Erst geschätzt, dann verfolgt

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Solche Bilder hatten Zeitzeugen und Zeitzeuginnen noch in Erinnerung: Wenn Hille und Hans-Günther Eichengrün Geburtstag feierten, waren auch die Kinder vom Obersalzberg eingeladen. Es gab Kakao, Wurstbrote und ein kleines Gastgeschenk. Im Hintergrund sieht man den Chemiker Dr. Arthur Eichengrün mit seiner zweiten Frau Madeleine. (Foto: Ulrich Chaussy/Institut für Zeitgeschichte München-Berlin)

Berchtesgaden – Dr. Arthur Eichengrün war einst ein erfolgreicher jüdischer Chemiker und Pharmazeut. Mit seiner »Protargol«-Entwicklung und den Cellon-Werken hatte er sich nicht nur ein Vermögen erarbeitet, sondern seinerzeit einen wichtigen wissenschaftlichen Beitrag geleistet. Dies waren wohl auch die Gründe, warum Eichengrün lange Zeit nicht glauben wollte, dass auch er Opfer des nationalsozialistischen Regimes würde. Über das Leben des Dr. Eichengrün und seine Zeit in Berchtesgaden berichtete am Mittwochabend der Journalist Ulrich Chaussy im Rahmen des »Obersalzberger Gesprächs«.

Dr. Arthur Eichengrün hatte Bahnbrechendes erreicht: 1897 entwickelte er im Rahmen seiner Tätigkeit bei »Bayer« ein Medikament namens »Protargol«. Dieses sollte für viele Jahre das einzige auf dem Markt bleiben, das gegen die Geschlechtskrankheit Gonorrhoe, im Volksmund »Tripper« genannt, wirkte. »Das Medikament fand national und international reißenden Absatz«, berichtete Ulrich Chaussy und fügte hinzu: »Es machte Eichengrün wegen der Erfinderprovision zu einem sehr wohlhabenden Mann.«

Ein gern gesehener Gast am Obersalzberg

Eichengrün hatte eine gewisse Zeit seines Lebens am Obersalzberg verbracht, da seiner zweiten Frau Madeleine das »Haus Mitterwurf« gehörte. Dort hielt sich die Familie in den Sommermonaten auf. Die Zeitzeugin Johanna Stangassinger berichtete später, dass sie die Eichengrüns immer in sehr guter Erinnerung behalten habe. Hatten die Kinder von Madeleine und Arthur – Hildegard (Hille) und Hans-Günther – Geburtstag, so waren auch die Kinder aus dem Dorf Obersalzberg eingeladen. Es gab Kakao, Wurstbrote und ein kleines Geschenk – ein Kleidungsstück.

Um die Ehe mit Frau Madeleine war es jedoch nicht gut bestellt – nach einigen Jahren ging Eichengrün eine Beziehung mit dem Kindermädchen Luci ein, das für den jüngsten Sohn eingestellt worden war. Madeleine selbst stammte aus gutem Elternhaus, das »Haus Mitterwurf« stand in ihrem Eigentum, folglich war für Arthur Eichengrün mit dem Ehe-Aus auch die Zeit am Obersalzberg beendet. Madeleine und die Kinder lebten dort noch eine Weile, ehe sie ab 1928 mit ihrem neuen Nachbarn Adolf Hitler auch den zunehmenden »Hitler-Kult« und dessen Auswirkungen zu spüren bekamen: Eines Tages im Jahr 1930 fand Hille, mittlerweile Studentin, einen Drohbrief im Briefkasten. Darauf stand: »Den Juden hier werden wir ein Haberfeldtreiben bereiten.«

Für die Nationalsozialisten war nicht nur Vater Eichengrün ein Jude, sondern auch seine Kinder. Keine Rolle spielte dabei, dass sich Dr. Arthur Eichengrün schon Jahre zuvor vom jüdischen Glauben abgekehrt hatte.

Die Eichengrüns nahmen diese Bedrohungslage ernst, erstatteten Anzeige und verkauften das Haus schließlich im Jahr 1932. Der Zeitpunkt war gut gewählt, denn nur wenig später mussten viele der Obersalzberg-Bewohner ihre Häuser für einen Spottpreis verkaufen oder sind gar enteignet und vertrieben worden. Die Geschichte von Arthur Eichengrün begann und endete aber freilich nicht am Obersalzberg.

Eichengrün wendet sichvom Judentum ab

Das Jahr 1894: »Eichengrün kannte zu dieser Zeit nur einen Weg, den nach oben«, sagte Chaussy. Es war auch das Jahr, in dem Eichengrün sich vom jüdischen Glauben abwandte. Die Motive dafür sind bis heute unklar. Da er jedoch keiner anderen Glaubensgemeinschaft beitrat, geht Ulrich Chaussy davon aus, dass der Chemiker, der nicht streng religiös erzogen worden war, schlicht keine Verbindung zum Glauben hatte. Eichengrün heiratete im selben Jahr seine erste Frau, die Amerikanerin Elisabeth Fechheimer, mit der er Tochter Eleanor, Sohn Edgar, Tochter Alice und Tochter Lottie bekam. Die Kinder wurden evangelisch getauft. »Man liegt aber wohl nicht falsch, wenn man behauptet, dass Religion im Leben Arthur Eichengrüns keine wesentliche Rolle gespielt hat, bis ihm dies später von den Nationalsozialisten auf brutale Weise aufgezwungen wurde.« Eichengrün vertraute indessen auf das in der Reichsverfassung verankerte Versprechen, welches die Juden zu deutschen Bürgern mit gleichen Rechten erklärt hatte. Er war aber auch überzeugt davon, dass er durch seine Arbeit einen gesellschaftlichen Beitrag geleistet hat, der ihn den Deutschen gleichstellte.

