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»Eine bayerische Sphinx«

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Lothar Lägel (links) untermalte die Lesung Gerd Anthoffs mit der passenden Zithermusik – nicht nur bei der Kurzgeschichte »Die Zitherspieler«. (Foto: Schweiger)

Der Heimatschriftsteller Ludwig Ganghofer (1855 – 1920) zählt zu den erfolgreichsten Autoren, die Deutschland je hervorgebracht hat – mit einer Gesamtauflage von 34 Millionen Büchern, von denen die meisten auch verfilmt wurden, manche sogar mehrmals.


Eine »bayerische Sphinx«, wie der Schauspieler Gerd Anthoff ihn nennt, weil Leben und Werk des Schriftstellers höchst unterschiedliche Facetten aufweisen. Einerseits ein erfolgreicher Schriftsteller, der die Betrachtung der Natur als literarischen Gegenstand entdeckte, ein Förderer des künstlerischen Nachwuchses, ein begehrter Gesellschafter in Künstlerkreisen. Andererseits ein Mann mit scheinbar mangelndem politischen Instinkt, Kriegsberichterstatter, der Schöpfer des Bayernklischees, ein Meister der Lebensinszenierung zwischen ländlicher Bodenständigkeit und städtischem Salonvergnügen.

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Diese Widersprüche aufzudecken und an treffenden Beispielen zu illustrieren, hatte sich Gerd Anthoff, bekennender Ganghofer-Fan und Kritiker zugleich, bei seiner Lesung »Perlen aus dem Schmonzettenmeer« im voll besetzten Studiotheater des k1 vorgenommen, begleitet von Lothar Lägel an der Zither.

Als Einstieg wählte er die Kurzgeschichte »Die Zitherspieler« – nicht nur, weil Ganghofer selbst ein leidenschaftlicher Zitherspieler war, sondern weil diese kleine Geschichte um zwei in dieselbe Frau verliebte Zitherspieler auch beweise, wie Anthoff anmerkte, dass Ganghofer ein durchaus eleganter Erzähler sein konnte.

Aus seinem autobiografischen »Lebenslauf eines Optimisten« stammte die von Ganghofer mit ironischer Distanz erzählte Geschichte über einen Forstgehilfen, der sich, nachdem ihm ein reicher Bauernsohn die Geliebte ausgespannt hat, auf recht originelle Weise rächt: Er mischt der Hochzeitsgesellschaft ein starkes Durchfallmittel ins Essen.

Aber Ganghofer war nicht nur ein höchst produktiver Schriftsteller, er war auch ein glühender Patriot, der mit seinen 59 Jahren noch gerne in den Ersten Weltkrieg gezogen wäre. Als untauglich eingestuft, machte er stattdessen Karriere als Kriegsberichterstatter und avancierte zum Lieblingsreporter des Kaisers.

Diesen Umstand nahm Karl Kraus zum Anlass, in seinem monumentalen Antikriegs-Epos »Die letzten Tage der Menschheit« Ganghofer eine Szene zu widmen, in der eine gewisse »Dicke Bertha« eine wichtige Rolle spielt. Dabei war Ganghofer, wie Gerd Anthoff nach der famosen Wiedergabe dieser Szene betonte, vielleicht gar nicht so fanatisch und unverzeihlich blauäugig, wie es immer den Anschein hatte. Seine privaten, bislang kaum ausgewerteten Tagebücher würden dies zumindest andeuten.

Von Ganghofers ehrlicher Zuneigung zu Mensch und Tier zeugt zumindest auch seine Moritat »Herzmansky, der Getreue«, die Gerd Anthoff zum Abschluss präsentierte. Eine so pfiffige wie anrührende Geschichte über einen alten Dackel, der einfach nicht abtreten will.

Sehr ausdrucksstark und einfühlsam war auch Lothar Lägel an der Zither, der die Lesung nicht nur aufs Schönste ergänzte, sondern als Zugabe auch noch eine wunderbare Version vom »Dritten Mann« spielte. Wolfgang Schweiger