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Ein Reich, wo der Tod verschwindet und die Sonne im Osten untergeht

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»Hätte ich den Mond bekommen, hätte die Liebe genügt«. Ben Becker als Caligula und Elisa Afie Agbaglah als Helicon im Salzburger Landestheater. (Foto: Landestheater)

»Ich bin ein einfacher Mensch, und gerade das werdet ihr nie begreifen«. Dieser Satz aus dem Mund eines tyrannischen Herrschers führt die herkömmliche Auffassung von Moral ad absurdum, denn gerade die Sehnsucht nach dem Amoralischen treibt diesen Tyrannen an.


Albert Camus (1913 bis 1960) schrieb sein Drama »Caligula« in den 1940er Jahren unter dem Eindruck des Zweiten Weltkriegs, der ihm als »Höhepunkt alles Absurden« erschien. Die Regisseure John von Düffel und Marike Moiteaux wagten sich im Salzburger Landestheater an eine neue Stückfassung des im Jahr 1945 in Paris uraufgeführten Dramas um den undurchschaubaren, römischen Kaiser Caligula (von 37 bis 41 Kaiser des römischen Reichs). Mit Ben Becker als Caligula war die Idealbesetzung der Rolle gelungen: Ein Schauspieler, der in seiner Darstellung nicht nur vielschichtige Ambivalenz, sondern auch psychotisch-schizoide Züge einer traumatisierten Persönlichkeit spürbar machen kann.

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Caligulas Drama (zugleich Trauma) beginnt mit dem Tod seiner Schwester und Geliebten Drusilla. Unsäglicher Schmerz treibt ihn in den Wald. Drei Tage später kehrt er wie verwandelt zurück. Die leere, schwarze Bühne, im Hintergrund eine riesige schwarze Glasscheibe, nach vorne ein Wassergraben, der als Distanz zum Volk verstanden werden kann, spiegelt zugleich innere Leere, wie die Sinnentleerung Caligulas Daseins wider. »Von heute an kennt meine Freiheit keine Grenzen mehr.« Er will die Weltordnung auf den Kopf stellen, will »ein Reich, wo der Tod verschwindet und die Sonne im Osten untergeht«, in dem Leben das Gegenteil von Lieben ist.

Worte, die im Raum stehen wie Sterne, die nicht nach außen funkeln, sondern nach innen strahlen. Sätze, die man, so wie Becker sie sagt, schon einmal gehört zu haben meint, Wahrheiten, die Lügen verbreiten und Lügen, die aus der Wahrheit entsprangen – niederschmetternd und zugleich aufbauend, so als hätte sie die Welt selbst geschrieben. Es geht Caligula um das, was unmöglich ist, er will den Mond besitzen, weil nur dieser im Stande ist, ihn über den Verlust der Liebe und die Ohnmacht des Menschen vor schicksalhaften Eingriffen im Leben hinwegzutrösten.

Er will sich selbst in den Götterstand aufschwingen, will Venus sein, Herrscher über Leben und Tod, er tobt, wütet, tötet die, die er einst liebte, beutet sein Volk aus und verordnet ihm eine sinnlose, elende Hungersnot. Seine einzige Zuflucht ist die Verachtung. Wirklich stoppen kann ihn keiner. Sein wahnwitziger Versuch, kraft seiner Greueltaten den Sinn des Lebens abzuschaffen, schlägt fehl: »Man kann nicht ohne Grund leben«, belehrt ihn Scipio, der Dichter. Aufkeimendem Selbstzweifel begegnet er mit einem faden Vergleich: »Jeder Krieg eines vernünftigen Kaisers kostet mehr Menschenleben als die Launen meiner Phantasie. Den Krieg versteht ihr, und das Schicksal versteht ihr nicht.« Noch im Angesicht des Todes bei der Ermordung durch seine Verschwörer begehrt er auf: »Ich lebe. Ich lebe.« – eine indirekte Aufforderung, dass die Verpflichtung zum Widerstand nie erlischt.

Ben Beckers schauspielerische Leistung war eine Offenbarung. Eine Offenbarung dessen, was in diesem Genre machbar ist. Damit legt er die Messlatte für alle Kollegen der Weltbühnen mehr als hoch, denn was Becker zeigte, war kein »Spiel«. Es war echt, war in genau diesem Moment erlebt, gelebt, entstanden und tief empfunden, sodass sich das dem Alltag entrückte Publikum als Zeuge der hoch dramatischen Ereignisse fühlen musste und sich mit Haut und Haar dem empathischen Sog hingab.

Dass diese Inszenierung von John von Düffel und Marike Moiteaux auf derartig hohem Niveau gefeiert werden konnte, war, und das sei in besonderem Maße betont, auch der Tatsache geschuldet, dass zum einen die Besetzung der Rollen der Geliebten Caesonia (Nikola Rudle), des Dichters Scipio (Tim Oberließen), der Beraterin Helicon (Elisa Afie Agbaglah) und des Patriziers Patricius (Christoph Wieschke) wie auf diese Figuren zugeschliffen waren. Zum anderen konnten Beckers Mitspieler aus dem Ensemble des Salzburger Landestheaters neben dessen enormer Präsenz bestehen, ohne von seiner Strahlkraft verschluckt zu werden.

Ein inszenatorischer Drahtseilakt, der mit traumwandlerischer Eleganz gelang und gerade in einem »nackten«, und deshalb die Dramatik beleuchtenden Bühnenbild (Bühne und Kostüme Eva Musil), potenziert Wirkung tat. Als in einem letzten, tief berührenden Monolog im Publikum ein Handy läutete, keimte der Verdacht auf, dieser empörende, fast terrorisierende Störfaktor wolle das Publikum wie ein Weckruf ins Jetzt zurückholen, damit es sich nicht in dieser »anderen« Welt verliert. Becker mag innerlich explodiert sein, doch er »bestand«, hielt stand, blieb »drin« und hatte bald schon alle wieder bei sich. Kirsten Benekam