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Eine Dichter-Legende am Ende ihres Wegs

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Hans Pleschinski stellte bei seiner Lesung in Stein sein neues Buch über den Dichter Gerhart Hauptmann vor. (Foto: Heel)

Dresden, im März 1945: Nach den schweren Luftangriffen vom 13. bis 15. Februar liegt die Stadt in Trümmern.


In diesem Chaos schafft eine Militäreskorte vier Menschen zum Bahnhof: den Nobelpreisträger Gerhart Hauptmann, seine Frau Margarete, Hauptmanns Sekretärin Annie Pollak sowie den Masseur (und Deserteur) Paul Metzkow, der sich den Hauptmanns angeschlossen hat. Doch ihr Ziel ist nicht der Westen, wohin es die Flüchtlingsströme zieht, sondern das östlich gelegene Riesengebirge, wo der schwerkranke Dichterfürst mit der Villa »Wiesenstein« ein prächtiges Anwesen besitzt. Dort möchte er in gewohntem Luxus seine letzten Jahre verbringen – trotz des bevorstehenden Untergangs des Dritten Reichs.

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Mit dieser abenteuerlichen Fahrt ins Ungewisse beginnt Hans Pleschinskis neuer Roman »Wiesenstein«, und mit dieser Episode eröffnete der 1956 in Celle geborene Schriftsteller auch seine Lesung bei der Steiner Literaturwoche, nachdem er auf sehr einnehmende Weise Werk und Person des Schriftstellers knapp beleuchtet hatte. Ein auf Leinwand projiziertes Foto, das das Ehepaar Hauptmann mitsamt einem ihrer Enkel vor der Kulisse des Riesengebirges zeigte, verschaffte dem Publikum dabei einen Eindruck von der Persönlichkeit des Dichters.

So beruhte der Erfolg und frühe Ruhm Hauptmanns darauf, dass in seinem Theaterstück »Die Weber« erstmals Arbeiter als Protagonisten auf der Bühne agierten. Worüber Kaiser Wilhelm II so entsetzt war, dass er seine Loge im Berliner »Deutschen Theater« umgehend kündigte. Nicht sonderlich begeistert war auch Thomas Mann über Hauptmann, der bereits 1912 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde, während Mann bis 1929 darauf warten musste. Als kleine Spitze, so Pleschinski, zog er Hauptmann in seinem Roman »Der Zauberberg« durch den Kakao. Was diesen tief betroffen machte, trotz der allgemeinen Anerkennung, die ihm statt Hindenburg fast das Amt des Reichspräsidenten eingebracht hätte.

In der zweiten Passage, die Pleschinski vortrug, stand der Masseur Paul Metzkow im Mittelpunkt des Geschehens. Anhand einer kurzen Affäre mit einer Caféhaus-Besitzerin, deren Mann als Soldat in Norwegen dient, erlebt Paul dabei hautnah mit, was Menschen bewegt, wenn sie vor der Entscheidung stehen: Flüchten oder Standhalten. Im dritten und letzten Auszug, den Pleschinski präsentierte, erhält Hauptmann Besuch von zwei Beauftragten des Kulturministeriums der Volksrepublik Polen, die mit ihm über das Bühnenstück »Die Finsternisse« diskutieren möchten. Ein Stück, das von den Verfolgungen der Juden unter Hitler handelt und das Hauptmann bis zum Kriegsende geheim hielt. Und ihm nun einen Schutzbrief aus Warschau einbringt, mehr wert als Gold!.

Im anschließenden Gespräch mit dem Publikum ging Pleschinski kurz auf die Entstehungsgeschichte seines hochgelobten Romans ein, wobei ihn zunächst interessiert habe, was es mit den sogenannten »Augenkuren« auf sich hatte, denen sich Margarete Hauptmann, die an einer Netzhautablösung litt, unterzogen hat. Diese Recherche brachte ihn dann auf die Idee, sich näher mit Hauptmann zu beschäftigen und zu ergründen, wieso Hauptmann, obwohl absolut kein Nazi, im Dritten Reich geblieben war und die Annehmlichkeiten eines allseits geschätzten Großschriftstellers genossen hatte. Ein Anspruch, dem Pleschinski, der vor sechs Jahren mit seinem Roman »Königsallee« schon einmal zu Gast in Stein war, mit »Wiesenstein« voll und ganz gerecht wird, auch wenn die Lektüre stellenweise schwierig und herausfordernd ist. Wolfgang Schweiger