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Eine Zerreißprobe des Seins

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Ornamentale Elemente setzt Christian Gipp in seinen Werken bewusst als expressives Darstellungsmittel ein. (Foto: Aßmann)

Welche ergänzende Kraft von Gegensätzen ausgehen kann, bewies die Eröffnung der Ausstellung »Moderne Kreuzweg-Assoziationen« mit Werken von Christian Gipp in der Schlosskapelle Gessenberg in Waging: Kunst trifft Kirche, Harfe trifft Heavy Metal, extreme Künstlichkeit trifft auf radikale Wirklichkeit – Spannungsfelder, die sich wie ein Puzzle zu einem Gesamtkunstwerk zusammenfügten.


Bereits zum vierten Mal gibt es eine Kunstausstellung in der Kapelle Maria Himmelfahrt in Gessenberg. Aber wohl selten beherbergte das winzige Gotteshaus so ungewöhnliche Exponate. Christian Gipps Bilder schockieren, rütteln auf, sind fern ab allem Märchenhaften – trotz der prallen Farbigkeit und der wirkungsvollen Ornamentik.

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Eine Vernissage so ausgefallen wie die Werke

So ausgefallen wie die Werke gestaltete sich auch die Vernissage selbst, die im Rahmen eines Taizégebetes begangen wurde. Ursula Riedl setzte mit ihrer Musikwahl den ersten Kontrapunkt des Abends. Sehr gefühlvoll und doch voller Energie intonierte sie auf der Harfe Songs von Elton John, America sowie den Metallica-Klassiker »Nothing else matters«, frei übersetzt: »Nichts anderes zählt«.

Gemeindereferent Martin Riedl beschäftigte sich in seiner kurzen Predigt mit den Spannungsfeldern unserer Zeit: »Es gibt Spannung im Leben, das macht es spannend«, betonte er. Gleichwohl sei das Leben kein Wunschkonzert. Riedl rief die Anwesenden auf, Gutes und Schlechtes anzunehmen, sich auf die Suche nach Antworten auf die Herausforderungen des Lebens zu begeben und Gott die Treue zu halten. »Nichts anderes zählt«, bekräftigte der Gemeindereferent, der in diesem Zusammenhang an Hiob erinnerte.

Die Bilder von Christian Gipp stellen die Spannungsfelder des Lebens als eine Zerreißprobe des Seins dar. Seine Werke sind keineswegs geschmeidig. Sie fordern den Betrachter heraus. Die sechs ausgestellten Bilder entstanden in einer Werkphase kurz nach Ende des Studiums der Malerei und Grafik an der Akademie der bildenden Künste in München. In jeder Darstellung ist eine tiefe Wut zu spüren: Wut auf die Ungerechtigkeit der Welt, auf unnötige Verhaltensweisen, auf Krieg, Gewalt, Terror und auf die eigene Ohnmacht, adäquat den Geschehnissen zu begegnen.

Gipps Motive stehen exemplarisch für die Realität. »Wir werden in den Medien tagtäglich mit Krieg, Gewalt und Tod konfrontiert. Schreckensbilder gehören zu unserem Alltag. Aber nehmen wir sie überhaupt noch in ihrer Grausamkeit wahr? Ich versuche, mit meiner Malerei die Thematik eindringlich zu verstärken«, sagt der Grabenstätter über seine Werke.

Jedes Ölgemälde ist ein Experiment

Dabei bedient sich Gipp völlig unterschiedlicher und oftmals widersprüchlicher stilistischer Mittel. Jedes Ölgemälde ist ein Experiment: mal lasierend und ineinander verlaufend mit der Durchlässigkeit eines Aquarells, mal dickflüssig und schichtüberlagernd mit Spray und Neonfarben als Pop-Art-Element. Immer wirken die Szenen bleiern, trostlos, beängstigend. Wiederholt greift Gipp auf schmückende, ornamentale Elemente zurück und setzt diese befremdliche Dekoration bewusst als expressives Darstellungsmittel ein.

Gleichwohl bilden die Szenen eine unwillkürliche gedankliche Verknüpfung zum Kreuzweg. In Gipps Bildern ist es jedoch nicht Jesu, dem Leid zugefügt wird. Es ist der Mensch selbst, der sich unnötig schwere Kreuze auferlegt. Habgier, Unmäßigkeit und Hass – Gefühle wie ein böses Geschwür – stellt der Künstler als bizarre, zombieartige Fratzen, unansehnliche, unersättliche Kreaturen oder blutüberströmte, übermäßig große Abbilder dar und regt den Betrachter an, sein eigenes Leben zu hinterfragen.

In der wuchtigen Malerei von Christian Gipp verschmelzen Realität und Fiktion zusehends und es bedarf schon einer gewissen Zeit, seine eindringlichen Bilder und ihre Botschaften zu verarbeiten. Keine leichte Kost, aber dennoch eine sehr sehenswerte Ausstellung. Die »Modernen Kreuzweg-Assoziationen« sind noch bis einschließlich 24. September täglich von 10 bis 17 Uhr für die Öffentlichkeit zugänglich. mia