000er Jahren die regelmäßigen Schulungen im Rettungsdienst weitgehend selbst, wobei er über seine guten Verbindungen nach München und Ulm viele anerkannte Experten kennt, die aufgrund der freundschaftlichen Verbindung gerne als Referenten nach Reichenhall kommen. Die besonderen Abende kommen bei Sanitätern und Ärzten sehr gut an und stärken ihre Handlungskompetenz bei anspruchsvollen Einsätzen. Als Wachleiter fehlt ihm dann aufgrund der zusätzlichen Aufgaben manchmal die freie Zeit und Energie, die er früher zwischen den Einsätzen mit einem Fachbuch auf der Couch verbracht hat; dennoch achtet er darauf, keine Abstriche zu machen: „Der Beruf verzeiht keine Fehler und fordert geistig und körperlich 100 Prozent – wenn ich Nachtschicht habe, dann schlafe ich wenn überhaupt nur oberflächlich und gehe deshalb auch bei schönem Wetter davor und danach nicht auf den Berg, sondern ruhe mich aus.“

Seinen Ausgleich und seine Kraft holt sich Lorenz in der heimischen Natur und im Sport. Morgens, wenn noch alle schlafen, neben dem Biber im Thumsee schwimmen oder ganz still im Wald dem Schwarzspecht zuschauen ist für ihn das Größte. „Da kann ich mich freuen wie ein kleiner Junge!“ Seine 63 Jahre sieht man dem auch körperlichen gesunden und fitten Sanitäter deshalb überhaupt nicht an. „Rettungsdienst ist Spitzensport, da niemand fragt, ob Du im dritten Stock eines verwinkelten und engen Schuhkastel-Hauses den schweren Patienten und Deine Ausrüstung runtertragen kannst; wenn pressiert, dann muss das einfach funktionieren. Wer nicht fit ist, wird in diesem Beruf weder froh noch alt!“  Ohne Sport ging es für Lorenz aber ohnehin nicht, da er bei der Anstrengung am besten den Kopf wieder freibekommt, abschalten kann und mentalen Ausgleich findet.

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Durch Amoklauf unfreiwillig im Rampenlicht

Lorenz wird unfreiwillig weltbekannt, als er am 1. November 1999 beim Amoklauf in Bad Reichenhall pragmatisch handelt, bei vollem Risiko-Bewusstsein einen Rettungswagen in die Schusslinie schiebt, um drei am Boden liegende Verletzte zu versorgen und damit Leben rettet. Er steht dadurch plötzlich ungewollt im medialen Rampenlicht, verzichtet aber auf jede Selbstinszenierung und lehnt Honorar-Angebote von bis zu 25.000 Mark ab – ihm gehts um andere Werte, ums Helfen und um die Menschen. Zu dieser Zeit gibt es bereits organisierte Krisenintervention für Einsatzkräfte, die Lorenz aber nicht in Anspruch nimmt. Er sagt selbst, dass ihn nur die mediale Aufmerksamkeit danach gestresst hat, er aber mit den Erlebnissen gut umgehen konnte und damals in der 24-Stunden-Schicht ganz normal weitergearbeitet hat – eine mentale Stärke, die sich in seinem Lebenslauf immer wieder bewährt und vor allem aus seiner durch viel Praxis und gute Fortbildungen bedingten Handlungssicherheit speist: „Wenn Du weißt, dass Du alles für den Patienten gemacht hast, was möglich war und die richtigen Entscheidungen getroffen hast, kannst Du auch mit eigentlich belastenden Erlebnissen gut umgehen!“

