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Eine Stadt aus dem Blickwinkel ihrer Bewohner

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Christoph Strom beim Aufbau seiner Ausstellung vom 18. bis 20. Januar im Alten Feuerhaus. (Foto: Mergenthal)

»Ja, so ist Bad Reichenhall« sagten die einen, und »Warum hat der nichts Schönes fotografiert?« die anderen, als Christoph Strom im Februar 2010 im Alten Feuerhaus seine Postkartenserie »Ansichtssache« zeigte. Angeregt durch die daraus entstehende kontroverse Diskussion entwickelte der 1965 in München geborene und seit zehn Jahren in Bayerisch Gmain wohnhafte Fotograf und Anästhesist die Idee für eine neue Ausstellung: »Menschen in Bad Reichenhall.« Sie ist am Freitag, Samstag und Sonntag, 18., 19. und 20. Januar, täglich von 11 bis 18 Uhr im Alten Feuerhaus zu sehen.


Waren es bei der »Ansichtssache« eine Art »Hinterhofansichten« Bad Reichenhalls abseits der Kurstadt-Idylle, so zeigt Strom diesmal auf 51 Bildtafeln etwa 70 Menschen in Alltagssituationen. Von 2009 an porträtierte er über drei Jahre die unterschiedlichen Männer und Frauen, »Originale« der Stadt ebenso wie unbekannte Leute, die meisten am Arbeitsplatz.

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Inspiriert wurde er stark vom chinesischen Fotografen Hu Yang und seiner Fotoserie »Menschen in Shanghai«. Zufällig fiel ihm der Bildband dazu in die Hände. Das Besondere dieses Kunstprojektes ist unter anderem, dass die Shanghaier ihre Wohnung nur selten für Gäste öffnen. »Die Shanghaier Bürger betrachten ihren Wohnraum eben als ihren ',eigenen' winzigen Kosmos«, schrieb dazu der Shanghaier Universitätsprofessor Zhang Hong, und: »Die Kamera Hu Yangs betrachtet dabei die Wohnräume als Zellen des Shanghaier Stadtkörpers, die seziert werden müssen, weil diese Zellen die inneren Geheimnisse der modernen Stadtgesellschaft in sich bergen.«

Solche Tabu-Zonen sind natürlich die von Christoph Strom mit der digitalen Spiegelreflex festgehaltenen Situationen nicht. Allerdings offenbaren auch diese eine Art »Innensicht« auf die Stadt, an deren Atmosphäre sich der Fotograf herantastet. Die Aufnahmen sind gestellt und wirken doch natürlich, fast wie Schnappschüsse. Sie spiegeln den Stolz der Menschen auf ihre Arbeit und ihre Verbundenheit mit Bad Reichenhall wider und erzählen von Würde und Individualität. Strom lud seine Protagonisten ein, selbst vorzuschlagen, wo und wie sie fotografiert werden möchten, und stellte allen dieselben Fragen: wie lange sie hier leben, was ihnen an der Stadt gefällt und nicht gefällt und was sie sich für die Zukunft wünschen. Die Antworten brachten verblüffende generationsübergreifende Übereinstimmungen. Nachzulesen sind sie im 111-seitigen Bildband, der Texte und Fotografien in aller Schlichtheit, aber gekonnt zueinander in Beziehung setzt.

Von Kindheit an kennt der in Vaterstetten aufgewachsene Christoph Strom die Kurstadt durch Verwandte in Bad Reichenhall und war regelmäßig in den Ferien hier. »Ich hab's komplett anders in Erinnerung gehabt«, stellt er fest. So brachte das Projekt auch für ihn selbst viele Neuentdeckungen. »Ich will anregen, über Reichenhall zu diskutieren und es näher kennenzulernen.« Eine Stadt, die in der überregionalen Wahrnehmung in letzter Zeit oft auf zwei tragische Ereignisse – den Amoklauf 1999 und das Eishallenunglück 2006 – reduziert wurde. Mit seiner Fotoserie möchte Christoph Strom den Blick dafür öffnen, dass auch im positiven Sinn »eine Menge in der Stadt passiert, gerade auch kulturell«. Sie ist im Grunde eine Liebeserklärung für den Organismus Bad Reichenhall in Gestalt seiner Zellen, seiner wunderbaren und mit ihrer Tätigkeit verbundenen Menschen.

Der Bildband ist erhältlich bei der Ausstellung, bei Künstlerbedarf Boesner in der Alten Saline oder direkt bei Christoph Strom unter www.christoph-strom.de. Veronika Mergenthal