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Engelsbotschaften einfühlsam vermittelt

»Ma woaß ned, wos ma glaub'n soi – und ma glaubat so gern! Warum hear ma koan Engl? Warum seh ma koan Stern?« fragt ein umherziehender alter Mann mit Stock am Beginn des Tobi Reiser Adventsingens »Host an Engel g'hört?« Sind wir zu starrsinnig, zu hart geworden in dieser lauten Welt für die Zartheit der Himmelsboten? »Und die Zeit fliagt dahin, wia a Woikn im Wind… manchmoi draam i davon, i waa wieda a Kind!«, sinniert der Mann. »Werdet wie die Kinder« – diese Grundbotschaft gelang es Josef Radauer und seinen Mitwirkenden in der großen Aula der Salzburger Universität überzeugend zu vermitteln.

Die Hirtenkinder beim Musizieren. (Foto: Ensemble Tobi Reiser)

Nie werden die Engel direkt abgebildet, ebenso wenig wie die Geburt Jesu. Die Sphäre des Himmels wird nur angedeutet, indem eine goldene Sonne über allen Mitwirkenden aufgeht. Radauer braucht nichts Plakatives und Lautes, um dieses adventliche Spiel wirken zu lassen. Bei den Mitwirkenden setzte er auf die bewährte Mischung von Profis und Laien. Wohltuende Natürlichkeit und die Begeisterung des Amateurtheaters brachten Walburg Roth aus Tegernsee als Begleiterin der Hirtenkinder, Alfred Kröll aus Tirol als Wirt und Hans Stadler aus Anthering als alter Mann (Gast) und Engel mit.

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Ein Traumpaar sind als Josef Ernst Meixner, der als Malermeister dessen handwerkliche Basis teilt, und als Maria die Gesangspädagogin Agnes Mitterlechner-Wimmer, beide gebürtige Salzburger. Einen nachhaltigen Eindruck hinterließ die Verkündigungsszene mit der knieenden Maria hinter einem Gaze-Vorhang, der nur durch das Licht durchsichtig wurde, und Christl Klappachers glockenreinem Sopran des Salzburger Dreigesangs als Engel. Ihr Wechselgesang »Ave Maria gratia plena« ist eine anonyme Überlieferung aus dem 17. Jahrhundert. Gesänge von Wilhelm Keller (Magnificat), Tobias Reiser und Josef Radauer wurden gemischt mit altem Volksgut. Als Pendant zum glasklar intonierten Salzburger Dreigesang gaben die bodenständigen Walchschmied-Sänger dem Spiel bajuwarische Gelassenheit und Tiefe.

Die hochprofessionellen Instrumentalgruppen – Ensemble Tobi Reiser, Pongauer Bläser und Andreas Gassner an der Orgel – kommentierten stimmig in facettenreichen Besetzungen das Geschehen und warfen einander die Bälle zu, auch bei der Begleitung der Sänger.

Viel Leben brachten die quirligen, natürlichen Hirtenkinder ins Spiel, die durch die Arbeit mit Percussionist Martin Grubinger ihre Darbietungen vom Vorjahr noch toppten. Von den Kindern der frischen Wirtshausmusi, die Mitleid mit den bettelnden Anglöcklern hatten, ging die Wende im Stück aus, die zeitgleich im Herzen des Wirts stattfand. Ausgerechnet ein armer Hirtensänger, der nicht einmal ein Instrument hatte, hörte als erster den Engelsgesang.

Gänsehautgefühl erzeugten die handgezeichneten Dias von Siegwulf Turek, als gewaltige Lichtprojektionen mit Überblendeeffekten an die Wand geworfen. Die symbolkräftigen Bilder ließen auch sofort erkennen, ob man sich gerade in der Welt der alpenländischen Hirtenkinder oder in der parallel erzählten biblischen Geschichte befand. Damit diese Lichtmagie besser wirkt, sollte nächstes Jahr das Licht bei den seitlichen Ausgängen abgeschaltet werden. Die Texte von Walter Müller, die meist im Hochsommer im Kaffeehaus entstanden sind, stellen immer wieder Bezüge zum eigenen Leben und Identifikationsmöglichkeiten her. Müller sieht sich selbst als »kritisch beobachtend, aber nicht ironisch« und »vom Herzen her ein Hirte« und möchte seine Zuhörer und die Leser seines neuen Buches »Ich träumte es war Weihnachten« dazu ermutigen, im ganzen Adventsrummel einfach »Mensch« zu bleiben. Veronika Mergenthal