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Der Einsturz der Reichenhaller Eislaufhalle am 2. Januar 2006 und die für die Polizei durchgeführten Beschauung der über die Tage hinweg gefundenen und geborgenen toten Kinder haben sich wesentlich tiefer in seine Erinnerung eingeprägt als der Amoklauf – er selbst konnte mit dem Erlebten dennoch gut umgehen, sagt er – allerdings waren Einsatzkräfte und eine junge Ärztin dabei, die vorab nicht einschätzen konnten, auf was sie sich einlassen und dann psychisch völlig überfordert waren. Die organisierte Stressbearbeitung nach belastenden Ereignissen (SbE), aber auch eine gute Gemeinschaft unter den Kollegen ist für den heute 63-Jährigen vor allem für junge Berufseinsteiger wichtig, da er in seinen 45 Rettungsdienst-Jahren immer wieder erfahren hat, wie die Kollegen nach außergewöhnlichen Einsätzen im Team reden wollen, das Erlebte nachbesprechen und sich Feedback holen, um alles besser einordnen zu können: „Ich war immer im Reinen mit mir, weil ich wusste, dass ich alles was möglich war, auch gegeben habe!“

Der selbstgemachte Stress bringt die Leute um

Mit der Zeit werden auch die Einsätze im Berchtesgadener Land immer mehr und auch anders, wobei viele Notrufe dabei sind, wegen denen früher nie jemand in der Leitstelle angerufen hätte. Die Rotkreuzler fahren mittlerweile oft die ganze Nacht hindurch einen Krankentransport nach dem anderen, da viele ältere und sozial vereinsamte Menschen allein nicht mehr zu Hause klarkommen und keine Selbsthilfe durch Familie, Nachbarn oder Freunde greift. Der Arzt macht nachts so weit draußen keinen Hausbesuch mehr, die Notfallsanitäter entscheiden dann vor Ort, wie sie das Problem des Anrufers vor Ort lösen sollen, der manchmal nur einsam ist und lediglich reden will. „Auch dieser menschliche Aspekt gehört zum Job und ist extrem wichtig! Krankentransporte in der Nacht dürfte es aber gar nicht geben, denn nachts ist und war immer Notfall-Zeit – wer kein akutes, gesundheits- oder lebensbedrohliches Problem hat, könnte eigentlich bis zum nächsten Morgen warten.“

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Lorenz, der das hohe Aufkommen aus seiner Großstadt- und Hubschrauber-Zeit gewohnt ist, kann direkt vergleichen und beurteilen: Vor allem seit 2010 werden die Rettungen immer mehr – das Anspruchsdenken der Bevölkerung steigt, die Retter sollen Voll-Dienstleister für alle auch nicht akuten Lebenslagen sein, in denen sonst niemand mehr weiterhilft, Verkehrsaufkommen und Tages-Tourismus werden mehr, die Leute werden älter, Sucht-Erkrankungen nehmen zu, aber auch viele Jüngere erkranken plötzlich schwer und brauchen medizinische Hilfe, was es früher so nicht gab. Für Lorenz das direkte Resultat eines tendenziell ungesünderen, stressigen Lebensstils mit immer mehr Druck, den sich die Menschen vor allem selbst machen, der aber auch durch die Arbeit und die übermäßig auf Einkommen und Gewinn getrimmte Leistungsgesellschaft entsteht: „Wenn ich was in 45 Jahren Rettungsdienst gelernt, habe, dann ist das, dass Geld ganz bestimmt nicht alles ist. Das Kostbarste sind Zeit, ruhige Momente und gute Menschen im eigenen Umfeld. Der selbstgemachte Stress bringt die Leute um! Das Geld kann ein Toter nicht mehr ausgeben und die verlorene Zeit und Gesundheit holt niemand zurück.“

Dankbarkeit & Anonymität

Südlich des Hallthurms lebt nach Lorenz Erfahrung eine ganz andere Art von Menschen; die Einheimischen dort sind auffällig dankbarer für die Rettungen und auch allgemein bescheidener. In Reichenhall geht’s häufig viel anonymer und auch abweisender zu, wobei man auch eine zunehmende Verrohung und mehr Egoismus und Egozentrik bemerkt; Nachbarn in größeren Wohnhäusern kennen sich manchmal gar nicht mehr. „Wir hatten einen Einsatz in einem Mehrparteienhaus, bei dem eine Frau zwei Tage hilflos in der Badewanne lag, aber niemand auf ihre Schreie und ihr Klopfen reagiert hat und sich auch niemand Sorgen gemacht hat“, bedauert Lorenz, ohne dabei aber zu verallgemeinern.

