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Eine Ode an Schiller

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Erich Schleyer las und »lebte« Schiller und verwandelte zusammen mit dem Duo »Sain Mus« (Gitarre: Philipp Erasmus, Cello: Clemens Sainitzer) das k1-Studio in ein Literatur-Café.

Friedrich von Schillers literarisches Erbe ist sicher eines der wertvollsten kulturellen Juwele Deutschlands. Mit vielen Zitaten drückt er aus, was und wer er war, wofür sein Herz schlug, wofür und wogegen er kämpfte. Kaum ein Dichter hat in seiner Sprache dermaßen differenziert, lupenrein, bunt und noch dazu in gut verständlichem Ausdruck unsere Welt beschrieben. Schiller beschrieb sogar Welten, Historie, Länder, Ereignisse und Begebenheiten, die er selbst nie erlebt hat – ob bei »Wilhelm Tell«, »Die Jungfrau von Orleans« oder »Maria Stuart«, der Dramatiker hatte die Länder und Szenen ihrer Handlungen selbst nie gesehen.


Schiller war ein internationaler Dichter, dem sich Erich Schleyer in einer Lesung in demutsvoller Verbeugung widmete. »Schleyer liest Schiller«, so das Motto des Abends, der im Traunreuter k1 Premiere gefeiert hat, war weit mehr als nur eine Lesung. Die von Schleyer gelesenen Texte ließen den Dichter an diesem Abend wieder auferstehen. Die dazu von dem Duo »Sain Mus« komponierte Musik lieferte zum einen eine gelungene und vor allem stimmige musikalische Illustration zu Schillers Texten, zum andern spiegelte sie Emotionen wider und übersetzten sie in die Sprache der Musik.

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Wirklich tief eingedrungen – ganz nach Schillers Geschmack – sind alle drei: Erich Schleyer, Philipp Erasmus (Gitarre) und Clemens Sainitzer (Cello). Jeder für sich muss sich intensiv mit dem Dichtergenius beschäftigt haben. Schleyers ausdrucksstarke Sprachgestaltung traf alle Zwischentöne, nuancierte, akzentuierte, unterstrich wohl dosiert mit mimisch-gestischen Mitteln den Kern aus Schillers Texten. Sein Sprachrhythmus, die notwendigen Pausen und Zäsuren, ließen in manchen Passagen eine Melodie entstehen, welche die Musiker feinsinnig aufnahmen, um die Idee musikalisch weiterzuverfolgen oder gar zu intensivieren – Taktgefühl, ganz im Sinne des Schöpfers.

Wer bislang nicht viel mit Schiller zu tun hatte oder ihn nur aus dem Deutschunterricht kannte, vielleicht »auswendig« lernen musste, dem offenbarte sich an diesem Abend Schillers wahres Wesen. Ob die Ode »An die Freude« (1785), »Der Taucher« (1797), »Die Bürgschaft« (1798) oder »Das Lied von der Glocke« (1797) – Schleyer gelang es, jedem gelesenen Text eine Art Ohrwurmcharakter zu verleihen, gut durchstrukturiert und einprägsam für die hoch konzentrierten Zuhörer.

Die beiden Musiker zogen ebenfalls alle Register ihrer Kunst. Das Cello knarrte, quietschte, pfiff in Tönen, die man diesem Instrument so gar nicht zugetraut hätte. Nicht weniger innovativ agierte die Gitarre als kongenialer Partner zum Cello – der Abend war eine »Ode an Schiller«, gespickt mit interessanten Hintergründen aus seinem Leben und Wirken, ein Gegensteuern zum Sprachverfall der Neuzeit, ein kunst- und bedeutungsvolles Ausrufezeichen der Lyrik. »Schiller musste sich seiner Zeit viel anhören«, wie Schleyer erklärte – und es habe ihn nicht gestört.

Die Kombination von Schillers Texten und Musik gelang ja schon in der Europahymne mit Beethovens 9. Sinfonie. Trotzdem war es ein Wagnis, seine Zeilen während der Lesung mit Musik zu untermalen. Denn in manchen Momenten hätte seine Lyrik gerade in der Stille ihre eigene Musik entfalten können, wohingegen der musikalische Nachhall von »Sain Mus« zwischen den einzelnen Textlesungen die entstandenen Emotionen grandios spiegelte. Riesenapplaus für eine alle Sinne belebende Premiere. Kirsten Benekam

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