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Ein Rock'n'Roller in der Brunft

Was unterscheidet die Liebesgeschichte zwischen Leonardo DiCaprio und Kate Winslet in »Titanic« vom wirklichen Leben? Ganz einfach, meint der Kabarettist Nepo Fitz bei seinem Auftritt in der gut besuchten Traunsteiner Kulturfabrik NUTS: Im wirklichen Leben geht das Schiff nicht rechtzeitig unter, müssen die zwei sich erst »zsammraffa« und dann schauen, wie sie die nächsten 40, 50 Jahre zurechtkommen, gänzlich unromantisch als Bewohner einer so öden wie spießigen Reihenhaussiedlung. Und genau daran leidet er, der Sohn der Kabarettistin Lisa Fitz und eines persisch-bayerischen Rockschlagzeugers. Anders erzogen, anders aufgewachsen, anderer Hintergrund, oder besser gesagt: Untergrund, hieß es seinerzeit doch, wenn er mal wieder ausflippte oder sonst störrisch war: »Sei brav, sonst kommst ins Reihenhaus.«

Rocker und Rebell im Reihenhaus: Nepo Fitz in der Traunsteiner Kulturfabrik NUTS. (Foto: Heel)

Doch wie soll er diesem Schicksal entgehen, wenn die Frauen auf Anpassung bestehen, wenn der bayerische 9-Punkte-Lebensplan Folgendes vorsieht: Schule, Studium, Beruf – Bausparer, Heirat, Kinder – Haus, Hund, Tod? Single bleiben? »A bisserl a Freundin haben?« Immerhin ist er schon 31, und wer zu spät kommt … Also spielt er durch, wie das so wäre, als testosterongeladener Rocker und Rebell in der Welt der Gartenzwerge, Mülltrennungsfanatiker und Heckenscheren-Akrobaten. Entsprechend aufgedreht kommt er eingangs auf die Bühne gestürmt, wirft sich sofort ans Klavier und heizt mit »Route 66« und »Great Balls of Fire« erst einmal die Stimmung an. Und kehrt auch anschließend immer wieder zu fetten Rock'n'Roll-Beats zurück, wenn die Worte nicht mehr ausreichen und der Brunftschrei ertönt, getreu dem Titel seines Programms »Brunftzeit – Wildwechsel und Liebestaumel«.

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Aber damit nicht genug. Auch sonst ist er ständig in Bewegung, singt, tanzt und springt herum und schlüpft dabei mühelos in die unterschiedlichsten Rollen. Da spürt man am deutlichsten, dass hier ein Naturtalent am Werk ist, dem das Musikmachen und die Schauspielerei buchstäblich in die Wiege gelegt wurden. Und auch, siehe oben, die Abneigung gegen alles Langweilige und Konservative. Das macht seine Performance so glaubhaft: Der Mann will es wirklich rocken lassen, all night long.

Kernpunkt seiner Show ist hierbei seine Mutation zum Siedlungs-Cowboy, der auf der Suche nach Falschparkern durch die Straßen streift und dabei auf rassistische, »speed-hitlernde« Rentner und mörderische Papis trifft. Aber Nepo Fitz weiß die Lösung und legt zwischendurch einen Rap hin, der rechtsradikale Energien abbaut bzw. »den Nazi in dir tötet«.

Doch zurück zur Brunft, zum Liebesleben in der Ikea-möblierten Fengshui-Eigenheim-Höhle. Da ist der Kabarettist umsonst über seinen Schatten gesprungen. Denn spätestens als die Angetraute sagt: »Ich habe viel über uns beide nachgedacht«, weiß er, der Traum ist geplatzt und er ist wieder Single. Was jetzt? Nepo Fitz kennt auch hier die Antwort: Statt wieder von vorne anzufangen, sucht er nun sein Glück bei einer verheirateten Frau. Aber erst, nachdem er hübsch ansäuselt mit seinem Ex-Schwiegervater abgerechnet hat, für den ein Besucher in der ersten Reihe herhalten muss. Dem rückt er gnadenlos auf die Pelle und setzt ihm minutenlang mit schwerer Zunge zu. Eine ungemein erheiternde Szene und ein letzter Beweis dafür, dass der Mann sein Geschäft als Platzhirsch hervorragend beherrscht. Wolfgang Schweiger