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Ein schwarzes Kapitel unserer Geschichte

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Der Musiker und Sammler Walter Erpf bei seinem Vortrag im Isinger Saal. (Foto: Benekam)

Mit dem Veranstaltungsmotto »Sag' beim Abschied leise Servus« traf der Musiker und Sammler Walter Erpf gleich in zweierlei Hinsicht ins Schwarze: Zum einen verschaffte er sich mittels seines antiquarischen Grammophons leise Gehör und erweckte im Isinger Saal längst vergessene jüdische Musiker und Textdichter noch einmal zum Leben – ohne Verstärker, mit genau dem richtigen Maß an Takt und Respekt für die vor langer Zeit geschaffenen Werke und das Schicksal ihrer Schöpfer. Zum andern schuf er so dem Publikum Raum, noch einmal hinzuspüren, hinzuhören, um dann einmal mehr Abschied zu nehmen von einer zum Himmel schreienden Ungerechtigkeit, die im Nazi-Deutschland nicht nur unzählige Menschenleben forderte, sondern auch endgültig ein Stück gemeinsamer Kultur auslöschte.


Auf der Bühne im Isinger Saal steht ein altes Grammophon, ein kleiner Tisch mit einer Art Koffer für Schellackplatten, neben dem in alten Sammelmappen gebundenes Bildmaterial bereit liegt. Daneben steht der Besitzer der wertvollen, einzigartigen Sammlung, Walter Erpf. In dem folgenden zweistündigen Vortrag fallen viele Namen, die wahrscheinlich die meisten Anwesenden zum ersten Mal hörten, obwohl ihre Träger einst genauso bekannt waren wie Marlene Dietrich, Heinz Rühmann oder Zarah Leander. Die mangelnde oder gar fehlende Präsenz dieser ehemals gefeierten Publikumslieblinge liegt wohl zum größten Teil daran, dass sie während der zwölfjährigen Diktatur des Nationalsozialismus verfolgt, ins Exil gejagt oder gar ermordet wurden.

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Ein zweifellos schwarzes Kapitel unserer Geschichte, das Walter Erpf zum Thema machte, und umso erstaunlicher, dass an diesem Abend soviel gelacht, geschmunzelt und geklatscht wurde. Originalstimmen singend oder rezitierend von Fritz Grünbaum, Ralph Erwin, Fritz Löhner-Beda sowie Paul O'Montis und vielen anderen drangen aus dem alten Grammophon und versetzten das Publikum zurück in die 20er bis 40er Jahre. Wer weiß schon, dass hinter dem Namen Harry Hilm, der übrigens bis heute noch auf den GEMA-Abrechnungslisten zu lesen steht, Siegfried Tisch und Hans Lengfelder stehen? Hilm fungierte damals als Strohmann für seine Freunde, die als Juden 1935 keinerlei Aussicht hatten, als Textdichter Anstellung zu finden.

Zwischen den höchst interessanten Berichten über das Leben und Wirken jüdischer Musiker, Textdichter und Schauspieler spielte Erpf jeweils dazu passend Schellackplatten ab und sorgte so für eine ausgesprochen kurzweilige Verflechtung von Theorie und Praxis, welche durch Weitergabe von Bildmaterial, wie zum Beispiel originale Autogrammkarten, optimiert wurde.

Das Publikum im Saal musste nicht extra eingeladen werden, bei den bekannten Ohrwürmern wie etwa »Ausgerechnet Bananen«, »Dein ist mein ganzes Herz« , »Wochenend und Sonnenschein« oder »Ich küsse Ihre Hand Madame« mitzusingen – im Gegenteil! Von der heiteren Stimmung der Lieder und Texte angesteckt, war es schnell ein heiteres Miteinander, sodass ein jeder im Saal bereitwillig in die Lieder aus dem Grammophon einstimmte. Ein Abend, der sicher in bester Erinnerung bleiben wird, genau wie auch die Menschen, die hinter diesen Melodien und Texten stehen, denen es damals wie heute gelingt, der Welt zu ein bisschen mehr Heiterkeit zu verhelfen. »Sag' zum Abschied leise servus« – dieser Wunsch auf ein Wiedersehen kam in jener Zeit wohl vielen Emigranten über die Lippen. Doch war es wohl vielen nicht einmal möglich sich zu verabschieden, ohne dabei sich oder sein Gegenüber in Gefahr zu bringen. Kirsten Benekam