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Eine Kindheit im Wirtshaus

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Robert Gapp (links) bei seiner Lesung im »Studio 16« in Traunstein. Für die musikalische Umrahmung sorgten die »Bergener Buam« Florian List (Ziach, Mitte) und Seppi Parzinger (Tuba). (Foto: Mergenthal)

Dass die alten Zeiten nicht immer so schön, aber »handfest« waren, erfuhr das begeisterte Publikum im gut besuchten Studio 16 bei der Chiemgauer Autoren-Lesung mit Robert Gapp. In seinem Buch »Da Gagste und i« und in bisher unveröffentlichten Texten geht es ihm nicht darum, die Vergangenheit zu verklären. Hart sei es vor allem für die Frauen gewesen, wenn die Männer alles Geld beim Wirt versoffen hätten.


Zu schreiben begann der gebürtige Inzeller, der im Bergener Wirtshaus »Eisenhammer« aufwuchs und spätere Lehrer sowie Vize-Schulleiter am Chiemgau-Gymnasium Traunstein wurde, erst nach seiner Pensionierung. In unverfälschter Mundart, mit leisen Zwischentönen und keine Spur »krachert«, schildert er ungeschminkt, wie es in den 50er Jahren zuging.

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Mit seinem Kindheitsfreund »Gagste« baute er zum Beispiel mitten im Sommer eine Schlittenbahn aus zwei Eisblöcken, mit denen damals das Bier noch gekühlt wurde. Die hatte das Bubenduo heimlich aus einem Bierwagen mitgehen lassen. Drei Leidenschaften hatten die heranwachsenden Buben laut Gapp damals: Judenstrick rauchen, Fischen (mit der Hand natürlich) und »Spechten«, was so viel bedeutet wie heimlich durchs Schlüsselloch oder ein Loch in der Umkleidekabine schauen als Ersatz für die fehlende Sexualaufklärung.

Fast philosophisch muteten manche Betrachtungen des Autors an, etwa über die verschiedenen Typen im Wirtshaus und übers »Hoamgeh«. In einer ganz besonderen, skurrilen Prozession, einem Leichenzug nachempfunden, wurde einmal ein Besoffener heimbefördert. Als er von der provisorischen Trage herunterrutschte, war er mit einem Schlag nüchtern: »S’ Wunda vo Bergn« war geschehen.

Noch in keinem Buch sind auch einige poetische, einfühlsame Gedichte, unter anderem über das Altwerden (»I woaß hoid nimma«) oder über die Sehnsucht, aus dem Hamsterrad auszubrechen: »A Ruah geem«. Stimmig umrahmt wurde die Lesung von den »Bergener Buam« Florian List (Ziach) und Seppi Parzinger (Tuba).

Das Buch »Da Gagste und i« und die gleichnamige Hör-CD können direkt bei Robert Gapp in Bergen oder in den Traunsteiner Buchhandlungen sowie beim Traunsteiner Tagblatt bezogen werden. vm