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Eintauchen in eine »Anderswelt«

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Elisabeth Schachingers Kollagen wie das »Fang-den-Ball-Spiel« zeugen von großer Fantasie. (Foto: Benekam)

Glücklich schätzen darf sich, wer eine blühende Fantasie hat, wer sich den kindlich-naiven Blick auf die Welt bis ins Erwachsenenleben hinein bewahrt und tagtäglich daraus schöpfen kann. Die Künstlerin Elisabeth Schachinger (1909-1998) konnte das, wie ihre ausgestellten Werke im Hilgerhof bei Pittenhart beweisen, meisterlich. Dank ihrer Tochter Dr. Gabi Dietl wird ein kleiner Teil ihres an die tausend Werke unterschiedlichster Techniken umfassenden Lebenswerks in Zusammenarbeit mit dem Kulturverein Hilgerhof bis zum 2. Oktober der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.


Bei der Vernissage erzählte Gabi Dietl nach einer musikalischen Einstimmung durch die Flötistin Michaela Hanke aus Traunstein in einer sehr lebendigen Begrüßungsrede aus dem Leben und dem künstlerischen Wirken ihrer Mutter. Im württembergischen Ellwangen geboren, studierte die junge Elisabeth Schachinger sowohl Violine als auch Malerei in München. Ihr außergewöhnliches Talent und ihre schöpferische Vielfalt waren bemerkenswert. Schon im jugendlichen Alter schuf sie, vom Jugendstil beeinflusst, Werke von atemberaubender Schönheit, die von ausdrucksstarker Tiefgründigkeit sowie von anziehender Detailarbeit durchdrungen waren.

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Künstlerin mit einer Affinität zur Märchenwelt

Wie Gabi Dietl erklärte, schöpfte ihre Mutter dabei aus ihrer eigenen inneren Vorstellungskraft und Fantasie, transferierte ihr Seelenleben, ihre Weltanschauung in bildhafte und figürliche Kunst – die Künstlerin hatte eine besondere Affinität zur Märchenwelt.

Die gemalten Figuren aus dem norwegischen Märchen »Östlich der Sonne, westlich vom Mond«, dem Roma-Märchen »Die Erschaffung der Geige« und dem mongolischen Märchen »Naran Gerel« erstrahlen in allerschönsten Farben und lassen den Betrachter eintauchen in eine »Anderswelt«: Kunstvolle Gewänder, expressives Minenspiel in den Gesichtern der Märchengestalten sowie chagallähnliche schwebende Leichtigkeit der Figuren machen es dem Betrachtenden schwer, sich von den Bildern zu lösen.

Die überbordende Fantasie, von der Schachingers Gemälde nur so strotzen, erinnern an Traumwelten aus Kindertagen und laden das Auge des Betrachters zum Verweilen ein, um immer neue märchenhaft-kunstvolle Details zu entdecken. Im Versinken in die Gemälde bewegt sich das Auge, nicht das Bild, wie in den modernen, oft sinnesüberreizenden Medien der Neuzeit auf Bildschirm und Smartphone. Hier bewegt das Bild in seinem Ausdruck die Seele des Schauenden. Das Auge hat beruhigend viel Zeit, alle Farben und Formen auszumachen, aufzunehmen und zu verarbeiten.

Die Kreativität Schachingers gipfelt in ihren in den 80er Jahren entstandenen Kollagen, welche im Hilgerhof zum ersten Mal überhaupt ausgestellt sind. Hier experimentierte die Künstlerin nicht nur mit Farben und Formen, sondern schuf durch Einarbeiten unterschiedlichster Materialien wieder neue Juwelen bildhafter Kunst.

Grenzenloser Ideenreichtum einer Ausnahmekünstlerin

Gardinen als Brautschleier oder in Vorhängen der Gemächer von Tänzerinnen und Harlekinen, Borten, bunte Stoffe und sogar Metalle in kunstvoll-aufwendigem Gewand eingearbeitet, zeugen abermals von allergrößtem Können und grenzenlosem Ideenreichtum einer Ausnahmekünstlerin.

Dass Elisabeth Schachinger bis kurz vor ihrem Tod im stolzen Alter von fast 90 Jahren immer noch künstlerisch aktiv und produktiv war, lässt vermuten, dass Kunst ein Jungbrunnen ist. Jedenfalls hat sie Spuren hinterlassen und bleibt durch ihre beeindruckend schönen Werke immer lebendig. Die Ausstellung im Hilgerhof ist noch bis zum 2. Oktober immer Freitag, Samstag und Sonntag von 15 bis 18 Uhr oder nach Absprache mit Dr. Gabi Dietl unter der Telefonnummer 08667/809630 zu sehen. Kirsten Benekam