Endlich daheim: Familie nach 40 Jahren mit Traktor wiedervereint

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Heini Graßl freut sich sehr, dass er nun wieder auf »seinem« Fahr sitzen kann. (Fotos: Eva Goldschald)
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Lange musste Heini Graßl suchen, bis er den alten Familientraktor wieder aufspüren konnte.

Schönau am Königssee – Sie sind im selben Jahr »geboren« und fanden nach fast 40 Jahren wieder zueinander: Die Geschichte von Heini Graßl und seinem Traktor ist eine ganz besondere. 


Es ist der 8. April 1954, als Gottfried Graßl vom Hochödlehen in der Schönau einen Kleinschlepper der Marke Fahr kauft. Der D 12 N hat zwölf PS und soll überwiegend Holz aus dem nahe gelegenen Wald sowie Heu für die Tiere am Bauernhof transportieren. Genau sieben Monate später, am 8. November 1954, kommt Gottfrieds Sohn Heinrich in der Stube am Hof zur Welt. Dass sein Sohn und der Traktor mal eine ganz besondere Beziehung pflegen würden, wusste der Landwirt damals noch nicht.

Der Hof von Heinrich Graßl liegt direkt an der Hammerstielstraße in Richtung Grünsteinparkplatz. Obwohl das Hochödlehen recht einsam auf der Wiese steht, ist es nicht zu übersehen. An der Einfahrt stehen Schaufensterpuppen, eine elektrische Fahne signalisiert, dass es sich lohnt, hier stehen zu bleiben. Für seine Hausgäste und Wanderer hat Heini immer etwas zu trinken und ein paar Bänke bereitgestellt. »Ich mag es, wenn die Leute bei mir einkehren, wenn sich was rührt und man miteinander schatzn kann«, erzählt der Schönauer, den alle einfach Heini nennen. Er trägt eine Jeans, ausgelatschte grüne Crogs, ein ausgebleichtes Cap und eine ausgewaschene graublaue Regenjacke. An den Handgelenken blitzen silberne Armbänder hervor.

Es sind aber nicht nur die eiskalten Getränke, die gemütlichen Sitzgelegenheiten und die außergewöhnliche Dekoration, weswegen die Leute am Hochödlehen einen Stopp einlegen. Direkt neben der Einfahrt stehen bei schönem Wetter mehrere alte Traktoren, die Heini Graßl jeden Morgen startet und in einer Reihe aufstellt. Wer möchte, darf eine Runde mitfahren. Vor allem Kinder seien immer wieder begeistert von den Oldtimern. Heini Graßl mag es, wenn die Leute seine Oldtimer bewundern. »Bissl a Spinnerei hat ja jeder. Die Traktoren und des ganze alte Zeug sind halt meins«, erzählt er mit einem Grinsen und steckt seine Hände noch tiefer in seine Hosentaschen. Heute stehen die Traktoren – bis auf einen – alle im Schuppen, draußen ist es zu regnerisch, das tut den Oldtimern nicht gut.

Eine Reise in die Vergangenheit

Als Gottfried Graßl damals den Fahr D 12 N kaufte, gab es in der gesamten Schönau nur vier oder fünf andere Bulldogs. Manche Bauern fuhren noch mit einem Kettenkrad herum, bei den meisten war Landwirtschaft aber reine Handarbeit. Der Traktor gehörte von Anfang an wie ein Familienmitglied zum elterlichen Hof. Die Arbeit war damit zwar einfacher, aber nicht weniger gefährlich, denn so stabil stand der Bulldog ohne Allrad und mit den dünnen Reifen nicht auf dem schrägen Untergrund. »Meine Schwestern und ich mussten als Kinder natürlich recht schnell Bulldogfahren lernen, damit wir unseren Eltern helfen können. Mein Vater war schon recht gezeichnet vom Krieg und auch nicht immer so belastbar. Außerdem hat er als Polier gearbeitet und war da oft auf Montage. Der Bulldog war dann quasi der Ersatz für den Vater und hat uns viel Arbeit abgenommen. Aber wer fährt nicht gerne mit so einem Ding, das war für uns eher Spaß als Arbeit«, erzählt Heini Graßl und zeigt dabei auf die große Waldfläche im Hang hinter dem Haus. »Damit wir dort hinkamen, mussten wir aber erst mal ein paar Steine sprengen«, sagt er und lacht. »Wir sind alle mit dem Bulldog die Wiese raufgefahren. Der Vater hat Löcher in die Steine gebohrt und wir haben sie mit Schwarzpulver gefüllt. Dann bauten wir mit den Kabeln am Bulldog selbst einen Zünder und sprengten damit die Steine. Wenn die Brocken zu groß waren, haben wir der Mama geschrien, dass sie mal richtig aufs Gas drücken soll beim Traktor. Dann sind die Dinger in die Luft geflogen, das war eine Gaudi.«

