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Einbruch bei Erlstätter Feuerwehr und Flucht mit Krähenfüßen über A8: Täter gefasst

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Einbruch bei Erlstätter Feuerwehr und spektakuläre Flucht über A8 – Urteile gegen Täter gefallen
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Foto: Montage (l. Symbolbild, r. Polizei)

Grabenstätt/St. Pölten – Der Einbruch bei der Feuerwehr Erlstätt im März, nach dem die zunächst Unbekannten mit hoher Geschwindigkeit vor der Polizei flohen und auf der A8 sogenannte Krähenfüße aus dem Auto warfen, ist geklärt: Die Männer gehören zu einer international tätigen Verbrecherbande, die Schäden in Millionenhöhe angerichtet hat und an jenem 6. März auch in der Region ihre Spuren hinterließ.


Zwei Mal sorgten die Täter im Landkreis Traunstein gleich in einer Nacht für Aufsehen, als sie in der Nacht auf den 6. März 2019 zunächst in das Gerätehaus der Feuerwehr Erlstätt einbrachen und anschließend in einer spektakulären Flucht über die A8 vor der Polizei entkamen. Dabei hatten die Täter, die mit äußerst hoher krimineller Energie ans Werk schritten, bei Geschwindigkeiten von rund 200 km/h Krähenfüße auf die Autobahn bei Grabenstätt geworfen, um die Streifenfahrzeuge der Beamten abzuhängen. So sei es ihnen einmal sogar gelungen, sich einem Zugriff durch eine Spezialeinheit zu entziehen.

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In St. Pölten in Österreich hat eine Sondereinheit der Polizei mit einem Großaufgebot von 100 Kräften nach monatelanger Ermittlungsarbeit nun vor kurzem einen der beiden Verdächtigen festgenommen, die bei ihren Einbrüchen Schaden von insgesamt 4,6 Millionen Euro angerichtet haben sollen. Der andere wurde in der Slowakei verhaftet. Die beiden Festgenommenen im Alter von 36 und 44 Jahren gehörten zur »kriminellen Champions League«, so die österreichische Polizei am Montag.

Täter auch von Kripo Traunstein gesucht

Auf Anfrage des Traunsteiner Tagblatts bestätigte ein Sprecher des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd, dass es sich bei den beiden Festgenommenen tatsächlich um jene Täter handelt, die im März bei der Erlstätter Feuerwehr einbrachen und anschließend unter Einsatz von Krähenfüßen über die A8 flüchteten.

Wie berichtet, wollte in der Nacht auf den 6. März eine Streife der Polizei Traunstein gegen 0.20 Uhr auf der Kreisstraße TS 6 im Bereich Bergen einen dunklen Audi S6 mit österreichischen Kennzeichen kontrollieren. Der Fahrer gab jedoch Gas und flüchtete mit hoher Geschwindigkeit. Er bog auf die Autobahn in Richtung Salzburg ein. Während der riskanten Flucht, bei der eine Höchstgeschwindigkeit von bis zu 250 km/h erreicht wurde, warfen die Fahrzeuginsassen über 100 »Krähenfüße« aus dem Fahrzeug auf die Fahrbahn. Drei Streifenbesatzungen mussten nach und nach die Verfolgung abbrechen, da ihre Fahrzeugreifen von »Krähenfüßen« beschädigt wurden und schlagartig die Luft ausging. Auch andere Fahrzeuge wurden während der Verfolgungsjagd durch die »Krähenfüße« beschädigt. Insgesamt entstand ein Sachschaden von etwa 4000 Euro.

Der Audi konnte von der Polizei nur bis kurz nach dem Grenzübergang Walserberg verfolgt werden, dann verlor ihn die Polizei aus den Augen.

