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Ein »Weltstar an den Tasten« im Chiemgau

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Dass der türkische Musiker Fazil Say nicht nur ein Star-Pianist, sondern auch ein hervorragender Komponist ist, bewies er bei seinem Konzert in Traunstein. (Foto: B. Heigl)

»Er ist der beste Botschafter seines Landes.« »Er ist eine Naturgewalt.« So lauteten die fast schon ehrfürchtig ausgesprochenen Kommentare nach dem berührenden und aufwühlenden Konzerterlebnis mit dem international bekannten türkischen Pianisten, Komponisten, Bürgerrechtler und Weltbürger Fazil Say, der im Rahmen der Traunsteiner Sommerkonzerte vor ausverkauftem Haus musizierte.


Bereits zum zehnten Mal – ein kleines Jubiläum – ist der Weltstar nun nach Traunstein gekommen. Den Sommerkonzerten ist er durch seinen viel zu früh verstorbenen Lehrer David Levine – einen Mitbegründer des Traunsteiner Kammermusikfestivals – verbunden.

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Diesmal hatte er nicht Mozart im Gepäck, sondern, dem musikalischem Schwerpunkt des Festivals gemäß, Musik aus der Türkei (Klassische Moderne) und Eigenkompositionen. Man sah ihm an, wie sehr ihn die getroffene Auswahl des Themenschwerpunkts berührte, als er sich bei den Festivalorganisatoren dafür bedankte, dass diese seine Herzensangelegenheit zu der ihren gemacht haben.

Keine »leichte Kost« waren die Kompositionen von Ulvi Cemal Erkin (1906 bis 1972), Ahmed Adnan Saygun (1907 bis 1991) und Ilhan Baran (*1934), einem der Lehrer Says. Herauszuhören waren die Einflüsse von Hindemith, Bartok, Mussorgski und Ravel. Melodiefragmente wechselten mit rhythmisch angelegten Phrasen. Dunkelschwarz grollte donnergleich der voluminöse Klavierbass, sodass man schon meinte, der weit geöffnete Flügel sei präpariert worden. Dynamisch polarisierende Musik mit großen Kontrasten entstand da unter den Händen Says, die oft mit fast unwirklicher Geschwindigkeit über die Tasten rasten.

Seine darauf folgenden eigenen Kompositionen, so Say, entstanden in einer dramatischen Zeit, in der Kriege und Terror die Welt überziehen, die er musikalisch als Mensch des 21. Jahrhunderts dokumentieren möchte. Die dramatischen Ereignisse von 2013, als im Gezi-Park in Istanbul die Zivilgesellschaft auf die Straße ging, um gegen das Regierungssystem zu protestieren, und bei denen es Tote und viele Verletzte gab, fasste er in dem beeindruckenden Werk »Gezi Park 2«, Sonate für Klavier op. 52, zusammen.

Das, was damals in Istanbul geschah, erlebten die Zuhörer als Monument der Anklage. In dieser Musik tauchten nur winzige Fetzen einer Melodie auf, sonst bestimmte harter, düsterer Klang in fast durchgehendem Forte das musikalische Geschehen. Illusionslos, voller tiefgründiger Energie und mit oft herzzerreißendem Lamento. Say ist nicht nur ein Homo musicus, sondern auch ein Homo politicus; das macht ihn glaubwürdig, menschlich, sympathisch und spannend. Er ist eine dramatisch-musikalische Urgewalt, die nicht richtig einzuordnen ist in irgendwelche musikalischen Schubladen. Das ist einfach typisch Fazil Say, der während des Spiels immer wieder ins Publikum sah und in dessen Augen sich die tiefsten Empfindungen seiner Musik spiegelten. Atemberaubend! Kein bloßes Reproduzieren überlieferter Literatur, der Kern der Menschlichkeit ist hier freigelegt von einem Menschen dieser Zeit, der weit über seinen eigenen Tellerrand hinauszublicken imstande ist. Schön, dass er nicht gefallen will. Gut, dass die Musikindustriemaschine ihn nicht zu verbiegen imstande ist.

Katharsis, Anklage, Aufruhr, Trauer, Empörung, aber auch Hoffnung schwingen in seiner Musik mit. Der Mensch aber sehnt sich natürlich nach Harmonie und Glück und hört das auch gerne in der Musik. Denn ohne die Utopie einer besseren Welt hätten wir keine Kraft, die Dystopie zu ertragen.

Der dramaturgische Ablauf des Konzerts hatte schon fast den Effekt einer Therapiesitzung, bei der man einen Blick in das dunkle Selbst riskiert, um dann über eine Entspannungstechnik die Wogen zu glätten, damit man sich eine bessere Zukunft ausmalen kann.

Die Zukunft malte Fazil Say für das Publikum am Ende des Konzerts mit der Komposition »Art of Piano« Nr. 1-3 nicht etwa in schillernden Farben, sondern als ein beruhigtes, harmonisiertes, friedlich-unaufgeregtes, in sich ruhendes Sein. Ergriffener Applaus. Barbara Heigl