weather-image
21°

Eine prägende Ära hinter zwei PS geht zu Ende

Ruhpolding. Das Miesenbacher Tal wird zum Jahreswechsel um eine touristische Attraktion ärmer sein. Nach 36 Jahren steigen der Lohener Bauer Heini Gastager und sein Sohn Martin endgültig vom Kutschbock und geben die Zügel aus der Hand.

Die Lohener Gespanne – hier der Schlitten mit den beiden Rappen Artos und Steeten mit Martin Gastager – wird man in Zukunft vermissen. Artos darf am Lohener Hof alt werden, Steeten steht wie die anderen jüngeren Kutschpferde zum Verkauf.

Damit endet eine prägende Ära hinter zwei PS, der sicher nicht nur Einheimische, sondern in erster Linie viele Urlauber nachtrauern werden. Denn die Planwagen, Kutschen und Pferdeschlitten gehörten das ganze Jahr über zum alltäglichen Ortsbild. Gerade im Winter, wenn sich eine dicke Schneedecke über die Landschaft und das Dorf legte, boten die glöckchenklingenden Gespanne mit den schnaubenden Rappen einen nostalgischen Anblick. Nur noch ein paar Mal werden die »Louchein« bis zum Jahresende einspannen, dann gehören die Gastagerschen Kutsch- und Schlittenfahrten in Ruhpolding endgültig der Vergangenheit an.

Anzeige

»Irgendwann muss man auch mal ans Aufhören denken«

»Irgendwann muss man auch mal ans Aufhören denken,« kommentiert Heini Gastager, der den Siebziger schon hinter sich hat, den Entschluss. Der ist den beiden passionierten Pferdehaltern wahrlich nicht leicht gefallen, schließlich bestimmten der Fahrbetrieb und die Arbeit mit den Pferden bisher einen Großteil ihres Tagesablaufs. Doch nach reiflicher Überlegung, auch im Familienrat, stand die Entscheidung unverrückbar fest.

Überrascht von ihrem Schritt war man in der Tourist-Info, die die Kutschenfahrten ja Jahrzehnte lang als festen Bestandteil für die Feriengäste in den einschlägigen Prospekten bewarb. »Das ist natürlich sehr bedauerlich«, meinte dazu Irmi Haßlberger, die es anfangs gar nicht glauben konnte, dass die beliebten Ausfahrten eingestellt werden. Man werde sich aber um eine entsprechende Lösung für die anstehende Wintersaison bemühen, hieß es weiter.

Angefangen hatte die touristische Erfolgsgeschichte 1977, als die beiden »rossdamischen« Spezln Rudi Haberlander und Heini Gastager ihren Traum verwirklichten und die weit zurückreichende Ruhpoldinger Droschkentradition der Dufters, Hrachs und Flatschers weiterführen wollten. Bestärkt in ihrem Vorhaben wurden sie von Monika Fackler, die in der Nachbargemeinde Inzell bereits mit viel Erfolg eine Kutscherei betrieb.

Erster offizieller Auftrag kam von einem Hochzeitspaar

Der Lohener-Hof im Norden von Ruhpolding bot die idealen Voraussetzungen mit großem Stall und weitläufiger Koppel, wo in der Folgezeit abwechselnd Araberhaflinger, warmblütige Schimmel und Rappen (in Spitzenzeiten bis zu neun Pferde) genügend Auslauf hatten. Mit zwei selbstgebauten Kutschen und Schlitten und den Schimmelstuten Liesl und Lotte entwickelte sich bald ein munteres Geschäft. Die beiden Pferdedamen stammten von einem Weilheimer Bauern, der, wie sich herausstellte, die Tiere ziemlich vernachlässigt in ihrem Urin hatte liegen lassen, erzählt Heini Gastager kopfschüttelnd und fügt hinzu: »Erst nach einigen Wochen wuchs mit dem neuen Fell der Gelbstich raus.« Als sie die Schimmel dann bei ihren Ausfahrten schneeweiß präsentieren konnten, war das ihr ganzer Stolz.