Direkte Gewalt gegen Einsatzkräfte hat der Notfallsanitäter in seiner langen Laufbahn nie persönlich erlebt. Sehr wohlhabende Patienten der Erben-Generation, die sich vor allem über ihr Vermögen definieren, sind aus seiner Erfahrung eher anspruchsvoller, in psychisch belastenden Notfall-Situationen häufig mental instabiler, weicher und weniger gefasst als bodenständige Menschen aus einfacheren Verhältnissen, die mit wenig zufrieden sind und sich eher an nachhaltigeren Werten orientieren. „Natürlich gibt es Ausnahmen, das sind aber fast immer Reiche, die sich selbst alles erarbeitet und dadurch die Bodenhaftung nie verloren haben“, erklärt Lorenz.

Nie ein schwerer Unfall

Beeindruckend ist auch, dass Lorenz in seinen vielen Dienstjahren sich nie selbst verletzt und auch nie einen schweren Unfall mit einem Einsatzfahrzeug hatte, obwohl die Verkehrsdichte und der Stress auf Blaulichtfahrten von Jahr zu Jahr mehr geworden sind. „Ich fahre bei brisanten Notfällen zugegeben gerne zügig, aber immer so vorausschauend, dass es nicht am Limit riskant wird. Es ist entscheidend, selbst sicher anzukommen und andere nicht zu gefährden; trotzdem hab ich Notärzte und Kollegen auf dem Beifahrersitz schon manchmal zum Schwitzen gebracht!“, gesteht der 63-Jährige. Sein Tipp an die jungen Kollegen, die noch wenig Fahrpraxis haben: „Du musst immer davon ausgehen, dass jeder vor Dir ein Idiot sein könnte und völlig unvorhersehbar reagiert. Ein Trick ist, sich auf der Anfahrt möglichst breit zu machen und mittig zu fahren, damit einem auch die weit entfernten und entgegenkommenden Fahrzeuge schon früh sehen und dann Platz machen. Gut ist auch, das Auto in einem Sicherheitstraining vorab auszutesten, damit man es bei Einsatzfahrten besser einschätzen kann und die Grenzen nicht überschreitet.“

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Ende einer Ära

Was ist das Geheimrezept, um in diesem Job bis zur Rente erfüllt und zufrieden durchzuhalten? Wer sich heute für den Beruf des Notfallsanitäters entscheidet, sollte sich laut Lorenz vorab selbstkritisch fragen, ob er mental und körperlich auch wirklich stark genug dafür ist. Junge Leute sollten für diese Art von Arbeit ein aufgeschlossenes Wesen haben und sich auch über die Jahre hinweg eine „interdisziplinäre Wissensgeilheit“ bewahren, also immer dazulernen wollen, da von ihrem Können im Ernstfall die Gesundheit oder sogar das Leben eines anderen Menschen abhängt. Auch die menschliche Komponente muss stimmen: „Man braucht Einfühlungsvermögen und eine ruhige Ausstrahlung, die andere Menschen in Notfall-Situationen beruhigt und oft Wunder wirkt. Wer das auf dem Krankenwagen als Rettungssanitäter schon kann und viel im Patienten-Kontakt übt, aus dem wird auch ein guter Notfallsanitäter!“

Rudi Lorenz hat nicht vor, als Rentner im Minijob oder Ehrenamt weiter Dienst zu machen und dann dabei womöglich nicht mehr die geforderte Leistung zu bringen, weil er nicht diszipliniert am Ball geblieben ist – damit endet die Ära eines Menschen, für den der Beruf immer eine Berufung war: „Ich habe beim Roten Kreuz so viel erlebt und will nichts davon missen. Mir hat diese erfüllende Arbeit wahnsinnig viel Spaß gemacht, aber alles hat seine Zeit und man muss selbstbestimmt wissen, wann man aufhört. Ich werde meine Kollegen in der Wache und der Verwaltung immer wieder mal besuchen und die Freundschaften pflegen, aber mich im Ruhestand bewusst aus dem Dienst raushalten, der ja auch nicht einfacher wird.“

Leitner, BRK BGL/red