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Erniedrigung als System: Gangster-Rap in der Kritik

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Kollegah + Farid Bang
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Kollegah (l) und Farid Bang bei der Echo-Verleihung. Foto: Jörg Carstensen Foto: dpa

Der Eklat um die Echo-Musikpreis-Vergabe hat ein Schlaglicht geworfen auf das, was Gangster-Rapper seit Jahren auf Kinder und Jugendliche einrieseln lassen. Antisemitismus sei dabei wohl nicht einmal das größte Problem, sagen Experten.


Düsseldorf (dpa) - Sie verkaufen in Deutschland ein Nummer-Eins-Album nach dem anderen. Gangster-Rapper sind die Stars auf den Schulhöfen. Ihre Stücke sind mal frauen- mal schwulenfeindlich, gewalt- und drogenverherrlichend, voller Hass gegen die Polizei - und manchmal auch antisemitisch.

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Die Gangster-Rapper Bushido und Sido sorgten schon vor 15 Jahren für Skandale. Dann wurde es ruhiger. Nach dem Eklat bei der Echo-Preisvergabe über Liedzeilen, die als antisemitisch verstanden werden, richtet sich die Aufmerksamkeit nun erneut auf die erfolgreichen Schmuddelkinder des Musikgeschäfts.

Der deutsche Musikpreis Echo ist dadurch in eine schwere Krise geraten. Reihenweise wenden sich Künstler ab, weil Farid Bang und Kollegah für ihr Album »Jung, Brutal, Gutaussehend 3« (JBG3) ausgezeichnet wurden, das die Textzeilen enthält: »Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen« und »Mache wieder mal 'nen Holocaust, komm' an mit dem Molotow«.

»Grenzüberschreitung ist eines der zentralen Stilmittel des Gangster- und Battle-Raps«, sagt Hip-Hop-Expertin Sina Nitzsche von der TU Dortmund. »Der ist auch homophob, frauenfeindlich und in anderer Weise abwertend. Das gehört allerdings zum Genre wie der Cowboy zum Western. Zugleich ist der Battle-Rap ein Mikrokosmos unserer Gesellschaft.«

Unproblematisch sei dies deswegen nicht: »Kollegah und Farid Bang bedienen einen Zeitgeist, um kommerziell erfolgreich zu sein. Das kann sehr gefährlich sein, weil sie eine Vorbildfunktion haben. So kann Antisemitismus salonfähig werden.«

Erniedrigung und Beleidigung sind das Grundprinzip des Battle-Raps, sagt auch Hip-Hop-Experte und Journalist Dennis Sand. Ihn stört, dass sich die Diskussion nun auf Farid Bangs und Kollegahs Auschwitz-Zeile konzentriert. Die sei weniger antisemitisch als eine geschmacklose Verhöhnung der Holocaust-Opfer.

Problematischer sei es, wenn Kollegah als reale Person dazu aufrufe, über die Verschwörungstheorie »Pizzagate« zu berichten, in der behauptet wird, US-Politikerin Hillary Clinton sei in einen Kinderporno-Ring verwickelt. »Wenn Kollegah etwas sagt, glauben die Kids das. Und da missbraucht er massiv seine Macht.«

Es ist nicht das erste Mal, das Gangster-Rapper aus Deutschland einschlägig auffallen: Der Musiker Haftbefehl hatte die Zeile »ticke Kokain an die Juden von der Börse« in seinem Stück »Psst«. Später rechtfertigte er sich damit, es handele sich um authentisches Erleben und sei so geschehen. Aber ist es glaubhaft, dass Kokain-Konsumenten einem Dealer anvertrauen, welcher Religion sie angehören?

Schon als 16-Jähriger reimte Haftbefehl: »Du nennst mich Terrorist ich nenne dich Hurensohn/Gebe George Bush ein Kopfschuss und verfluche das Judentum.« Später distanzierte er sich davon. Doch 2015 weist er auf die Verschwörungstheorie von der vermeintlichen Macht der jüdischen Bankiersfamilie Rothschild hin.

Rapper Favorite textete mit Kollegah: »Ich leih' dir Geld, doch nie ohne 'nen jüdischen Zinssatz.« Und: »Yeah, Freispruch, wie üblich, ich kann hier halt machen, was ich will dank meines jüdischen Anwalts.«

Kollegah sieht nun eine Hetz-Kampagne gegen sich im Gange. Experten kritisieren in der WDR-Dokumentation »Die dunkle Seite des deutschen Rap« auch dessen 13-minütiges Video »Apokalypse« als Erzählung mit antisemitischen Elementen. Da wird Krieg um Jerusalem geführt. Der Vertreter des Teufels sitzt in einem Londoner Finanzturm und hat scheinbar einen Davidstern am Fingerring. Doch Kollegah sagt, es sei ein satanistisches Symbol, ein Pentagramm.

Beim Berliner Rapper Deso Dogg ist die Sache eindeutiger: Er schloss sich der Terrorgruppe Islamischer Staat an. Jan Böhmermann hat sich mit seinem Rap-Song »Ich hab Polizei« über die Gangster-Rap-Szene lustig gemacht. Doch nun scheint ihm das Lachen vergangen: »Gags über vergaste Auschwitzinsassen zu machen, ist einfach scheiße«, sagt er. »Wen willst du damit begeistern außer Typen, die Bock haben auf brennende Asylantenheime?«

Das Musiklabel BMG hatte sich in einer Stellungnahme hinter die Künstler gestellt. »Wir nehmen Künstler und künstlerische Freiheit ernst, und wir sagen unseren Künstlern nicht, was ihre Texte enthalten sollten und was nicht«, hatte die Tochter des Medienunternehmens Bertelsmann am Mittwoch auf Anfrage in Berlin mitgeteilt. Und weiter: »Zweifellos haben einige Songtexte auf JBG3 viele Menschen zutiefst verletzt. Andererseits waren viele Menschen ganz klar nicht so sehr verletzt, insofern, dass es zu einem der meistverkauften Alben des vergangenen Jahres in Deutschland wurde.«

Rapper Curse hat sich auf seine Weise mit dem Genre auseinandergesetzt: »Ich hab nichts gegen Gangster die rappen Im Gegenteil, man, ich lieb' den Scheiß«, textete er. »Doch zu viele von den Kids geh'n und kopier'n den scheiß. ... Das ist solange sweet bis irgendwer 'n Kopfschuss kriegt.«