Der erste offizielle Auftrag kam von einem Hochzeitspaar, doch die Ehe hielt nicht lange, erinnert sich Heini Gastager, der darin aber kein schlechtes Omen sah. Im Gegenteil: Die Ausflugsfahrten wurden von Jahr zu Jahr immer besser angenommen, so dass die Verstärkung durch den Hofmann-Anderl wie gerufen kam. Der Schmiedesohn erwies sich zwei Jahrzehnte lang als ausgesprochener Glücksfall, der es mit Pferden und Gästen gleichermaßen »gut« konnte und sogar mit viel Sachkenntnis die Hufeisen selbst anpasste.

Als Rudi Haberlander schweren Herzens berufsbedingt aussteigen musste, schlossen Evi Rappl und Helmut Meisinger mit viel Engagement und Einsatz die personelle Lücke.

Mittlerweile war auch Sohn Martin neben seinem Brotberuf als Zimmerer und Trockenausbauer in die Kutscherei mit eingestiegen. Bereits mit 16 Jahren hatte er als einer der jüngsten Aspiranten den Kutscherführerschein in der Tasche. Der Seehuaber-Opa musste ihn wochenlang nach Pertenstein fahren. Dementsprechend stolz war der Altbauer auf seinen Enkel, als dieser die begehrte Erlaubnis in der Tasche hatte.

Es gab kaum ein örtliches Fest oder andere Anlässe, zu denen nicht eingespannt wurde: Trachten- und Vereinsfeste, Georgiritte, Jubiläen, Faschingsveranstaltungen, Fernseh- und Filmaufnahmen, dazu wurde jede Menge Promis kutschiert und je nach Bedarf fuhr man sogar vierspännig: die aufgeputzten Lohener Gespanne hinterließen immer einen markanten Eindruck.

Mit einem lachenden und einem weinenden Auge beenden die Ruhpoldinger Roßerer nun ihr Fahrgeschäft. Das lachende steht für die vielen Erlebnisse und Begebenheiten, mit denen man ganze Bücher füllen könnte. Einmal sollte er fürs Fernsehen über den zugefrorenen Mittersee fahren, was eigentlich kein Problem gewesen wäre. Doch mit den gewichtigen Wildecker Herzbuben im Gepäck war ihm das dann doch zu riskant, blickt Heini Gastager augenzwinkernd zurück. Das weinende Auge schaut dagegen auf die gestiegenen Kosten für Futter, Unterhalt, Versicherungsbeiträge, Wegenutzungsgebühren für Forststraßen, um nur einige Faktoren zu nennen. Darüber hinaus ist es die zunehmende Unvernunft und Ungeduld der übrigen Verkehrsteilnehmer, die den Fuhrmännern mit ihren nostalgischen Gefährten vermehrt zu schaffen machte.

Es überwiegen die schönen Seiten

»Hinter den 2 PS merkst du erst, wie hektisch und aggressiv es bei uns zugeht, sogar auf den Wanderwegen«, beklagt Martin Gastager die Situation, die sich an den belebten Wochenenden noch verstärkt. »Hauptsächlich wird man von Radfahrern nur noch als Hindernis wahrgenommen, dabei könnten die doch schneller ausweichen als wir, ärgert er sich. Probleme machten auch die vielen Hunde, die mit ihrem Herrchen spazieren gehen anstatt umgedreht und dabei die Pferde scheu machen.

Trotz allem aber überwiegen die schönen Seiten einer Epoche zwischen Mensch und Tier, die bald zu Ende geht. Ganz ohne Pferde wird es auf dem Lohener-Hof, der urkundlich bereits 1310 erwähnt ist, aber auch in absehbarer Zukunft nicht gehen. Zumindest so lange, wie die beiden altgedienten Rappen Apollo und Artos (Steeten ist einer der jüngeren, die verkauft werden) ihr verdientes Gnadenbrot bekommen. ls