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Er nannte sie »Bolex«

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Er nannte sie «Bolex»
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In den frühen 1920er Jahren erfand der Wahlschweizer Jacques Bolsey die erste Filmkamera für die Masse - die Bolex. Foto: ARTE/SSR/Dschoint Ventschr Foto: dpa

In der Erbmasse ihres Großvaters entdeckt Regisseurin Alyssa Bolsey Hinweise, dass einer ihrer Ahnen Filmgeschichte schrieb und die erste Filmkamera für die Masse erfand - die Bolex. Eine etwas andere, weil sehr persönliche Dokumentation zur ungünstigen Sendezeit.


Straßburg (dpa) - Dieser Film ist für Feinschmecker, die sich fürs Filmemachen und Technikgeschichte interessieren. Regisseurin Alyssa Bolsey ist auf die Ursprünge der ersten massentauglichen Filmkamera, der Bolex, gestoßen.

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Und weil sie erste Zeichnungen und Manuskripte dazu in den Unterlagen ihres gestorbenen Urgroßvaters Jacques Bolsey entdeckte, ist die Herangehensweise an diese Dokumentation eine ganz besondere, nämlich eine persönliche. Einziges Manko: Arte zeigt »Er nannte sie 'Bolex'« am Donnerstag zur denkbar ungünstigen Sendezeit um 0.50 Uhr. Sie dauert aber nur gut 50 Minuten, wachbleiben lohnt.

Die Urenkelin, die sich als einziges lebendes Familienmitglied mit Film befasst, spürt Jacques Bolsey nach, was ihn antrieb, was er erreichen wollte. Das war nicht weniger als die Vision und der Anspruch, dass ein Jeder filmen und so seine Erinnerungen festhalten können sollte. Handlich und erschwinglich, leicht zu bedienen und möglichst vielfältig einsetzbar musste die Kamera dafür sein.

Herausgekommen ist ein tragbares Modell mit mehreren Objektiven für 16-Millimeter-Film, das beispielsweise der Künstler Andy Warhol sowie Regisseure Steven Spielberg und Peter Jackson nutzten. Wim Wenders nennt die Bolex in der Doku den »Schlüssel zum Film«, das ideale Werkzeug, um das Filmhandwerk zu erlernen. Träume seien mit der Kamera verknüpft gewesen, sagt er pathetisch. Er habe seinerzeit ein Saxofon eingetauscht, um an sein erstes Exemplar zu kommen. »Ich ging als Musiker in den Laden und kam als Regisseur wieder raus.«

Neben technischen Details - die Bolex filmt 27 Sekunden, dann muss sie per Handkurbel wieder aufgezogen werden - erfahren Zuschauer, dass noch heute rund 20 Geräte pro Jahr gebaut werden. Die Käufer sind meist zwischen 18 und 30 Jahre alt, wie der Hersteller erklärt.

Überhaupt hat die Kamera fast 100 Jahre nach der Erfindung noch immer Einfluss auf Filmschaffende: An Hochschulen wird sie benutzt. Die experimentelle Filmemacherin Barbara Hammer betont, dass die Bolex gerade von Frauen gut geführt werden kann und keine Drehgenehmigung nötig sei, weil eine so kleine Kamera unaufdringlich wirke.

Zugleich erforscht die Autorin die Geschichte ihres Urgroßvaters: In den frühen 1920er Jahren erfand der Wahlschweizer die Bolex, auch unter den Namen Bogopolsky, Boolksy und Bolsey bekannt. Jacques Bolsey verband die Liebe zur Kunst mit einem Faible für Technik. Auszüge aus seinen Tagebüchern und von ihm mit der Bolex gedrehte Aufnahmen geben Einblicke in seine Motivation, seine Sorgen um eine massenhafte Produktion, aber auch um seine Familie in Zeiten des Krieges sowie in seinen Anspruch, die Angestellten zu einer Gemeinschaft zusammenzuschweißen, statt auf Profit aus zu sein.

Fast nebenbei bekommt der Zuschauer einen Einblick in die Entwicklung unterschiedlicher Filmformate, den Trend zur Digitalisierung und Probleme durch Patentstreitigkeiten - und die Folgen all dieser Einflüsse auf die Bolex. Neben dem Archivmaterial und Detailaufnahmen aus dem Inneren der Kamera spickt die Autorin die Dokumentation mit Interviews mit Prominenten und Verwandten sowie zahlreichen Bolex-Aufzeichnungen: oft schnelle Schnitte, wackelige Kameraführung.

Der persönliche Bezug zum Bolex-Erfinder verhindert dabei nicht einen Blick auch auf die Tiefpunkte in seiner Biografie. Und man bekommt eine Ahnung, welch Visionär Jacques Bolsey war: Schon in den 1930er Jahren arbeitete er an Plänen für ein Elektroauto.

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