Nicht nur die Kinder, auch Heinrichs Mama liebte es, am Bulldog zu sitzen. Die sei schließlich froh gewesen, mal von der Hausarbeit wegzukommen. So schnell habe man sie dann nicht mehr vom Bulldog herunter bekommen. »Ja die Mama ist noch mit 80 mit unseren Bulldogs rumgefahren. Als sie nicht mehr so fit war, haben wir ihr raufgeholfen und grad Spaß hat sie gehabt.«

Kein Abschied für immer

Beinahe 20 Jahre war der alte »Fahr« wie ein Familienmitglied für die Graßls, bis zu einem Riss im Motorblock. Da hatten sie vergessen, das Wasser abzulassen. Der Frost dehnte den Riss aus, Fahren war dann unmöglich. Weil die Graßls das nicht selbst reparieren konnten, verkaufte der Vater den Traktor vor knapp 40 Jahren für rund 100 Mark.

Damit war die Geschichte allerdings nicht zu Ende, zumindest nicht für Heini Graßl. Immer wieder musste er an den alten Traktor denken, mit dem sie als Familie so viel Spaß hatten. Er hat immer mal wieder danach Ausschau gehalten, beim letzten Käufer in der Koch-Sternfeld-Straße nachgefragt. Der hatte ihn aber nicht mehr und konnte sich auch nicht erinnern, an wen er ihn damals verkauft hatte. Die Spur verlief sich im Sand.

»Ich habe immer mal wieder an den Bulldog gedacht, dann wieder einen anderen gekauft, der dem ähnlich sah, angefangen, die alten Dinger zu sammeln. Aber trotzdem hat immer etwas gefehlt«, erzählt Graßl. Es war wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Heini Graßl ging immer wieder zu Oldtimertreffen. Nicht nur, weil er sich generell dafür interessiert, sondern auch, weil er hoffte, dort seinen Schatz wieder zu finden. »Ach, es hätte sein können, dass ihn einer weggeschmissen hat, ausgeschlachtet oder ganz weit weg verkauft. Daran geglaubt, dass ich ihn wieder bekomme, hab ich nicht, aber ich hab die Hoffnung eigentlich nie aufgegeben.« Manchmal hat sich Heini Graßl auch gedacht, dass es den alten Herrn vielleicht mal wieder heimzieht. »Das hört sich so verrückt an, ich weiß, aber ich häng einfach an dem alten Ding.«

Im September dieses Jahres unterhielt er sich mit einem Bekannten. Der erzählte ihm, dass der Schwager vom Autohaus Martin Eppich in Bischofswiesen wohl so einen Traktor im Schuppen stehen hat. Wie es sich genau abspielte, weiß Graßl nicht mehr. Er habe dann einfach mal angerufen und gefragt, ob er ihn mal anschauen dürfe.

»Ich bin dann in den Schuppen rein und habe nur ganz viele Planen und andere Sachen gesehen, wir mussten den Traktor erst mal wieder frei räumen. Aber ich hab schon so ein Gefühl gehabt, dass er das sein könnte. Als ich ihn dann tatsächlich gesehen habe, da ist mir wirklich das Herz aufgegangen. Das war wie beim ersten Date mit der Traumfrau, man sieht sie und denkt sich einfach nur ›wow‹. So war's mit dem Fahr auch. Und sogar unser Nummernschild von früher war noch dran.«

Heini Graßl steht stolz neben seinem Bulldog, der Motor schnurrt. Das macht er jeden Tag, um ihn warm zu halten und zu schauen, ob er noch läuft. Er streichelt sanft über den alten, rauen Lack auf der Motorhaube. 2 500 Euro hat Heini Graßl für den Bulldog bezahlt. Als er den Traktor abholte, brachte er eine neue Batterie mit, der Diesel im Tank war seit zwölf Jahren der gleiche. Als wüsste der Traktor, wer auf ihm sitzt, ist er auch gleich angesprungen. »Das war ein wahnsinniges Gefühl. Der hat sofort gewusst, dass es jetzt heim geht. Ich bin wirklich fast in Ohnmacht gefallen, weil es so schön war. Da steckt so viel Herzblut drin und der Klang des Motors war einfach unbeschreiblich. Der Traktor hat ja nur zwölf PS, aber irgendwie ist er dann fast von selbst den Berg zu unserem Haus raufgefahren. Der hat gewusst, wo sein Platz ist. Es war, als ob er alleine in die Einfahrt gelenkt hätte«, schwärmt Graßl mit einem breiten Grinsen im Gesicht.

»Ich glaube, mein Vater wäre in der heutigen Welt nicht mehr glücklich. Viel zu hektisch und fremdbestimmt wäre es ihm wahrscheinlich. Aber wenn der wüsste, dass ich den Traktor wieder habe, dann würde er aus allen Wolken fallen. Ja, und die Mama sowieso. Die würden wir wieder draufhaben und sie würde nicht mehr aufhören, damit herumzufahren.«

Eva Goldschald