Auf der A10 in Richtung Villach (Tauernautobahn) wurde der Audi mit 228 km/h an einer Radarfalle »geblitzt«. Bei der Auswertung des Radarfotos wurde ersichtlich, dass Fahrer und Beifahrer mit Sturmhauben maskiert im Fahrzeug saßen. Die hochmotorisierte Audi-Limousine war einige Tage zuvor vorher in Hart bei St. Pölten in Niederösterreich vom Hof eines Autohauses gestohlen worden. Die an dem Audi angebrachten österreichischen Kennzeichen wurden im oberösterreichischen Hörsching, Bezirk Linz-Land, gestohlen.

Von Anfang an gingen die Ermittler der Kriminalpolizei Traunstein davon aus, dass es einen Zusammenhang mit einem Einbruch in der gleichen Nacht in das Gerätehaus der Freiwilligen Feuerwehr Erlstätt und der waghalsigen Flucht gab. Bei dem Einbruch war unter anderem ein Rettungsspreizer im Wert von etwa 20.000 Euro gestohlen worden.

Festgenommen wurden die Tatverdächtigen nach langwierigen Ermittlungen. Dazu war beim Landeskriminalamt Niederösterreich eine Ermittlungsgruppe »Operation Krähe« eingerichtet worden. Dieser gelang es, 13 teils vollendete Einbruchsdiebstähle in Geldausgabeautomaten, elf Kfz-Diebstähle, sowie zahlreiche Geschäftseinbrüche und Kennzeichendiebstähle zu klären. Vier Mal hatten die Täter bei ihrer Flucht zudem Krähenfüße eingesetzt.

Die Tatorte und die zuvor gestohlenen Fluchtfahrzeuge wurden nach der Tat angezündet. Um eine Fahndung zu erschweren, wurden zudem die Reifen von Polizeiautos in der dem Tatort am nächsten gelegenen Wache zerstochen.

Ermittler kamen den Tätern nur langsam auf die Schliche

Nachdem es wiederholt zu Diebstählen aus Geldautomaten in Niederösterreich gekommen war, kristallisierten sich erst allmählich Tatzusammenhänge heraus. Teilweise versuchten die Täter Spuren zu verwischen, indem sie nach ihren Einbrüchen Brände legten. Nachdem immer deutlicher geworden war, dass es sich um eine hochprofessionelle Tätergruppe handelte, die auf ihre Taten entsprechend vorbereitet war, wurde mit Ende Mai 2019 ein eigenes Ermittlungsteam beim LKA Niederösterreich mit dem Namen »Operation Krähe« eingerichtet.

In Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Spezialeinheiten der Polizei in Österreich und mit Unterstützung nordamerikanischer und europäischer Polizeieinheiten wurden die gesammelten Erkenntnisse aufgearbeitet. Mittels operativer Maßnahmen wurde sehr bald festgestellt, dass die Tätergruppe aus den östlichen Nachbarländern anreiste und nach den Taten das Land umgehend wieder verließ. Nach einem weiteren Diebstahl in Vorchdorf in Oberösterreich, bei dem es wiederum eindeutige Parallelen zu früheren Diebstählen gab, wurden umfassende Polizeimaßnahmen im Grenzbereich zur Slowakei umgesetzt. Als die Polizei dann Erkenntnisse hatte, das die Verbrecher in der Nacht zum 3. Juli wieder nach Österreich eingereist waren, wurde vom LKA der Zugriff für das Einsatzkommando »Cobra« freigegeben. Trotz eines massiven Einsatzes der Spezialkräfte gelang den Verdächtigen erneut die Flucht: mit bis zu 250 km/h rasten sie nach Ungarn; wiederum warfen sie dabei »Krähenfüße« aus dem Fahrzeug.

Nach diesem Vorfall wurde das Ermittlungsteam des LKAs zu einer Ermittlungsgruppe erweitert, »wobei Spezialisten aus den Bereichen Ermittlung, Analyse und Technik zusammengezogen wurden und eine explizite und umfassende Aufarbeitung, sowie eine entsprechende taktische Planung zur Ausforschung und Festnahme der Täter unter Einbezug diverser Spezialeinheiten festgelegt wurde«, so die Polizei.

