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»Erhaltet Euch die Freiheit!«

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Norbert Kittel sitzt vor einem Stapel mitgebrachter Zeitdokumente – Kriegserinnerungen, Briefe und Fotos zeugen von seinem bewegten Leben. (Foto: Burghartswieser)

Ruhpolding – Im Januar feierte Norbert Kittel mit seiner ganzen Familie seine Diamantene Hochzeit im Ortner Hof, ein paar Monate später hier auch seinen 90. Geburtstag. Nun kam er wieder nach Ruhpolding zum Klassentreffen für seine Mitschüler des Elisabeth-Gymnasiums aus Breslau.


Unter ihnen ist auch der ehemalige Präsident des Nationalen Olympischen Komitees, Walther Tröger, der 1972 auch Bürgermeister des Olympischen Dorfes in München war. Klein sei der Kreis der ehemaligen Pennäler geworden, aber einige Klassenkameraden seien wieder angereist – und was ihn besonders freute, auch die Witwen verstorbener Schulfreunde.

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Mit Ruhpolding fühlt er sich eng verbunden – nicht nur, weil sein Sohn Alexander seit Jahren ein geachteter Hausarzt im Ort ist. Norbert Kittel zeigt beim Besuch des Traunsteiner Tagblatts jede Menge Zeitdokumente, zum Teil schon etwas vergilbte, alte Fotos, Zeugnisse und Briefe, die sein bewegtes Leben dokumentieren. »Ich möchte etwas der nachfolgenden Generation hinterlassen«, betont er. Als Mahnung und gegen das Vergessen.

Am 10. Januar 1944 erhielt er den Einberufungsbescheid als Luftwaffenhelfer in einer Flak-Batterie – gerade einmal 15 Jahre war er damals alt. Sein Bataillonskommandeur begrüßte ihn mit den Worten, er könne stolz darauf sein, einen Beitrag zum Endsieg leisten zu dürfen. Hitler erklärte Breslau zur »Festung« – die blutjungen Soldaten mussten auf feindliche Flugzeuge schießen und auf die immer näherkommenden Sowjets.

Doch statt des Endsiegs kamen die Russen – es folgten Kriegsgefangenschaft und Vertreibung aus der Heimat. Drei Tage und drei Nächte mussten die Burschen Richtung Osten marschieren, nur einmal pro Tag gab es einen Teller Suppe. Dann wurden die Flak-Helfer in Viehwaggons gesteckt, hundert Mann in einen Waggon, keine Fenster, ein Ofenrohr im Boden war die Toilette, fast nichts zu essen. Die Fahrt dauerte acht Wochen, ehe Kittel im Kriegsgefangenenlager in Nischni Tagil landete. Dort mussten sie hart arbeiten, sei es beim Häuserbau, im Wald, an der Kanalisation oder an Ölleitungen. Drei Jahre lang. Viele überlebten die Strapazen nicht. Trotzdem hegt Kittel keinen Groll; er hat vergeben.

Seine Mutter und Geschwister hatten in Schönram eine neue Heimat gefunden. Dort kam auch Norbert Kittel im Mai 1948 an. »Da begann für mich das zweite Leben«, sagte er. Am Gymnasium in Traunstein bekam er keinen Platz, also wich er nach Bad Reichenhall ins Karls-Gymnasium aus, wo er 1949 sein Abitur ablegte. »Täglich bin ich mit dem Bus nach Freilassing gefahren und dann mit dem Zug weiter nach Reichenhall, nach der Schule ging es wieder den ganzen Weg zurück«, erinnert er sich.

Doch auch etwas Geld wollte er verdienen. Er kam als »rasender Reporter« zum »Südost-Kurier« nach Bad Reichenhall. Seine Aufgabe umfasste alle Facetten der Lokalberichterstattung aus vielen Gemeinden des Rupertiwinkels. »Sechs Pfennig pro Zeile habe ich bekommen«. Dann tat sich ein neues Betätigungsfeld auf: Auf seine Anregung hin hatte sich Alois Seidl, der Vater des späteren Landrats des Landkreises Berchtesgadener Land, Martin Seidl, entschlossen, aus seinem Beherbergungsbetrieb in Holzhausen ein Kneipp-Kurheim zu machen. Dort wurde Kittel Geschäftsführer.

1951 wurde er in München Einzelhandelsreisender und Werbefachmann. Als Partner in einer Werbeagentur arbeitete er, bis er 80 Jahre alt war für große Unternehmen. Doch seine Erinnerungen führten ihn auch nach Ruhpolding. »Anfang der 50-er Jahre nahm mich ein Freund auf dem Motorrad von Petting nach Ruhpolding mit. Es hatte sich herumgesprochen, dass im Kurhaus wegen der vielen Gäste immer etwas los ist«.

Und als er am 3. Januar 1958 seine Frau Sieglinde nur fünf Wochen nach dem Kennenlernen heiratete, zog es ihn immer wieder hierher zum Langlaufen. »Damals habe ich nie daran gedacht, dass unser Sohn Alexander hier als Arzt landen würde«. Und so schließt sich der Kreis zum Chiemgau und Rupertiwinkel. Doch eines will er unseren Lesern noch unbedingt als Mahnung mit auf den Weg geben: »Wir sind die letzten Zeitzeugen«. Und sein Appell: »Erhaltet Euch die Freiheit«. hab