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Eine Reise in die dunkle Vergangenheit

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»Juden sind in diesem Ort nicht erwünscht« – das ist auf dem Schild rechts zu lesen. Das Foto wurde 1938 an der Omnibus-Haltestelle am Berchtesgadener Bahnhof gemacht. Im Hintergrund ist der Hanserersteg zu sehen. Es gehört zu der Geschichte »Gab es zur NS-Zeit jüdische Einwohner in Berchtesgaden?« im Heimatkalender 2020. (Foto: Nürnberger Stadtarchiv)
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Künstler Kurt Rittig lebte nach russischer Kriegsgefangenschaft mit seiner Familie in Bischofswiesen. (Foto: Kurt Rittig jun.)

Berchtesgaden – Erzählungen und Berichte aus der NS-Zeit bilden den Hauptteil des neuen Heimatkalenders für das Jahr 2020. Sie stimmen den Leser nachdenklich, manche schockieren und alle sorgen dafür, dass auch der dunkle Teil der Berchtesgadener Geschichte nicht in Vergessenheit gerät. Auch die Friedhöfe in und um Berchtesgaden finden Beachtung im Heimatkalender, der von Rosemarie Will herausgegeben wird und beim »Berchtesgadener Anzeiger« erhältlich ist.


Die ersten Seiten des Heimatkalenders bilden wie in jedem Jahr die Kalenderblätter, neben denen immer interessante Texte zu lesen sind. Sie befassen sich dieses Mal mit den verschiedenen Friedhöfen, auch Gottsacker oder Freithöfe genannt. Nicht nur mit denen im inneren Landkreis, sondern auch mit den letzten Ruhestätten in Salzburg, Dürrnberg oder Surberg.

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Eine der Heimatkalender-Autorinnen, Johanna Renoth, geht der Frage auf den Grund: »Gab es zur NS-Zeit jüdische Einwohner in Berchtesgaden?« Für ihre Spurensuche nutzte Renoth unter anderem einen Bericht des Bezirksamts Berchtesgaden. »So hieß es dort, dass im Jahr 1910 17 Juden im Ort Berchtesgaden lebten.« Im Jahr 1925 hatte sich diese Zahl auf mehr als 60 verdreifacht. 1933, im Jahr der Machtergreifung durch Hitler, lebten laut dem Amt nur noch zwei jüdische Personen auf dem Gebiet des Bezirksamts.

Ebenso interessant ist das Porträt zu lesen, das Christoph Merker über den Künstler Kurt Rittig verfasst hat. Alle Bilder, die Rittig gemalt hat, seien in den Wirren des Krieges verloren gegangen, heißt es darin. Nach der russischen Kriegsgefangenschaft war der Künstler mit Frau und Kind nach Bischofswiesen gezogen und etwas später sogar Berichterstatter beim »Berchtesgadener Anzeiger« geworden. »Trotz aller Not in den Nachkriegsjahren – malen wollte er«, schreibt Merker. Demnach band sich Rittig etwa aus alten Rasierpinseln eigene Malpinsel, da für neue kein Geld da war.

Ein Schauer jagt dem Leser über den Rücken, wenn er die Geschichte »Von Maxglan über Mittenwald in den Tod« von Rosemarie Will liest. Sie behandelt darin die Geschichte des Films »Tiefland«, für den NS-Regisseurin Leni Riefenstahl 51 Sinti und Roma aus dem Zigeunerlager Maxglan zwangs-rekrutierte. Denn sie benötigte »echte« Spanier als Statisten. »Im November 1940 endeten die Dreharbeiten in Mittenwald. Und entgegen aller insgeheimer Hoffnungen, möglicherweise Versprechungen, bedeutete die letzte Klappe auch das letzte Kapitel im Leben der dunkelhäutigen Menschen«, schreibt Will. Denn die Sinti und Roma wurden im KZ Auschwitz-Birkenau vergast.

Der Heimatkalender 2020 enthält weiters einige Geschichten über lokale Persönlichkeiten, wie über das »Leben und Scheitern des Puppenspielers Anton Walch vulgo Quiggei«, oder über Dr. Stefan Imhof – »Arzt, Bürgermeister, Hobbymaler und noch mehr« sowie über Adalbert Waagen.

Dazu kommen wieder Gedichte, wie zum Beispiel »Der Dürreckerer«, zum Abschied vom Dürreck im Jahre 1938, oder auch »A koiter Wind«, vom Heimatdichter Lorenz Heiß. Klaus Gerlach blickt in seinem Beitrag für den Kalender auf »Zehn Jahre Kampf um die Kehlsteinwege« zurück.

So ist Rosemarie Will insgesamt wieder ein abwechslungsreiches Werk gelungen, das den Leser in die jüngere Geschichte Berchtesgadens und seiner Umgebung zurückversetzt. Der Heimatkalender 2020 hat 192 Seiten, kostet 9,50 Euro und ist erhältlich beim »Berchtesgadener Anzeiger«/Schreibwaren Miller, Dr. Imhof-Straße 9, Berchtesgaden, Telefonnummer 08652/95840 sowie im Buch- und Zeitschriftenhandel. Annabelle Voss