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Ein Lied wird geboren …

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Joseph Mohr nach seiner Ankunft in fröhlicher Runde im Wirtshaus. (Foto: Heel)

Es war ein Akt der Rebellion, der das wohl schönste Weihnachtslied begründet hat. Abgespielt hat sich dieser Akt im salzburgischen Mariapfarr, wo der 1792 in Salzburg geborene Joseph Mohr zwischen 1815 und 1817 als Hilfspfarrer tätig war.


Ein Freigeist, wie es hieß, der sich um Vorschriften der heiligen Mutter Kirche, um Regeln wie Gehorsam oder sogar Zölibat wenig scherte. Eine entsprechende »Verfehlung« ließ da nicht lange auf sich warten: Er taufte ein unehelich geborenes Kind und betätigte sich als »Kuppler«, indem er die Mutter mit einem Einsiedler zusammenbrachte. Was ihn später, angesichts des Glücks und der Harmonie dieser kleinen Familie, sogar zu einem kleinen Gedicht inspirierte: »... einsam wacht nur das traute, heilige Paar. Holder Knab’ in lockigem Haar!«

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Diese Sequenz steht auch im Mittelpunkt des Musicals »Stille Nacht«, das jetzt auch im vollbesetzten Saal des Traunreuter k1 erfolgreich aufgeführt wurde. Erster Schauplatz ist dabei eine Bauernstube am Nikolaus-Tag 1848. Da erfährt der Bauer und Vater eines munteren Quartetts durch einen Brief, dass der ihm gut bekannte Mohr am 4. Dezember in Wagrain verstorben sei. Der Bauer erzählt seinen Kindern davon, von der Not und Enge seinerzeit und wie Mohr frischen Wind in die Gemeinde gebracht habe. Anschließend schlüpfen die insgesamt sechs Schauspieler/innen in weitere diverse Rollen und spielen einige Lebensstationen Mohrs nach, angefangen mit Mohrs Ankunft in Oberndorf, wohin er 1818 strafversetzt worden war.

Ein Kunstgriff, der uns den erfrischend unkonventionellen Charakter Mohrs sofort nahebringt, denn kaum angekommen, sitzt er schon am Stammtisch, trinkt Bier, singt und spielt Gitarre dazu. Ein cooler Typ, würde man heute sagen, lebenslustig, verständnisvoll und für die Sorgen seiner Schäfchen aufgeschlossen. Nur folgerichtig also, dass er seine Messen lieber in deutscher statt lateinischer Sprache abhält und einen Kirchenchor etablieren möchte, in dem (oh Skandal!) auch Frauen mitsingen dürfen. Sehr zum Unwillen seines Vorgesetzten, Pfarrer Nöstler, der ihn bald schon als »Klagemauer der Armen und Weiber« bezeichnet.

Einen Verbündeten findet er in dem Dorflehrer und Organisten Franz Xaver Gruber (1787 bis 1863), der ihm, als vor Weihnachten die Orgel streikt, die Melodie zu seinem bereits erwähnten Gedicht liefert. Und so erklingt, von Mohr nur an der Gitarre begleitet, das Lied »Stille Nacht!« – Es ist der 24. Dezember 1818.

Etwas schwankend zwischen Volkstheater und Krippenspiel bietet das Musical in den 70 Minuten seines ersten Akts somit einen unterhaltsamen Einblick in die Entstehung von »Stille Nacht!«. Einige Längen weist hingegen der zweite, knapp einstündige Akt auf, der von der Verbreitung des Lieds handelt und in ein etwas überdrehtes Finale mündet. Hier wird der Familie des armen Handschuhmachers Lorenz Strasser aus Tirol, die auf ihrer Verkaufstour in Leipzig derart in Nöten gerät, dass die Kinder auf der Straße betteln und singen müssen, und dabei auch »Stille Nacht!« anstimmen, etwas viel Platz eingeräumt.

Wenn das Musical dennoch durchwegs das Interesse hält, liegt dies zum einen an der kurzweiligen Inszenierung von Claus J. Frankl, der auch die Textpassagen des Stücks geschrieben hat, zum anderen am engagierten Spiel der Schauspieler, allen voran Tom Wagenhammer als Mohr, der schnell zum Publikumsliebling avancierte. Auch seine Mitakteure Josef Eder, Martin Mantel, Karsten Kenzel, Steffi Regner und Lisa-Maria Sonderegger brachten die vielen Gesangseinlagen stimmig rüber, auch wenn ein Lied mit Ohrwurmcharakter fehlte. Aber da wollte man vielleicht dem titelgebenden Lied keine Konkurrenz machen.

Gut aufgestellt war auch die Begleitmusik, die mit dezent alpenländischen Klängen das Geschehen auf der Bühne untermalte, dargeboten von einer sechsköpfigen Band an Harfe, Gitarre, Kontrabass, Hackbrett und Zither unter der Leitung von Pianist Thomas E. Killinger, von dem auch die Musik stammte. Die Liedtexte hatte Petra F. Killinger verfasst. Nur verständlich also, dass der Applaus für diese letztlich doch recht gelungene Aufführung entsprechend kräftig ausfiel. Wolfgang Schweiger