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»Einfach mal nicht in Hab-Acht-Stellung sein«

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Den Umgang mit der Insulinpumpe müssen Ferienbetreuer für Kinder mit Diabetes 1 genauso beherrschen wie das Zuckermessen oder das Erkennen von Anzeichen einer Über- oder Unterzuckerung. (Foto: dpa)

Traunstein – Ferienfreizeiten sind eine tolle Sache – für Eltern wie für Kinder. Was aber tun, wenn das eigene Kind Diabetes 1 hat? Wenn es nachts zum Zuckermessen geweckt, tagsüber immer beobachtet werden muss, um Stoffwechselentgleisungen sofort zu bemerken, die unbehandelt tödlich enden können? Dann braucht man gut ausgebildete und erfahrene Betreuer, die wissen, wann was zu tun ist. So wie Bettina Hafner-Masek von der Diabetes-Akademie Südostbayern.


Kaum jemand, der noch nie mit der Auto-Immunerkrankung zu tun hatte, kann ermessen, wie aufwändig die Betreuung betroffener Kinder für Eltern, Kindergärtnerinnen oder Lehrer ist. Die Krankheit selbst gilt bisher als unheilbar. Dabei zerstört das Immunsystem – warum, ist bis heute nicht wirklich geklärt – die Zellen der Bauchspeicheldrüse, die in der Folge gar kein Insulin mehr produziert.

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Insulin ein Leben lang von außen zuführen

Betroffene müssen ihrem Körper daher ein Leben lang Insulin zuführen. Steigt der Blutzuckerspiegel über 300 Milligramm je Deziliter (mg/dl) Blut – normal sind 80 bis 120 mg/dl – droht unbehandelt das diabetische Koma, multiples Organversagen und es kommt zu ernsthaften Komplikationen.

Betroffene Kinder müssen mehrmals täglich Zucker messen und spritzen – Basalinsulin für den täglichen Grundbedarf, Bolusinsulin für die Verwertung der Nahrung. Dabei sorgt das Basalinsulin dafür, dass der Zucker in den Körperzellen als Energie verwertet werden kann.

Problematisch wird es aber auch, wenn der Zuckerwert unter 70 mg/dl sinkt, dann spricht man vom Unterzucker – »und der ist wirklich ein blödes Gefühl«, sagt Christian Mittermeier. Mit seiner Frau Bettina leitet er die Selbsthilfegruppe für Eltern von Kindern mit Diabetes 1. »Anfangs ist einem leicht unwohl, dann schwindelig, dann schwitzt man mehr, sieht verschwommen, wird aggressiv oder auch orientierungslos.« Auch Probleme mit der Aussprache oder Krampfanfälle sind möglich.

Dabei kann eine zehntel Einheit den Blutzuckerspiegel schon bis in den Unterzucker hinein senken. Das zeigt, wie exakt Messung, Insulingabe und Ernährung abgestimmt sein müssen – tags wie nachts. Manche Kinder erhalten dafür eine Insulinpumpe, die für die regelmäßige Medikamentengabe sorgt. Doch auch hier muss alle zwei Tage der Katheter gewechselt werden.

Schon fünf mehrtägige Freizeiten hat Bettina Hafner-Masek begleitet. Dabei bleiben 15 Kinder und Jugendliche im Alter von 6 bis 14 Jahre sowie fünf Betreuer ein paar Tage lang in einer Jugendherberge, immer zwei bis drei Kinder in einem Zimmer. »Das schafft zusätzliche Sicherheit, die sagen auch Bescheid, wenn es einem Zimmergenossen nicht gut geht«, sagt sie.

Kinder merken, sie sind nicht allein damit

Ansonsten tun die Kinder das, was andere bei ihren Ferienfreizeiten auch tun: sie gehen ins Schwimmbad, besuchen das Salzbergwerk in Berchtesgaden, basteln kochen und grillen gemeinsam – ein hoch willkommenes Stück Normalität. Und zum Abschluss gibt es ein Nachmittagscafé mit den Eltern. »Die Kinder genießen das. Vor allem ist es für sie gut zu erleben, dass sie nicht alleine sind mit dem Problem«, so die Betreuerin.

Auf drei Kinder kommt üblicherweise ein Betreuer. »Wir haben drei Heilerziehungspfleger dabei, die auch die Badeaufsicht machen dürfen. Das ist in den Schwimmbädern immer hoch willkommen, dass wir unsere eigenen Bademeister für unsere Kinder dabei haben«, sagt Bettina Hafner-Masek und schmunzelt. Zudem sind zwei Diabetesberater und ein Diabetesassistent dabei.

Gefragt nach den schönsten Momenten dieser Freizeiten, sagt das Vorstandsmitglied der Diabetesakademie: »Das Leuchten in den Augen der Kinder, wenn sie sich auf die nächste Freizeit freuen und überlegen, wen sie dann mitnehmen.« Denn bei den Freizeiten dürfen auch gesunde beste Freunde oder Geschwister mitfahren – »die Kinder sollen ja nicht völlig isoliert von ihrem sozialen Umfeld sein.«

Die Freizeiten »sind eine wahnsinnige Entlastung«, berichtet Bettina Mittermeier im Gespräch mit dem Traunsteiner Tagblatt. Rückmeldungen der Eltern zeigten, dass diese die freie Zeit sehr genossen: »Das ist so eine Erleichterung, wenn mal jemand anderes auf den Zucker schaut und man nicht immer in Hab-Acht-Stellung sein muss.«

Auch wenn sie mit dem Kindergarten ihres Sohnes viel Glück hatten, sehen Mittermeiers enormen Aufklärungs- und Schulungsbedarf in Kindergärten und Schulen. Dementsprechend informieren sie interessierte Pädagogen über die Krankheit und darüber, was im Falle eines Falles zu tun ist. Denn Schulfreizeiten sind bisher nach wie vor ein Problem. »Eine Betreuungsperson mitschicken kann man schon. Wenn man sich das leisten kann. Denn wirklich finanziert ist das bisher nicht«, sagt Christian Mittermeier. »Das geht bisher alles nur über Spenden.«

Weiterbildung für Gesundheitsberufe

An der Diabetesakademie Südostbayern in Traunstein besteht die Möglichkeit zur Weiterbildung zum Diabetesberater für Mitarbeiter in medizinischen Grundberufen mit dreijähriger Ausbildung wie Krankenschwestern, medizinischen Fachangestellten, Altenpflegern oder Diätassistenten.

Wer sich für die Betreuung betroffener Kinder oder die Weiterbildung an der Diabetes-Akademie interessiert, erhält weitere Informationen unter Telefon 0861/20 46 692 beim Selbsthilfezentrum Traunstein oder direkt bei der Diabetesakademie unter Telefon 0861/20 40 10 40. coho

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