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Eintauchen in die Magie von Shakespeare

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Die Band »Woods of Birnam« (links Christian Friedel) in seiner Szene des außergewöhnlichen Abends mit Video- und Lichteffekten. (Foto: Salzburger Festspiele/Marco Borrelli)

Sie sehen ihr Projekt »Searching for William« an der Schnittstelle zwischen Konzert, Theater, Installation und Live-Hörspiel - die fünf Musiker der Dresdner Band »Woods of Birnam« unter Leitung von Christian Friedel. Für die Salzburger Festspiele inszenierte Friedel im Salzburger Landestheater eine verrückte und faszinierende Hommage an William Shakespeare.


Der außergewöhnliche Abend in fünf Akten vereinte die Zutaten eines typischen Shakespeare-Stücks: Witz und Geist, Ernst und Humor, Ironie und Fantasie, Eleganz und Derbheit, Brechung der Illusion und Rollentausch. Er hielt wie der geniale englische Dramatiker einen Spiegel vor.

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Schon länger setzt sich die Band, deren Namen von Macbeth inspiriert ist, mit Shakespeare auseinander. Seit sie 2012 erstmals in der viel beachteten Hamlet-Inszenierung von Roger Vontobel am Staatsschauspiel Dresden auftraten, sind viele Songs mit Shakespeare-Lyrics entstanden, die sie in der aktuellen Konzertperformance erstmals zusammen fassten. Ergänzend entstand ein ansprechendes Booklet mit allen Texten, Fotos und einer Doppel-CD.

Die Rahmenhandlung bildet eine einfache Band-Probe, die jedoch einigermaßen bizarr abläuft, wenn zum Beispiel zu den Versen »Wo die Biene saugt« aus »Der Sturm« die dazu geplante Szene mit 30 Kindern in Bienen-Kostümen angedeutet wird. »Danke, zehn Minuten Pause«, ruft Christian Friedel in die Runde. Der Absolvent der Otto-Falckenberg-Schule erhielt für seine Theater- und Filmrollen bereits zahlreiche Auszeichnungen und ist Frontman und ausdrucksstarker Sänger der Band. Sein Gitarrist und Songwriter Philipp Makolies spielt in der angedeuteten Bandpause ein paar Akkorde vor sich hin, und Friedel beginnt, singend eine freie Adaption des Sonetts 24 von Shakespeare vorzutragen, mit philosophischen Gedanken über den Blick des Künstlers und poetischen Worten wie: »Mein Auge spielte Maler, hat geschickt/ Dein schönes Bildnis mir ins Herz gebannt./ Mein Körper ist der Rahmen, der es schmückt,/ Die Perspektive zeigt die Künstlerhand.«

Immer wieder im Verlauf des Abends lösen sich Worte und Texte von Shakespeare – aus seinen Sonetten und Stücken, vor allem aus den drei wohl berühmtesten Werken, »Hamlet«, »Macbeth« und »Ein Sommernachtstraum« – aus der Rahmen-Szenerie, entwickeln ein Eigenleben, wie Puppen, die lebendig werden, und verkörpern sich im verblüffend wandlungsfähigen Christian Friedel. Er lässt die Sprache ihre ganze Kraft entfalten. Szenen und Monologe, teils in Deutsch oder Englisch live gesprochen, teils eingespielt durch eine Männer- oder Frauenstimme, immer mit eingeblendeten Übersetzungen, wechseln mit guten Rock-Nummern – mit Christian Grochau am farbenreichen, markanten, unkonventionellen Schlagwerk, Uwe Pasora am mal wild röhrenden, mal butterweichen Bass und Ludwig Bauer an den virtuosen Tasten mit vielen Orgel-Liegeklängen. Überhöht wird die Musik durch optische und akustische Effekte, wie schnelle Stroboskop-Blitze oder reichlich Hall.

An zwei durchsichtige Vorhänge – vorne und im Bühnen-Hintergrund – werden fantastische, plastische Video- und Lichtinstallationen, zum Teil mit 3D-Effekt, projiziert. Ein vervielfachter Kopf aus einem Shakespeare-Stück bildet ein Muster und dreht sich wie verrückt. Weiße Flügel und Zweige fliegen vorbei und erschaffen das Reich der Elfenkönigin. Ein grünes Universum wird auf bedrängende Art lebendig, der Wald von Birnam, und treibt Macbeth, der für den Thron von Schottland einen Königsmord begangen hat und seine Herrscherwürde aufgrund seiner Angst vor dem Absturz einfach nicht genießen kann, in die Enge.

Züngelnde Flammen untermalen den Auftritt einer Hexe (ebenfalls Friedel), die, als harmlose Rocksängerin getarnt, plötzlich Abgründe des Diabolischen aufreißt. Eingestreut sind zeitkritische Anspielungen, wie ein Video-Puzzle mit Fotos von Diktatoren wie Kim Jong-un oder Opfern von politischer Gewalt und Rassismus als Einleitung zur Szene der Begegnung des dänischen Prinzen Hamlet mit dem Geist seines ermordeten Vaters.

Gedanken über die Kunst, das Leben, die Zeit oder den Tod rahmen das Ganze ein. »Für uns ist dieses Projekt nicht nur die Konfrontation von Musik und Theater, nicht bloß ein neuer Unterhaltungsabend...«, sagt Christian Friedel im Programm-Blatt. »Nein, es gilt, die Vielfalt von Shakespeares Werk neu zu entdecken, ebenso wie die Vielfalt von Menschlichkeit, unendlicher Neugier, Toleranz und unendlicher Liebe, ausgedrückt in alter englischer Sprache und moderner Musik und von einer Band aus Dresden in die Welt geschickt, deren Heimatstadt in den letzten Jahren leider nicht sehr positiv in der Weltpresse wahrgenommen wurde.« Es ist ihr gelungen. Für stehende Ovationen gibt es noch eine Zugabe, ein Liebeslied. Veronika Mergenthal

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