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»Enfant Terrible« - Ein filmisches Denkmal

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Enfant Terrible
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Zwei Ikonen: Andy Warhol (Alexander Scheer) und Rainer Werner Fassbinder (Oliver Masucci). Foto: Weltkino Filmverleih/dpa Foto: dpa

Rainer Werner Fassbinder ist eine Ikone des Neuen Deutschen Films. Mit »Enfant Terrible« bringt Oskar Roehler nun das Leben des berühmten Münchners ins Kino. In der Hauptrolle: Ein brillant spielender Oliver Masucci.


München (dpa) - Heute wäre ein Regisseur wie Rainer Werner Fassbinder kaum denkbar. Einer, der am Set rumschreit und sogar handgreiflich wird. Der Alkohol- und Drogenexzesse auslebt und der andere Leute reihenweise beleidigt und provoziert.

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Und doch wurde er zu einer Ikone des deutschen Films mit Streifen wie »Angst essen Seele auf«, »Die Ehe der Maria Braun« oder der ARD-Serie »Berlin Alexanderplatz«. Einer, der auch gesellschaftskritische Töne anschlug und den Neuen Deutschen Film prägte, wie kaum ein anderer. Oskar Roehler setzt dem Münchner nun mit »Enfant Terrible« ein filmisches Denkmal. Neben Oliver Masucci (»Er ist wieder da«) in der Hauptrolle spielen unter anderem Katja Riemann, Eva Mattes, Hary Prinz und Sunnyi Melles.

Roehler (»Herrliche Zeiten«) inszeniert den Film wie ein Theaterstück - Fassbinders Leben wie auf einer Bühne, vor dunklen, angemalten Pappkulissen. Fenster, Türen, Lampen, Küchenschränke, alles nicht echt. Es gibt viel Theatralik in diesen gut zwei Stunden, dazu ein faszinierendes Spiel von Licht und Schatten. Ein wuchtiger Film mit Momenten, die auch mal etwas anstrengend sind, die sich aber trotzdem zu einer spannenden Interpretation von Fassbinders Leben fügen: das Unstete, das ständige Gefühl des Gejagtseins, das Bruchstückhafte.

Masucci ist großartig in der Rolle dieses ungebärdigen Mannes, der zuhause am liebsten mit offenem Bademantel abhängt und keine Probleme hat, seinen runden Bauch zu präsentieren. Der lacht, schreit, weint, liebt, sinniert, fordert und verurteilt, ohne Rücksicht auf sich und andere. Der Drehbücher und Theaterstücke schreibt, komponiert, inszeniert, schauspielert und produziert. Masucci zeigt ihn als Besessenen, der nie zur Ruhe findet, weil ihn seine fantastischen Ideen förmlich bedrängen und der ausrasten kann, wenn andere nicht sofort verstehen, was ihm vorschwebt. »I always go where it hurts, in life and in film. It makes it more real« (Ich gehe immer dahin, wo es wehtut, im Leben wie im Film. Das macht es realer), sagt er im Film zur Pop Art-Ikone Andy Warhol (Alexander Scheer).

Dabei spannt der Film einen Bogen von Fassbinders Theaterdebüt am Münchner Action-Theater mit Georg Büchners Komödie »Leonce und Lena« Ende der 1960er Jahre bis hin zu seinem frühen, einsamen Tod am 10. Juni 1982 in seiner Münchner Wohnung im Alter von nur 37 Jahren. Über die Jahre versammelt er eine illustre Gruppe von Menschen um sich, wie eine große Familie. Manche verletzt er so tief, dass sie sich zurückziehen. Andere nehmen seine Launen in Kauf und arbeiten trotzdem mit ihm, darunter bekannte Darsteller wie Hanna Schygulla, Barbara Sukowa, Rosel Zech oder UFA-Altstar Brigitte Mira, im Film gespielt von Eva Mattes. Die Mühe lohnt sich, gibt es für Fassbinders Werke doch viele Preise.

Doch tief im Herzen ist der Filmemacher verzweifelt auf der Suche - nach Liebe, vor allem zu Männern. Seine oft hochdramatischen Beziehungen sind ein wichtiger Teil des Films, etwa zum Schauspieler Günther Kaufmann, in »Enfant Terrible« dargestellt von Michael Klammer.

»Fassbinder hatte eben jenen Rock and Roll im Blut, den man nicht kaufen kann. Er machte sie alle berühmt«, sagt Roehler über den Filmemacher. »Er hatte so viel abzuarbeiten an sich, an der deutschen Gesellschaft, dass ein Leben, so stark auch immer, einfach nicht ausreichen konnte. Der große Zirkus, das Rampenlicht, die Drogen, die Legenden, die er schuf, haben ihn schließlich verschlungen.«

Enfant Terrible, Deutschland 2020, 134 Min., FSK ab 16, von Oskar Roehler, mit Oliver Masucci, Katja Riemann, Eva Mattes

© dpa-infocom, dpa:200924-99-688466/3

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