Einsamkeit in Corona-Zeiten: »Es fühlt sich alles so leer an«

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Durch die Corona-Beschränkungen sind viele Menschen einsam – wir haben mit vier Betroffenen darüber gesprochen.

Corona führt dazu, dass sich viele Menschen einsam fühlen – Das Traunsteiner Tagblatt hat mit drei Frauen und einem Jugendlichen gesprochen.


Steffi (34) beschreibt es als Leere. Und Birgit (64) hätte nie gedacht, dass sie sich einmal isoliert fühlt. Einsamkeit ist durch Corona zu einem großen Thema geworden. Auch bei jungen Menschen. Für Moritz (12) gibt es nur einen großen Wunsch: Er möchte endlich wieder in die Schule. Zuhause fühlt er sich oft allein – auch wenn er drei Geschwister hat. Doch das Gefühl von Einsamkeit ist nicht zwingend von der An- oder Abwesenheit anderer abhängig. Edelgard (84) wohnt mit anderen Senioren im Betreuten Wohnen. Trotzdem fühlt sie sich oft einsam.

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Für Steffi (34) ist Einsamkeit nicht erst seit dem Lockdown ein Thema. Die Bürokauffrau leidet an einer bipolaren Störung; das heißt, sie wechselt zwischen Depression und Manie. Vor allem während der depressiven Phasen fühlt sie sich seit Ausbruch der Krankheit in ihrer Jugend einsam und allein: »Es fühlt sich dann alles so leer an. Mit Freunden rede ich aber nicht wirklich darüber. Ich möchte die wenigen Freundschaften, die ich habe, nicht belasten. Ich trage alles mit mir selbst aus und das macht mich oft noch einsamer.«

Manchmal ist es für die 34-Jährige während des Lockdowns aber auch eine Wohltat, für sich sein zu können. Steffi erzählt, dass sie sich dann zu nichts zwingen müsse und keine Rechtfertigung brauche, warum sie lieber zuhause bleiben möchte. »Kommt dann wieder eine manische Phase, in der man extrem viel Energie hat, ist es natürlich blöd, nichts unternehmen zu können. Dann fühlt man sich auch wiederum einsam und vom Leben ausgeschlossen. Ich hoffe also, dass der Lockdown bald vorbei ist.«

Steffi empfiehlt eine feste Struktur im Alltag, sonst rutsche man wieder schneller in eine depressive Phase. »Wenn ich es zum Beispiel regelmäßig schaffe, joggen zu gehen oder Yoga zu machen, merke ich, dass mir das sehr guttut und Glückshormone ausgeschüttet werden. Noch besser gegen Einsamkeitsgefühle ist es dann natürlich, wenn ich mich mit einer Freundin jede Woche zu einem festen Termin zum Sporttreiben verabrede.«

Auch ihre Arbeit hilft ihr, dem täglichen Leben einen Rahmen zu geben. Momentan arbeitet sie zwar ausschließlich im Homeoffice, trotzdem hilft ihr der regelmäßige Austausch mit ihren Kollegen gegen das Gefühl der Einsamkeit.

»Einen alten Baum verpflanzt man nicht«

»Einen alten Baum verpflanzt man nicht«, sagt Edelgard (84). Die pensionierte Handarbeitslehrerin stammt aus dem Bayerischen Wald und lebt heute im Betreuten Wohnen. Nach Traunstein kam sie erst vor etwa zwei Jahren, denn in ihrer Heimat konnte sie nicht mehr bleiben. »Da wäre ich überall aufs Auto angewiesen. Und in ein Heim wollte ich ums Verrecken nicht.«

Der eine Sohn lebt in der Eifel, der andere in München. Und nach dem Tod ihres Mannes lebte sie zwar noch einige Zeit in ihrem wunderschönen Haus auf 1000 Metern Höhe. Aber schließlich schaffte sie es nicht mehr alleine, die tonnenschweren Schneemengen wegzuräumen. Schweren Herzens gab sie das Haus auf. Im Betreuten Wohnen ist es nicht einfach für Edelgard. »Ich vermisse meine Vögel und mein Haus in der Natur. Hier schaue ich auf einen Hinterhof und einen Parkplatz. Und jetzt haben sie mir den Baum vor meinem Fenster auch noch abgeschnitten.« Ihre geliebten Blumen kann sie noch nicht mal auf einen Balkon stellen. »Da ist nur so ein Erker, aber das ist nicht vergleichbar mit einem Balkon.«

Manchmal sitzt sie nur da und starrt vor sich hin...

Der Sohn ist beruflich sehr eingebunden. Die Enkeltochter ist elf Jahre alt, »aber was will die bei mir?« Und das wöchentliche Kaffeetrinken oder die Kartenspielrunde entfielen seit Corona. Zur Gehbehinderung – »ohne Rollator komm’ ich nicht weit« – kam, dass sie nach einer Handoperation nicht mehr häkeln kann. Die Mitbewohnerinnen sprachen nur über Krankheiten und das Alter. Als sie über Krebs redeten, »musste ich gehen. Mein Mann ist innerhalb von sechs Wochen an Krebs gestorben, mein Enkel mit nur fünf Jahren.«

Manchmal sitzt Edelgard einfach nur da und starrt traurig vor sich hin. Raus kann sie kaum, kommen tut auch keiner. »Ich vermisse auch das kirchliche Leben. Aber ich schaff’ es alleine nicht bis zur Kirche vor.« Hätte sie einen Herzenswunsch frei, so wäre es ein Ausflug zu einem Trachtengeschäft. Oder ein Klöppelkurs, der freilich in Coronazeiten nicht möglich ist. Oder eben einfach nur Kontakte zu fröhlichen Menschen. Auf die freut sich die 84-Jährige nach Corona besonders. Denn die Traunsteiner hat sie als »unglaublich hilfsbereit« erlebt. Vielleicht findet sich da ja doch noch ein passender Kontakt? KR/coho/JuC

Den gesamten Artikel lesen Sie in der heutigen Samstagsausgabe (13. März) des Traunsteiner Tagblatts.

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