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Eins-a-Traumatherapie beim Kulturbredl

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Minimalbesetzung mit maximalen Ausdrucksmöglichkeiten: Stefanie Boltz und Sven Faller als Le Bang Bang. (Foto: fal)

Überstanden. Diese »Last Christmas«-Jahresenddauerbeschallung durch Radio, Lebensmitteleinzelhandel und Fahrstühle. Im Laufe eines Musikkonsumentenlebens können sich Aversionen zu Traumata entwickeln. Besonders gefürchtet: die Wham!-Allergie. Die Zeile »Last Christmas I gave you my heart« reicht völlig aus – und schon sprießen Quaddeln auf den Trommelfellen. Die Bogengänge im Innenohr fahren Karussell, der Gleichgewichtssinn verliert die Balance, Würgereiz. »Bedingter Reflex« heißt das in der Verhaltensbiologie. Klassische KonditionierSo eine Aversion kann allerdings positive Aspekte haben – wenn man sie ganz unverhofft mit jemandem teilt, zum Beispiel. Eine Gelegenheit für einen dieser seltenen, erhebenden Augenblicke: das Konzert von Le Bang Bang beim Kulturbredl im Hilgerhof.


Le Bang Bang, das sind die Sängerin Stefanie Boltz und der Kontrabassist Sven Faller. Die Minimalbesetzung lässt reduzierte Ausdrucksmöglichkeiten vermuten, zumal die Literatur für Bass und Gesang eine sehr übersichtliche ist. Eigentlich scheint so einer Formation kaum anderes übrig zu bleiben, als ihre Stücke selbst zu schreiben. Faller macht das und er macht das richtig gut. Und trotzdem müssen die beiden Künstler nicht auf Hits verzichten, nur weil die eigentlich für größere Besetzungen geschrieben wurden. Das ist reine Kopfsache.

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Die Methodik: Sie haben ihre Lieblingsstücke zusammengeworfen und eine Schnittmenge gebildet. »Time after Time« von Cindy Lauper, »The Weight« von The Band, »Smells like Teen Spirit« von Nirvana, »Junimond« von Rio Reiser, »Fields of Joy« von Lenny Kravitz, »50 Ways to leave your Lover« von Paul Simon, alles ein wenig intellektuell motiviert, eine musikalische Visitenkarte: Man hat sich auf seinem Lebensweg von der »richtigen Musik« begleiten lassen, mit dem richtigen Mix aus qualitativem Hochwert und hipper Avantgarde. Faller und Boltz haben alles Zeitgeistige, alles, was sich nach Schnickschnack und Chichi anhörte, weggeschraubt. Bis das nackte Grundgerüst dastand, die bloße Melodie. Ans Chassis haben sie dann das angeschweißt, was ihnen entspricht.

Und trotzdem: Das Resultat klingt alles andere als steril oder verkopft. Weil die beiden die Mittel, die Ausdrucksmöglichkeiten haben, die fremden Werke zu den ihren zu machen. Faller kann Solist – und das liegt nicht nur an der Batterie von Effektgeräten bis hin zum Wah-Wah-Pedal, die er um sich und seinen Kontrabass aufgebaut hat. Kopfgesteuerte, technisierte Musik ist das dennoch nicht. Weil Faller seinen Bass – gezupft, geschlagen oder gestrichen – pulsieren, vibrieren, leben lässt.

Die nächste Schnittmenge. Das sind exakt die Eigenschaften, die Boltz' Stimme auszeichnen. Die Sängerin hat sich exakt in die Lieder hineingefühlt und ruft das beim Auftritt ab, sie muss sich nicht mehr herantasten, weil sie schon mittendrin ist. »Junimond« ist ihr Lied wie es das von Rio Reiser war und wie es das von Echt oder Lisa Bassenge nie sein wird. »Smells like Teen Spirit« ist ihres wie es das von Nirvana war und wie es das von Avril Lavigne oder gar David Garrett aber sowas von nie sein wird. Man hat immer das Gefühl, dass hier nicht um des Gassenhausers willen gecovert wird, sondern dass die beiden die Songs verstanden haben und das Publikum an diesem Verständnis teilhaben lassen wollen. Reizvoll, weil man neuen Gefallen finden kann an einem Stück wie »Owner of a lonely Heart« von Yes, das man ob seiner 80er-mäßigen effekthaschenden Gitarrenriffs eigentlich nicht mehr hören will.

Genau das ist es: Le Bang Bang haben das Affektierte und das Glattgebügelte aus den Stücken eliminiert, die billigen Effekte durch Emotion ersetzt. Mit »Wake me up before you Go-Go« quälte einst Fallers großer Bruder in der Münchner Plattenbauwohnung die Restfamilie. Der Grundstein für Fallers Wham!-Trauma. Unerträglich eigentlich. Und trotzdem hat er sich von Boltz überreden lassen, den Titel ins Repertoire aufzunehmen. Es hat sich rentiert – das Stück taugt doch was. Da liefert sich der Bassist mit der Sängerin ein Schlagzeugduell – er trommelt auf seinem Instrument, sie scattet. Das Boom-Boom, das George Michael im Herzen verortet hat, steht plötzlich auf der Bühne – die pure Dynamik. Die Musiker haben Spaß, das Publikum auch. Wenn jetzt noch Vorweihnachtszeit wäre, könnte man sich von den beiden glatt vom »Last Christmas«-Syndrom kurieren lassen. Traumatherapie im Hilgerhof. Feine Sache. Andreas Falkinger