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Ein »Souvenir de Vienne« in Traunstein

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Anna Karmasin singt »Draußen in Sievering«. (Foto: Kaiser)

Das Aushängeschild der leichten Muse in Traunstein, vor Jahren »Faschingskonzert« genannt, widmete sich wieder der »klassischen Wiener Unterhaltungsmusik« zwischen dem 19. und dem 20. Jahrhundert, diesmal unter dem Titel »Souvenir de Vienne«.


Dass der Programm-Folder arg schludrig redigiert war, irritierte eher den Berichterstatter (und kostete ihn Zeit bei der Nach-Recherche), war für die Zuhörer eigentlich belanglos, denn das musikalische Niveau, das das Musikkollegium Traunstein unter der fesch-fordernden Leitung von Augustin Spiel bot, war sehr ansprechend. Das lag zum guten Teil auch an der Solistin des Abends, der jungen, hübschen Sopranistin Anna Karmasin.

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Der »Freiherr von Schönfeld-Marsch« (1890) von Carl Michael Ziehrer (1843 bis 1922) brachte in einem straff-festlichen, doch nicht zu schnellen Tempo einen erwartungsfrohen Auftakt. Ihm folgte von Johann Strauß Sohn (1825 bis 1899) die 1833 uraufgeführte schmissige Ouvertüre zu »Eine Nacht in Venedig«, die als Mittelpunkt die lockende Aufforderung »Komm in die Gondel« anstimmte. Mit zahlreichen Tempo- und Rhythmuswechseln verlangte sie vom Orchester hohe Aufmerksamkeit.

»Und singen kann sie auch noch«, dachte man unwillkürlich, als sich Anna Karmasin mit sympathischer Ausstrahlung und kristallklarer Stimme kitschfrei und unwiderstehlich dem Lied »Draußen in Sievering blüht schon der Flieder« widmete, das mit anderen postumen Melodien von Johann Strauß zur Operette »Die Tänzerin Fanny Elßler« zusammengeflickt wurde – ähnlich wie auch »Wiener Blut«. Die »Fledermaus-Polka« op. 362 dagegen hatte einen zentralen Platz im Leben des Komponisten. Im »Tempo giusto« erklang dieses herzerfreuende Werk mit der pfiffigen Pikkoloflöte und den punktgenauen Pizzikati.

Bei der Pariser Weltausstellung 1867 wollten die Strauß-Brüder mit ihrer Kapelle unbedingt dabei sein – mit dem Walzer »Wiener Bonbons« op. 307 von Johann erwirkten sie sich einen Auftritt dort – kein Wunder bei dieser schmeichelnden Melodie. So ist sie jetzt ein echtes »Souvenir de Paris«. Mit sicherem Gefühl für das kokett-neckische Genre, aber ohne falsche Affekte kredenzte Anna Karmasin das Lied »Ich bin die Christl von der Post« aus dem 1891 im Theater an der Wien uraufgeführten »Vogelhändler« von Carl Zeller (1842 bis 1898).

Das Hornquartett des Orchesters rief nach der Pause die Zuhörer zurück auf die Plätze, und das Intermezzo aus Johann Strauß’ »Tausend und eine Nacht« leitete wohlklingend und volltönend den zweiten Teil das Konzerts ein. Frauenherzen pochen wohl im Dreiviertel-Takt, so verlangte es jedenfalls Josef Strauß (1827 bis 1870) in seiner köstlichen, kapriziösen Polka Mazur »Frauenherz« op. 166. »Spiel auf deiner Geige, Zigeuner, das Lied von Lust und Leid«: mit diesem Lied aus »Venus in Seide« zeigte Anna Karmasin, dass sie auch der Gefühlswelt von Robert Stolz (1880 bis 1975) mühelos und überzeugend gerecht wird.

Augustin Spiel moderierte den Abend sparsam, aber wohlinformiert und auch süffisant – »Johann Strauß und die Frauen« – mit überraschenden, erheiternden Bezügen zur Gegenwart. Der »leider« in Berlin uraufgeführte »Kaiserwalzer« op. 437 entwickelte sich unter seiner umsichtigen Leitung nach einer umfänglichen gradtaktigen Einleitung behutsam mit einfallsreichen Finessen zu einem rauschenden Walzer, dessen besinnlicher Abgesang doch noch einmal im Rausch gipfelte.

Eduard Künnekes (1885 bis 1958) Lied »Strahlender Mond« aus der Operette »Der Vetter aus Dingsda« wurde der Sängerin Anna Karmasin zu einem in Melodienseligkeit strömenden Walzerlied – damit sang sie sich wohl endgültig in die Herzen des Traunsteiner Publikums. Da haben wohl viele gedacht: »Auf Wiederhören in Traunstein, Anna!« Als »offizieller« Abschluss dampfte der »Vergnügungszug« von Johann Strauß vorbei, eine Polka schnell mit der Opuszahl 281, unter Augustin Spiels Stab doch viel flotter und »zügiger« als die damalige Eisenbahn – ein Vergnügen, mehr noch: »a Hetz«, da zuzuhören!

Zugaben gab’s auch. Eine erhoffte: »Strahlender Mond« und eine erwartete: den »Radetzky-Marsch von Papa Strauß (1804 bis 1849). Engelbert Kaiser