Eichengrüns Aspirin

Dazu zählte vor allem auch die Entdeckung des Aspirins, an der Eichengrün wohl entscheidend beteiligt war, auch wenn »Bayer« dies zunächst bestritt. »Unter den zehn Chemikern, die ab 1896 unter der Leitung Eichengrüns im Pharmazeutischen Labor der Firma ›Bayer‹ an der Auffindung neuer Medikamente forschten, war auch Dr. Hoffmann«, erzählte Chaussy. Ihm soll schließlich die Acetylierung der Salicylsäure gelungen sein. Salicylsäure war damals bereits als fiebersenkendes Mittel bekannt – aber auch gefürchtet, denn es griff die Magenschleimhaut an. »Man suchte deshalb nach einer magenfreundlichen Abwandlung.«

Alles, was bei »Bayer« erfunden wurde, durfte jedoch nur dann auf den Markt gebracht werden, wenn es im betriebseigenen pharmakologischen Prüflabor für unbedenklich erklärt worden war. »Dieses Labor leitete Dr. Heinrich Dreser.« Ungewöhnlich war in Bezug auf das Aspirin, dass die Überprüfung der Synthese von Acetylsäure (ASS) erst nach 18 Monaten erfolgte. In anderen Fällen war dies unmittelbar nach der Entdeckung erfolgt.

»Bayer« räumte später ein, dass Heinrich Dreser das Mittel schon nach einer ersten Überprüfung abgelehnt hatte. Er hielt es für ein »direktes Herzgift«. Doch Dr. Arthur Eichengrün war von dem Mittel so überzeugt, dass er es zunächst selbst in unterschiedlichen Dosen einnahm und später befreundeten Ärzten zur Erprobung gab. »Das war definitiv eine Grenzüberschreitung«, sagte Chaussy. Ein Zahnarzt meldete schließlich zurück, dass ein Patient mit Fieber und Kopfschmerzen zu ihm gekommen war und nach der Gabe des Aspirins zumindest das Kopfweh verschwunden sei. »Die illegal gesammelten Daten legte Eichengrün schließlich seinem Chef vor.« Am Ende kam zwar das Medikament auf den Markt, doch die Lorbeeren dafür erhielten andere.

Eichengrün wandte sich in Folge neuen Projekten zu, er experimentierte – noch immer bei »Bayer« tätig – mit Cellulose. Später verließ er den Konzern und gründete das Cellon-Laboratorium, welches 1919 in Cellon-Werke umbenannt wurde. Es folgten zahlreiche Erfindungen und Patente, darunter auch die Schallplatten aus Cellon.

Zuvor jedoch war im Jahr 1902 die Ehe mit Frau Elisabeth zerbrochen. Eichengrün stürzte sich in eine Affäre mit einer verheirateten Frau – Madeleine Bittenbach. Madeleine brachte im Jahr 1904 die Tochter Hille zur Welt. Ein Jahr später heiratete das Paar in London. Eichengrün war gesellschaftlich sehr weit aufgestiegen, »er war im inneren Kreis des Establishments angekommen«, wie Chaussy formulierte. Nachdem auch diese Ehe auseinandergegangen war, siedelte Arthur Eichengrün zusammen mit seiner dritten Frau Luci 1928 in ein Haus nach Berlin. Vier Jahre später zog ein neuer Nachbar in dieses Haus ein – es war Reichstagspräsident Hermann Göring.

Schwierige Zeiten

Die politische Lage verschärfte sich zunehmend: Im März 1933 wurde Eichengrün gezwungen, die Leitung der Cellon-Werke abzugeben. Schon bald erklärte die »Deutsche Reichsbahn«, der damals größte Kunde, die Zusammenarbeit zu beenden, sollte Eichengrün nicht binnen dreier Monate verschwinden. »So wurde die ›Arisierung‹ erzwungen«, sagte Chaussy. Verkaufen durfte er seine Werke jedoch nicht, denn auch er fiel unter das Gesetz der ›Judenvermögensabgabe‹, die sich Nachbar Göring ausgedacht hatte.«

Der Chemiker wollte trotz all dieser Vorkommnisse nicht wahrhaben, dass er in Deutschland nicht mehr sicher war. All seine Kinder waren längst aus Deutschland geflohen, doch Eichengrün blieb. Bei Kriegsausbruch im September 1939 musste das Ehepaar die Wohnung in Berlin fluchtartig verlassen, denn Görings innerparteilicher Rivale Joseph Goebbels hatte in einem Zeitungsartikel die Frage gestellt, »wie lange der Reichsmarschall noch unter einem Dach mit einem Juden leben müsse«. Rund eineinhalb Jahre lebten Arthur und Luci in München. 1942 zogen sie schließlich wieder in eine kleine Wohnung nach Berlin, was nur aufgrund einer großen Summe Bestechungsgeld möglich war. Arthur Eichengrün arbeitete weiter an seinen Erfindungen. Als der Chemiker jedoch erneut einen Antrag an das Patentamt stellte, wurde er angezeigt, denn er hätte seinen Zwangsbeinamen »Israel« unterschlagen. Eichengrün musste eine Haftstrafe antreten und wurde später in das KZ-Theresienstadt deportiert.

Einer weiteren Deportation nach Auschwitz konnte er aber entgehen. Er überlebte und wurde schließlich von den Russen befreit. Seinen Lebensabend verbrachte Eichengrün in Bad Wiessee in Bayern. Dr. Arthur Eichengrün verstarb im Alter von 82 Jahren einen Tag vor Weihnachten im Jahr 1949. Lena Klein