Aufgrund der polizeilichen Maßnahmen in Verbindung mit der aufwendigen Analyse der tatrelevanten Fakten wurde von der Ermittlungsgruppe ein entsprechendes sogenanntes Profiling zusammengestellt. Eine darauf aufbauende Einsatzplanung wurde dann über mehrere Wochen praktisch umgesetzt, wobei täglich mehr als 100 Beamte des Landeskriminalamtes Niederösterreich, der Direktion für Sondereinheiten, der Flugpolizei, sowie Einheiten der Landesverkehrsabteilung Niederösterreich im Einsatz waren. Weiter wurden unter anderem die Ermittlungstätigkeiten auf die Slowakei und Tschechien erweitert. Alle Maßnahmen führten schließlich Anfang November auf die Spur der beiden jetzt Festgenommenen.

Am 12. November klickten dann erstmals die Handschellen: Beamte der Ermittlungsgruppe »Operation Krähe« und des Einsatzkommandos Cobra nahmen in Wien den 44-Jährigen fest. Bei ihm handelt es sich um einen mehrfach einschlägig vorbestraften slowakischen Staatsbürger, der erst im November 2018 vorzeitig aus der Haft in der Slowakei entlassen worden war. Seit Juli lebte er unangemeldet mit seiner Familie in Wien. Seinen Lebensunterhalt dürfte er durch Straftaten finanziert haben. Bei einer Durchsuchung seiner Aufenthaltsadresse in Wien wurde noch ein fünfstelliger Bargeldbetrag gefunden und sichergestellt. Aufgrund der erdrückenden Beweislast zeigte sich der Beschuldigte geständig.

Der zweite dringend Tatverdächtige, ein 36-jähriger slowakischer Staatsbürger, wurde aufgrund eines Europäischen Haftbefehls am 14. November in der Slowakei festgenommen und befindet sich seit dem in Auslieferungshaft für Österreich.

Nach derzeitigem Ermittlungsstand können der Tätergruppe von den österreichischen Behörden 13 Geldautomaten-Diebstähle, elf Kfz-Diebstähle, verschiedene Einbrüche – darunter auch der bei der Feuerwehr Erlstätt –, sowie unzählige Kennzeichentafeldiebstähle in Österreich, Deutschland, Slowakei und Tschechien nachgewiesen werden. Viermal warfen sie bei ihrer Flucht aus dem Fahrzeug »Krähenfüße« und verhinderten so, dass die Polizei sie schnappte.

Die Ermittlungen sind nach diesen Festnahmen noch nicht abgeschlossen. Die Polizei geht davon aus, dass der 44-jährige Tatverdächtige der Chef einer Bande ist. Wieviele Täter am Werk waren, wollte der Leiter des Landeskriminalamtes Niederösterreich, Omar Haijawi-Pirchner, nicht sagen. Weitere Täter gebe es, für konkrete Angaben sei es zu früh. Haijawi-Pirchner sprach in der Pressekonferenz von der »Zerschlagung einer hochprofessionellen, brutalen, international tätigen Bande«, die Tatverdächtigen gehörten zur »kriminellen Champions League«.

Alle Tatorte seien in unmittelbarer Autobahnnähe gelegen. Zudem seien umliegende Polizeiinspektionen ausspioniert und auch die Reifen von Streifenwagen zerstochen worden. Das Auswerfen von Krähenfüßen – selbst auf Autobahnen und bei Geschwindigkeiten jenseits von 200 km/h – habe ebenfalls zu Vorgehensweise der Täter gehört. Es sei »nichts dem Zufall überlassen« worden, sagte der Chef des Landeskriminalamtes. Alle Tatorte liegen in Autobahnnähe, um schnell und unerkannt flüchten zu können.

Unsere bisherige Berichterstattung:

m/red/fb